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Predigt Gemeindereferentin Dorothea Busalt am 12.und13.08.2026:Vergebung

zwei Hände halten eine blaue Tasse, die zerbrochen ist
Datum:
14. Sept. 2026
Von:
Dorothea Busalt

Schwestern und Brüder im Herrn,

Was würden Sie sagen, braucht es, dass Gemeinschaft untereinander gelingt?

Was heißt denn überhaupt Gemeinschaft? Wikipedia spricht von einer überschaubaren sozialern Gruppe,deren Mitglieder durch ein starkes „Wir-Gefühl“ eng miteinander verbunden sind. Es ist die kleinste Gruppe einer Gesellschaft. Und Gemeinschaft gilt als ursprünglichste Form des Zusammenlebens und als Grundelement einer .Gesellschaft Soweit die Definition.

Wir haben es in der Lesung gehört: Keiner lebt sich selber und keiner stirbt sich selber. Ohne den anderen , das Gegenüber , das Miteinander können wir Menschen nicht leben.

Ja, was würden Sie sagen, braucht es, dass Gemeinschaft untereinander gelingt? Dass Jeder das Gefühl hat, er gehört dazu ? Vielleicht haben Sie gerade auch jetzt eine Gemeinschaft vor Augen, in der Sie beheimatet sind: die Familie, der Freundeskreis, ein Verein.

Offenheit, Wertschätzung, Wahrhaftig/ ehrlich sein, Die richtige Nähe und Distanz zu wahren, Verantwortung füreinander zu empfinden, sich gegenseitig zu helfen und füreinander einzustehen. Das sind so ein paar Stichpunkte, die mir dazu eingefallen sind. Und sicher kann man diese noch beliebig erweitern.

Schon letzten Sonntag haben wir einen Ausschnitt aus der Gemeinderede des Matthäusevangeliums gehört. Es sind Themen, die dem Apostel Matthäus der Gemeinde, an die dieses Evangelium gerichtet ist, wichtig sind. Und er legt sie den Menschen ans Herz.

Heute im Evangelium geht es darum, dass es ohne Vergebung keine echte Gemeinschaft geben kann. Das müsste in der Liste, die ich schon angefangen habe, ergänzt werden.

Wir haben das Evangelium eben gehört und es ist nicht einfach zu verstehen. Es fällt schwer, diesem Gleichnis zu folgen, mit dem Jesus auf eine einfache und klare Frage des Petrus antwortet. Petrus fragt: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Und er schlägt vor: Bis zu siebenmal. 7x ist bereits eine symbolische Zahl und bedeutet als Zahl der Fülle und Vollkommenheit: Immer! Jesus spielt das Spiel mit und erhöht das Unendliche auf die Unendlichkeiten 10 x 7 = 70 und dann mal 7! Es geht hier nicht um 490 einzelne Vergebungen, sondern darum, dass alle Mitglieder der Gemeinde sich in jedem Fall immer wieder vergeben können – es gibt keine Grenze!

Eigentlich ist das unzumutbar, unmenschlich was wir da hören, weil uns sofort so vieles einfällt, wo wir sagen würden: das geht nicht einfach so, Vergebung, wenn jemand anderes mich in meiner Würde zutiefst verletzt hat. Das soll jetzt alles vorbei und vergessen sein?

Ausgerechnet mit der Aufforderung zur Vergebung ist im religiösen und pädagogischen Kontext der Nachkriegsjahrzehnten bis in die jüngere Vergangenheit hinein vielfach ausgesprochen unverantwortlich umgegangen worden. Wir wissen ja alle, welche Verbrechen es im Krieg gab. Wieviel Menschen wurde Leid angetan und wieviel Menschen hofften auf Vergebung.

Vergebung ist ein komplexer innerer Prozess, der immer dann nicht gelingen kann, wenn mit ihm die Zumutung verbunden ist, die eigenen Gefühle und Verletzungen vorschnell zu übergehen. Das gilt besonders für traumatisierende Erfahrungen: Kinder, die von Eltern oder Bezugspersonen körperliche oder emotionale, bis hin zur sexuellen Gewalt erfahren haben und ein Leben lang unter den Folgen leiden. Kriegstraumatisierte und alle Menschen, die von anderen existentiell ohnmächtig gemacht und in ihrer Würde verletzt wurden.

Man kann sie nicht einfach mit der Aufforderung zur Vergebung konfrontieren. Das würde die Wunde erneut öffnen. Zuerst muss das innerste, die Seele heilen. Sie muss geschützt werden. Das bedeutet, erst einmal auf Distanz zu gehen und selbst zu schauen, wie meine inneren Wunden heilen können.

Widerspricht das beim ersten Nachdenken nicht der Anforderung Jesu, bis zu siebzigmal siebenmal zu vergeben? Ich denke, nein. Wir sollten überlegen, dass Jesus sich eigentlich immer auf Seiten derer positionierte, die zu Opfern gemacht wurden, wie sehr er die in Schutz nahm, die wehrlos waren und an den Rand gedrängt wurden. Eine Vergebung, die die Schuld des Täters übergeht und stattdessen das Opfer in die moralische Pflicht nimmt, geht mit Jesus nicht.

Ein paarmal habe ich in einem Trauergespräch schon gehört, dass sich Kinder von den Eltern abgewendet haben, ohne sichtbare Erklärung warum. Einfach den Kontakt abgebrochen. Wie soll da Vergebung/ Versöhnung einseitig möglich sein? Der verstorbene Ehepartner hat diese Ohnmacht um dieses Vakuum, das in der Familie entstanden ist, mit ins Grab genommen, ohne Versöhnung, ohne Vergebung. Und es ist traurig, dass dann die Kinder weder zur Beerdigung kommen noch erwähnt werden sollen. Vergebung und Versöhnung braucht das jeweilige Gegenüber.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Matthäus, als er dies aufgeschrieben hat, die Dimension des Vergebens vor Augen hatte, die wir, wenn wir das Lesen, in der heutigen Zeit im Blick haben. Er hat es in erster Linie im Blick auf das Miteinander in den christlichen Gemeinschaften gesehen, die sich damals neu gebildet hatten, wo man sich zusammenfinden und Unterschiedlichkeiten klären musste, wo Empfindlichkeiten zutage kamen, die man vorher nicht im Blick hatte. Und wo man sich durch sein Verhalten auch Gott gegenüber schuldig gemacht hat.

Ihm war in erster Linie wichtig damit zu sagen: Verlasst Euch in der Gemeinde aufeinander und auf eure fast unendliche Fähigkeit zur Vergebung! Ebenso unendlich ist die Kraft Gottes, die Ungerechtigkeiten zu beenden. Das ist Reich Gottes. Amen.