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Predigt Pfarrer Dr. Givens am 26.04.2026:Vom Hand-Auflegen und Aber-Geistern

Ich glaube an das Leben, ich glaube, dass da eine Hand ist, die uns hält.
Es braucht die, die darauf vertrauen, dass das Leben bis dahin nur gelingen und auferstehen wird, wenn wir nicht davor zurückschrecken, auch in der Hilflosigkeit zu berühren und berühren zu lassen.
Datum:
26. Apr. 2026
Von:
Vincent Gutscher

Liebe Firmbewerber*innen, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
da haben sich zwei gesucht und gefunden.

Der eine steht da vorne: Petrus, mit dem Schlüssel in der Hand. Und eigentlich müsste auf der anderen Seite, da drüben, wo Paulus steht, Markus stehen.

Denn Petrus und Markus, die haben sich gesucht und gefunden. Petrus war ein Fischer, der konnte weder lesen noch schreiben. Der hat einen gebraucht, der für ihn schreibt, sonst gäbe es jetzt keinen Brief an die Gemeinde, den wir gerade eben in der Lesung gehört haben. Markus konnte schreiben und hat für Petrus geschrieben. Und Petrus sprach das Galiläisch vom See – das hat kein Mensch verstanden, schon gar nicht in Rom, dorthin, wo er hingezogen ist. Der hat einen Übersetzer gebraucht, einen Dolmetscher, der ihn versteht. Die haben sich gesucht und gefunden – auch deswegen, weil sie sich in einem ganz wichtigen Punkt verstanden haben:

Sie haben ihren besten Freund verraten und verleugnet.

In der entscheidenden Nacht, als die Soldaten kommen, um Jesus im Garten Getsemani zu verhaften, da heißt es:
„Ein junger Mann, den die Soldaten am Gewand packten, ließ sein Gewand fallen und rannte nackt davon.“
Das war Markus. Der hat in diesem Augenblick seine Haut gerettet und ist lieber nackt davongelaufen, als zu seinem Jesus zu stehen. Und es dauert nicht lange, bis Petrus sagen wird: „Diesen Jesus kenne ich nicht. Noch nie davon gehört. Was wollt ihr von mir?“

Petrus und Markus wissen, wie tief man fallen kann, obwohl man sich so viel vorgenommen hat: Treu zu sein, verlässlich zu sein. Deswegen haben sie sich nicht nur ergänzt, sondern auch gut verstanden. Markus schreibt auf, was er von Petrus hört, denn Petrus, der ein ganzes Leben lang mit Jesus zusammen gewesen ist, predigt in Rom. Markus übersetzt das – und irgendwann setzt er sich hin und schreibt alles auf. Das älteste Evangelium, das wir gerade gehört haben, das Grundlage für die anderen Evangelien geworden ist.

Nicht nur, dass ich es gerade eben geküsst habe, da steht auch drin: Durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen.

Ihr geht zur Firmung, weil ihr glaubt. Und wir sind heute Morgen hier, wir nehmen uns diese Zeit für den gemeinsamen Gott, weil wir glauben.

Herr Botta: Wie viele Dämonen haben Sie schon ausgetrieben?
Frau Stimpel: Wie viele Dämonen sind geflohen?

Durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen:
In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben.

Das ist die Erfahrung des Markus. Das schreibt er uns ins Evangelium, das schreibt er über uns, die wir glauben.

Natürlich, Herr Botta, natürlich, Frau Stimpel, haben Sie schon viele Dämonen ausgetrieben. Es sind die „Aber-Geister“. Unser Land kommt nicht vorwärts, unsere Kirche kommt nicht vorwärts, weil es so viele „Aber“ gibt, und so wenige, die den Mut haben zu sagen: Ich wage es trotzdem, ich mache das.

Im Kleinen: Man hat Streit. Und der Aber-Geist sagt: „Ich habe aber recht.“
Und der Frieden sagt: „Schluck’s runter. Fang an, dich zu versöhnen.“

Es gibt so viele Dämonen, so viele Aber-Geister. Und Gott sei Dank gibt es so viele über uns, die gelernt haben, dass es das braucht: Dass es das braucht in der Freundschaft, dass es das braucht, um gemeinsam ein Ehe-Jubiläum zu feiern, dass es das braucht, um durch dick und durch dünn zu gehen – um die Dämonen zu besiegen.

Nichts darauf geben, was andere sagen und denken, was es an Aber gibt. Sondern sagen: Ich wage es trotzdem. Auch mit dem Wissen, dass man scheitern kann – so wie Markus gescheitert ist. Und der erfahren hat: Jesus sagt trotzdem: Dich brauche ich.

Schauen Sie auf Ihr Leben: Wie viele Dämonen haben Sie schon ausgetrieben? Wie oft haben Sie schon dem Aber-Geist getrotzt?

Wie wichtig ist das, in der Kirche, der Familie, der Nachbarschaft, der Politik diejenigen haben, die den Mut haben zu sagen: „Ich wage es trotzdem, mich den Dämonen zu widersetzen.“

Durch die, die um Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: Sie werden sie in neuen Sprachen sprechen.

Das betrifft vor allem euch. Ihr seid die Generation, die eine neue Sprache lernen muss – und von der wir eine neue Sprache lernen müssen.

Wie viel Hass ist in den asozialen Netzwerken?
Wie viel Hass und wie viel Böses wird weitergegeben über Smartphones und Computer?

Wir müssen eine neue Sprache lernen: Eine Sprache jenseits von Hass, jenseits von Grenzen. Eine Sprache, jenseits von Kulturen und Grenzen, die anders ist, als die Welt sie spricht. Wir merken in allen Bereichen, dass wir zunehmend eine Sprache sprechen, die vergiftet und die Herzen mit Hass erfüllt. Eine Sprache, an die wir uns schon so gewöhnt haben, dass es dringend diejenigen braucht, die wissen:

Bei der Firmung ist mir ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet worden – damit ich, wie an Pfingsten, als der heilige Geist ausgegossen wird, eine andere Sprache spreche: Eine Sprache, die aufbaut, eine Sprache, die Menschen berührt, eine Sprache, die berührt. Ihr werdet in Taizé baden in dieser Sprache, in der gesungen Sprache, der Stille, der Sprache der Liebe. In dieser anderen Sprache. Es ist möglich, eine Sprache zu sprechen, die heilt und die gut tut.

Durch die, die glauben, kommt eine andere Sprache in die Welt.

Und wenn sie Schlangen anfassen und Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden.

Natürlich weiß ich: Wenn man eine Giftschlange anfasst, kann das tödlich sein. Und wenn man Gift trinkt, tötet es. Aber doch gehe ich davon aus, das hier heute morgen niemand sitzt, der noch nie Gift getrunken hat: Wie viel Gift wird jeden Tag weitergegeben? In Schulen, in Betrieben, in Familien? In der Kirche, der Pause, Wie viel Gift wird in die Ohren geträufelt: Weißt du schon, hast du schon mitbekommen? Und dann braucht es die, die dieses Gift schlucken, die wissen: Ich bin gerade eben von der Giftschlange gebissen worden, von der Rache, des Neides, aber ich werde es nicht weitergeben. Ich werde es nicht weitererzählen, nicht weiterleiten, nicht liken. Ich werde es trinken und vertrauen, dass es mich nicht vergiftet. Ich gebe es nicht weiter, damit dieses tödliche Gift nicht weiter tötet.

Wie gut tut es, einer Familie, einem Jahrgang, einem Betrieb, wenn nicht alles weitererzählt wird. Wie lebt eine Klasse auf, wenn nicht alle weitergeleitet wird.

Durch die, die glauben, hört das Gift auf. Wenn einer oder eine darauf vertraut: Bei mir ist es angekommen, ich spüre wie giftig es ist, aber ich gebe es nicht weiter. Bei mir findet es ein Ende.

Und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.

Auch das weiß ich: Was glauben Sie, wie vielen Kranken ich die Hände aufgelegt – und sie sind gestorben. Und trotzdem höre ich nicht auf.

Ich hoffe, dass Sie alle die Erfahrung gemacht haben: Es  gibt nichts Heilenderes, nichts Stärkenders, als die Hand geben oder zu halten, die Wange an die Wange zu halten und darauf zu vertrauen:

Auch wenn ich dich nicht heilen kann – ich schenke dir etwas von meiner Kraft, meinem Leben, meinem Glauben, auf dass es ein Wiedersehen gibt, eine Auferstehung. Es braucht die, die, obwohl sie genau wissen, dass der Tod zum Leben dazugehört, und auch der, der die Hand auflegt, wird irgendwann selber tot sein. Es braucht die, die darauf vertrauen, dass das Leben bis dahin nur gelingen und auferstehen wird, wenn wir nicht davor zurückschrecken, auch in der Hilflosigkeit zu berühren und berühren zu lassen. Immer in der Hoffnung: Es gibt einmal eine größere Hand, eine stärkere Hand, die uns hält. Die sich ans Kreuz hat festnageln lassen, die dann da ist, wenn meine Hand nicht mehr heilen kann. Bis dahin kann ich darauf vertrauen, dass die Hände mindestens genau so wichtig sind wie jede Therapie, jede Medizin.

Nachdem Jesus, der Herr, dies zu ihnen gesagt hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.

Darum sind wir alle getauft, und darum haben wir das Kreuzzeichen bei der Firmung empfangen:
Damit wir der Schöpfung davon erzählen, dass das Böse nur durch das Gute besiegt werden kann.

Dass es möglich ist, Dämonen auszutreiben, den Aber-Geistern das Gute entgegenzusetzen.

Dass es Menschen braucht, die das tödliche Gift trinken, damit es aufhört, eine Familie, eine Gemeinde, die Welt zu vergiften.
Dass es die braucht, die eine andere Sprache sprechen.
Dass es die braucht, die in der eigenen Hilflosigkeit Hände auflegen und vermitteln: Ich glaube an das Leben, ich glaube, dass da eine Hand ist, die uns hält.

Darum hat Markus uns dieses Evangelium anvertraut.

Amen.