Predigt Pfarrer Dr. Givens vom 10. Mai 2026:Wir tragen die Christus-Farbe in uns

Farbe in die Welt bringen
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
heiligt in eurem Herzen Jesus Christus den Herrn. Das haben wir gerade eben in der Lesung gehört. Heiligt in eurem Herzen Jesus Christus den Herrn und dann als nächsten Satz: Seid jederzeit bereit, vor jedermann Rechenschaft abzulegen von der Hoffnung, die ihr habt.
Ich habe Ihnen ein paar Malerpinsel heute Morgen mitgebracht. Die stehen für einen Mann, der war voller Farben und Marc Chagall schreibt in einem seiner Gedichte: „In mir sind so viele Farben und ich möchte sie zum Leuchten bringen.“ Aber er schreibt auch in einem anderen Gedicht: „In mir ist nur noch Dunkelheit.“ und alle Farben sind in mir eingeschlossen. Es ist das Jahr seines größten Triumphes. Die Vereinten Nationen haben ihm als Auftrag gegeben, ein riesiges Friedensfenster in New York zu schaffen. Die Metropolitan Opera hat ihn beauftragt, für Mozarts Die Zauberflöte die Gewänder und das Bühnenbild zu schaffen. Die Kathedrale von Reims hat angefragt, ob er die mittelalterlichen Fenster ergänzen würde durch Fenster nach seiner Art. Er ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens und er schreibt in diesem Gedicht: Es ist, als wären alle meine Pinsel eingetrocknet. Als wäre die Farbe verkrustet, als könnte nichts mehr aus mir herausfließen. Da ist keine Hoffnung, da ist nichts, was er zum Leuchten bringen könnte, weil Schreckliches hat er erlebt. Zweimal ins Exil, in Marseille verhaftet von den Nazis, noch einmal entkommen in die Vereinigten Staaten von Amerika, mit seiner geliebten Frau Bella. Sie bekommen eine Tochter. Das Glück ist, in all seinen Bildern zu sehen, in allen Farben zu spüren. Da stirbt Bella an einer Infektion. Nur noch Dunkelheit ist im Leben von Marc Chagall. Er findet noch einmal eine Frau und wieder leuchten die Farben, wieder ist er fähig, jetzt ist die Zeit, wo die großen Aufträge kommen, da verlässt ihn diese Frau, da sitzt er da, die UN wartet, die Metropolitan wartet, Reims wartet, aber über ihn kommt die Dunkelheit vom Exil, vom verlorenen Dorf, von Bella, vom Verlassenwerden.
Da erreicht ihn mitten in dieser Dunkelheit, mitten in dieser Zeit, wo er das Gefühl hat, alle meine Farbpinsel sind verkrustet, da erreicht ihn ein Brief aus Südengland. Ein Ehepaar schreibt Marc Chagall: Wir brauchen Ihre Hilfe. Die beiden haben kurz zuvor ihre geliebte Tochter mit 21 Jahren verloren. Auch für diese beiden Menschen, tiefgläubige Anglikaner, ist nur noch Dunkelheit. Und sie schreiben in dem Brief an Marc Chagall: Wir möchten Ihnen erzählen von uns, von Ihrer, von unserer Tochter, von Sarah. Sie war in Paris in einer Ausstellung, hat zum ersten Mal dort ihre Bilder gesehen und sie kam zurück aus Paris und hat geschwärmt, tagelang von ihren Bildern, von den Farben, von dem, was sie gesehen hat. Sie glauben gar nicht, wie verändert unsere Tochter war durch das, was sie gemalt, was sie geschaffen haben. Sie haben ihr Lebensmut, sie haben ihr Hoffnung, sie haben ihr alles gegeben. Wäre es möglich, dass sie zu uns kommen und wir einen Weg finden, dass sie für Bella, für ihr Grab etwas gestalten? Da macht er sich auf den Weg, lässt die Auftragsarbeit für die Vereinten Nationen, lässt die Metropolitan, lässt Reims und fährt in dieses Dorf irgendwo am Rande von Südengland zu diesen verzweifelten Eltern. Und dann erzählen die Eltern eine ganze Nacht von ihrer Tochter, erzählen, was sie geschwärmt hat von der Ausstellung in Paris, erzählen, was dieses Mädchen gewesen ist, was sie ihnen bedeutet hat und wie viel Dunkelheit da ist und wie sie sich danach sehnen, dass etwas von der Lebensfreude ihrer Tochter irgendwo in ihrem Herzen wieder aufersteht. Am Ende dieser Nacht, am Ende des Erzählens, als auch Marc Chagall erzählt hat, von dem, was ihn so bedrückt, was sein Leben so dunkel macht, was ihm es unmöglich macht zu malen, am Ende dieser Nacht geht er mit den Eltern in die kleine Dorfkirche, dort wo das Grab von Sarah ist und er weiß, ich kann wieder malen. Noch in der Nacht, noch bevor der Morgen anbricht, gestaltet er ein Fenster für diese kleine Dorfkirche, in dem alle Hoffnung, in dem all seine Farben, in dem all das, was ihn bewegt, all die Trauer der Eltern, all das, was die Tochter erzählt hat von der Ausstellung, alles zum Leuchten kommt.
Heiligt in eurem Herzen Jesus Christus den Herrn. Seid jederzeit bereit, Zeugnis abzulegen vor jedermann, von der Hoffnung, die in euch ist. Es gibt Zeiten, da können wir das nicht. Es gibt Zeiten, da sind unsere Farbpinsel eingetrocknet. Es gibt Zeiten, da weiß ich zwar, was es heißt, Hoffnung zu haben, Christ zu sein, zu glauben, aber da ist alles eingetrocknet. Und dann braucht es die Gemeinde, dann braucht es die Schwestern und Brüder, dann braucht es die Freundin, dann braucht es den Freund, dann braucht es das Gespräch, dass auf einmal wieder etwas anfängt zu leuchten. Das können wir nicht selbst machen. Dazu brauche ich die anderen. Da brauche ich die Berührung dazu, brauche ich denjenigen, der mit mir auch die Dunkelheit, auch die vertrockneten Pinsel teilt und sich danach sehnt, dass es wieder leuchtet. Marc Chagall hat danach das Fenster für die Vereinten Nationen fertiggestellt. Die Premiere der Metropolitan Opera war ein Triumph. In Reims sind die Bilder zu sehen, die er geschaffen hat. Das war möglich. weil da ein Brief kam von verzweifelten Eltern in ihrer Dunkelheit an einen, der auch die Dunkelheit kannte und weil sie einander nicht die Dunkelheit verschwiegen haben eine ganze Nacht lang, sondern weil sie einander auch Hoffnung gemacht haben, erzählt haben von dem, was geleuchtet hat, was sie vermissen, was heilig und was schön ist.
Es gibt keinen und keinen von uns, der nicht eine Christusfarbe in sich trägt. Es gibt keinen und es gibt keine hier, die nicht eine Christusleuchtenfarbe in sich tragen würde. Manchmal ist es vertrocknet, manchmal trauen wir uns nicht, von dieser Farbe zu erzählen, manchmal ist das Dunkel so groß dann braucht es die anderen, dann braucht es die Gemeinde, dann braucht es das Singen, dann braucht es das Miteinander hoffen, damit wir uns wieder getrauen zu sagen: Ich habe auch eine Farbe, ich habe nicht nur Dunkelheit. Wenn Sie nachher zur Kommunion gehen, dann kriegen Sie alle die Hostien in die Hand gelegt und das ist wie ein Farbtiegel. Das ist die Farbe, die Jesus ihnen zutraut. Und es gibt keinen, der nicht innerlich einen Pinsel hätte. Und dass dieser Jesus darauf wartet, dass wir diese eine Jesusfarbe in die Welt hineintragen, damit es leuchtet. So wie in Südengland aus der Dunkelheit ein unglaubliches Licht entstanden ist, da Menschen einander zugetraut haben, dass sie eine Hoffnung haben. Seid jederzeit bereit, Zeugnis abzulegen von der Hoffnung, die in euch ist. Amen.