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75 Jahre Gedenkkreuz der Heimatvertriebenen:Zur Einweihung des Denkmals am 5. August 1951

Das Gedenkkreuz der Heimatvertriebenen auf dem sog. Alten Friedhof in Viernheim
Frau Prof. Dr. Stephanie Böhm hat aus Anlass des heutigen 75 jährigen Jubiläums der Einweihung des Gedenkkreuzes der Heimatvertriebenen auf dem Viernheimer Alten Friedhof und über die Geschichte der Heimatvertriebenen nach dem zweiten Weltkrieg in Viernheim einen Artikel verfasst. Gerade weil nach dem Krieg unsere Pfarreien durch die Heimatvertriebenen neu belebt und auch geprägt wurden, freuen wir uns, diesen Artikel auch hier auf unserer Homepage veröffentlichen zu können und bedanken uns ganz herzlich dafür.
Datum:
5. Aug. 2026
Von:
Prof. Dr. Stephanie Böhm
Weihe des Gedenkkreuzes am 5.8.1951  -  Archiv Böhm

Friedhöfe sind Orte eigenen Charakters: Dem Profanen nicht zugehörig, fungieren sie als Brücke zwischen dem Diesseits und Jenseits und bilden den Rahmen individuellen Gedenkens, sei es an Einzel- oder Familiengräbern.

Daneben gibt es aber auch Gedenk- und Grabmale, die das kollektive Gedächtnis ansprechen, da sie von besonderer Bedeutung für die Erinnerungskultur einer Gemeinde sind.

Auf dem Viernheimer sog. Alten Friedhof befinden sich mehrere Denkmale dieser Art: die Gedenkstätte der 1921 in Oppau Verunglückten, der Grabbezirk der in den beiden Weltkriegen Gefallenen, die Ruhestätte der im 2. Weltkrieg durch Fliegerbomben getöteten Einwohner Viernheims sowie die Priestergräber und die Grablegen der ´Englischen Fräulein´ und der Niederbronner Schwestern.

Dazu zählt auch das Gedenkkreuz der Heimatvertriebenen, das heute vor 75 Jahren, am 5. August 1951, eingeweiht wurde.

Das Gedenkkreuz

Postkarte mit Ansicht des Gedenkkreuzes von Foto-Blaschke Viernheim  -  Archiv Böhm

Weithin sichtbar sind die auf dem Querbalken des Kreuzes angebrachten Worte „Den Toten der Heimat“, während eine Tafel am Sockel die Inschrift trägt:

Errichtet 1951

von den

Heimatvertriebenen

und

der Stadt Viernheim

In der Nische darüber befindet sich eine Urne mit Erde aus dem Sudetenland. Die beigefügte Urkunde schließt mit den Worten: „Mögen alle Heimatvertriebenen, die zu stiller Andacht an dieses Mal herantreten, von IHM, dem Vater aller Heimatlosen, die Kraft empfangen, das geistige Erbe der Ahnen zu bewahren“. Das Schriftstück ist datiert auf den 22. Juli 1951, den Tag der Füllung und des Verschlusses der Urne und ist unterzeichnet vom Vorstand des Ortsvorstandes der Heimatvertriebenen, d.h. vom Sprecher der Sudetendeutschen, dem der Schlesier, der Ostseedeutschen und der Südostdeutschen.

Die Einweihung des Gedenkkreuzes

Pressemitteilung vom 8.8.1951  -  Archiv Böhm

Wie der Tagespresse vom 8. August 1951 zu entnehmen ist, wurde die feierliche Einweihung des Gedenkkreuzes seitens der katholischen Kirche durch Prälat Dr. Kindermann, Leiter des Priesterseminars für Flüchtlingstheologen in Königstein/Taunus, und seitens der evangelischen Kirche durch Oberkirchenrat Bartelt aus Frankfurt/Main vorgenommen. Weiter heißt es in dem Bericht: „Bürgermeister Neff übernahm im Namen der Stadt das Mahnmal und versprach, es gebührend in Ehren zu halten“.

Höhepunkt des Ostdeutschen Tages

Einladung und ´Sticker´ des Ostdeutschen Tages -  Archiv Böhm

Der Festakt war einer der Höhepunkte, mit dem der „Ostdeutsche Tag“, eine Veranstaltung der Heimatvertriebenen des Kreises Bergstraße, in Viernheim begangen wurde. Bereits am 4. August, zu Beginn der Festivität, hatte sich Landrat Dr. Lommel in einem längeren Zeitungsbeitrag mit einem „herzlichen Willkommensgruß“ an die Organisatoren und Gäste des Ostdeutschen Tages gewandt. In dem Bewußtsein, dass es „der Anstrengung aller gutgesinnten Menschen bedürfen (werde), um die Pläne zur Eingliederung der Heimatvertriebenen der Verwirklichung näher zu bringen“, war er der Überzeugung, dass man dieses Ziel erreichen werde. Der „Ostdeutsche Tag“ in Viernheim werde „auf diesem Wege ein Stück weiter bringen“.

Die Aufnahme der Heimatvertriebenen in Viernheim

Zu Heimatvertriebenen war die ostdeutsche Bevölkerung aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien, dem Sudetenland und Siebenbürgen schon lange vor den Beschlüssen des Potsdamer Abkommens vom 2. August 1945 geworden, wiewohl die systematischen Ausweisungen und Maßnahmen zur Aufnahme der Flüchtlinge in den westlichen Gebieten erst später anlief.

Am 17. Februar 1946 erreichte der erste Transport mit 1200 Menschen aus dem Sudetenland den Kreis Bergstraße. Zuweisungen gab es auch für Viernheim. Bald darauf trafen die ersten Schlesier ein. Entsprechend groß war die Wohnungsnot, denn es galt, für ca. 1000 Flüchtlingen Unterkünfte in Viernheim zu finden, zumal die alsbald von der örtlichen Verwaltung erfaßten privaten Unterkünfte bei weitem nicht ausreichten.

Die Gemeinde reagierte rasch: Unter Bürgermeister Neff wurde im September 1946 ein Notbauprogramm vorgelegt, das den Ostflüchtlingen verbilligtes Bauland zur Verfügung stellte und die Gemeinnützige Baugenossenschaft sorgte durch sozialen Wohnungsbau für bezahlbare Mietswohnungen.

Wie groß die Not selbst noch an Weihnachten 1946 war, zeigt ein Appell, mit dem sich Bürgermeister Neff an die Viernheimer Bevölkerung wandte: „Öffnet Euere Herzen und Euere Türen für jene, die kein Weihnachten in der Heimat zu feiern vermögen. Zeigt ihnen durch Euere Aufgeschlossenheit, daß ihr Platz jetzt unter Euch ist!“

Der Ostdeutsche Tag

Programm des Ostdeutschen Tages  -  Archiv Böhm

Dass ca. 5 Jahre später, im August 1951, eine Veranstaltung wie der „Ostdeutsche Tag“ in Viernheim stattfinden konnte, war das Ergebnis erfolgreichen ´networkings´. Dem vorausgegangen war die Gründung eines Verbandes am 1. Januar 1948 im Viernheimer „Ratskeller“, der den Namen ´Ortsverband des Bundes der vertriebenen Deutschen´ (BvD) trug (später: BdV, Bund der Vertriebenen). Am 20. Dezember 1949 trafen sich erstmals die Viernheimer Schlesier im „Fürst Alexander“ zu einem Heimatabend, den Lehrer Hermann Böhm aus Breslau und seine Familie gestaltete. Weitere derartige Abende sollten bis weit in die 50er Jahre in der Gaststätte „Zum Gartenfeld“ folgen. Was sich daraus entwickelte, war schließlich der ´Ortsverband der Landsmannschaft Schlesien´.

 

Die Eingliederung in Viernheim

Der ´Ortsverband der Heimatvertriebenen´ indes war breiter aufgestellt. Hier waren die Sudetendeutschen, vertreten durch Bartholomäus Kubin, die Schlesier durch Dr. Norbert Böhm, die Ostpreußen durch Fritz Schlaack und die Ungarndeutschen durch Anton Harton. Das Amt des Obmanns hatte Gustav Breburda inne.

Bei aller Heimatliebe und -verbundenheit war den Ankömmlingen aber gleichermaßen an der Eingliederung in die neue Heimat gelegen, was ohne den Beitrag und die Bereitwilligkeit der alteingesessenen Viernheimer nicht möglich gewesen wäre. Es gelang durch gemeinsames Wirken in den Pfarrgemeinden und Vereinen und nicht zuletzt wurde die gesellschaftliche Integration in die Viernheimer Bevölkerung auch durch das Mitwirken der Heimatvertriebenen am wirtschaftlichen Wiederaufbau und durch die Übernahme politischer Verantwortung im Gemeinwesen erreicht. Schon in den Anfangsjahren wirkten Karl Müller und Franz Grossert für die sozialdemokratische Fraktion sowie Gustav Breburda und Dr. Norbert Böhm für die Fraktion der Christlich-Demokratische Union in der Gemeindevertretung, später der Stadtverordnetenversammlung, mit.

Mögen diese Erläuterungen zum Jubiläum des Gedenkkreuzes der Heimatvertriebenen dazu beitragen, dessen Entstehung in seinem mittlerweile schon als ´historisch´ zu bezeichnenden Zusammenhang zu verstehen und die Erinnerung daran wach zu halten.