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„Dramatische Situation“

Pflegeheim
Was ist gerade los in der Pflegebranche? Die angekündigte Schließung des Binger Seniorenheims Stift St. Martin ist auch ein Hinweis auf strukturelle Probleme. Regina Freisberg, Diözesancaritasdirektorin im Bistum Mainz, erläutert die Hintergründe.
Datum:
14. Jan. 2026
Von:
Anja Weiffen | Glaube und Leben

Das Seniorenzentrum in Bingen ist nicht das einzige, das vor dem Aus steht. Bundesweit schlossen 2025 mehr als 60 Seniorenheime. Die Gründe sind vor allem wirtschaftliche. Warum stehen Seniorenheime gerade so unter Druck?

Gerät eine stationäre Einrichtung in eine wirtschaftliche Schieflage, sind die Gründe meist vielschichtig. Da ist der Pflegenotstand: Während die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt, sinkt die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter. Fehlt Personal, muss verstärkt auf kostenintensive Leiharbeit zurückgegriffen werden, anderweitig können Plätze in der Einrichtung nicht belegt werden. Das setzt eine finanzielle Abwärtsspirale in Gang, aus der Seniorenheime nur schwer herausfinden. Darüber hinaus machen steigende Betriebskosten den Einrichtungen zu schaffen, etwa durch steigende Personalkosten, Energiepreise und Lebensmittelkosten. Diese können im Entgelt, wenn überhaupt, nur zeitversetzt eingepreist werden. Bauliche Modernisierungen oder gar Ersatzbauten lassen sich nur schwer umsetzen. Das liegt an hohen Bau- und Finanzierungskosten, umfangreicher Bürokratie und keiner finanziellen Unterstützung von Landesseite.

Womit hat die Branche besonders zu kämpfen?

Die Schließung eines Seniorenheims ist in der Regel das Ergebnis struktureller Probleme, die Träger bundesweit betreffen. Die derzeitige dramatische Situation ist inzwischen in der Politik angekommen.
Als Caritas fordern wir, dass den kürzlich veröffentlichten, teilweise sehr allgemein gehaltenen Eckpunkten des „Zukunftspakt Pflege“ unverzüglich konkrete Gesetzgebungsschritte zu den drängenden Fragen der Versorgungssicherheit und Finanzierung folgen.

Darf die Daseinsvorsorge, zu der die Pflege gehört, überhaupt nach Marktlogik funktionieren? Was ist die Auffassung der Caritas dazu?

Die Weichen dazu wurden vor 30 Jahren mit der Einführung der Pflegeversicherung gestellt. Die Caritas befürwortet grundsätzlich die Marktlogik in der Pflegebranche, steht aber der Gewinnabsicht der privatgewerblichen Anbieter kritisch gegenüber. Es gibt einen Unterschied zwischen den Wohlfahrtsverbänden und den privatgewerblichen Anbietern im Markt. Erzielte Überschüsse verbleiben bei den Wohlfahrtsverbänden wie der Caritas im System. Das ermöglicht die Weiterentwicklung der Pflegebranche. Bei privaten Anbietern werden Überschüsse in der Regel als Gewinn ausgeschüttet, etwa bei Aktiengesellschaften an Aktionäre.

Was ist der beste Hebel, um diesen strukturellen Problemen entgegenzuwirken?

Verschiedene Hebel müssen angesetzt werden. Einerseits braucht es eine engere Verzahnung, damit stationäre Einrichtungen, ambulante Pflegedienste und teilstationäre Angebote, wie zum Beispiel Tagespflegen, ihre Angebote besser aufeinander abstimmen können. Davon profitieren Pflegebedürftige und Einrichtungen gleichermaßen. Andererseits braucht es eine verlässliche Finanzierung präventiver Angebote, die verhindern, dass Menschen pflegebedürftig werden. Aktuell können nur Leistungen in Anspruch genommen werde, wenn ein Pflegegrad vorliegt.
Darüber hinaus gilt es, die Tätigkeiten von Mitarbeitenden in Pflegeeinrichtungen und Diensten zu entbürokratisieren wie zum Beispiel hinsichtlich Stichtagsmeldungen. Unnötige Dokumentation ist auf den Prüfstand zu stellen.
Eine schnellere Anerkennung von ausländischen Fachkräften und eine bessere Qualifizierung von nicht pflegerischen Kräften würden ebenfalls helfen. Nicht zuletzt müssen wir die Abbrecherquote der Auszubildenden in der Altenhilfe von zurzeit 30 Prozent in den Blick nehmen und hier gegensteuern. Gründe können hier in der veränderten Ausbildungsform liegen oder auch in steigenden Lebenshaltungskosten, weswegen eher ein Job angenommen wird, als eine Ausbildung zu absolvieren.

Welche konkreten Forderungen an die Politik haben Sie?

Die Politik muss endlich eine umfangreiche Pflegereform angehen. Bildlich gesprochen reicht es nicht aus, Pflaster auf eine klaffende Wunde zu kleben. Stationäre Einrichtungen dürfen nicht in solche Abwärtsspiralen geraten.
Konkret bedeutet das: Die Rahmenbedingungen für den Betrieb einer stationären Einrichtung – etwa die Frage, wie viel Personal mit welcher Ausbildung durchgängig präsent sein muss – müssen auf den Prüfstand gestellt werden. Möglichkeiten und Notwendigkeiten sollten lösungsorientiert und ehrlich diskutiert werden. Die notwendige Entbürokratisierung hatte ich bereits genannt. Gleichzeitig sind alternative Wohnformen eine wichtige Ergänzung, um die Versorgung pflegebedürftiger Menschen zu sichern, etwa Wohngemeinschaften für Demenzerkrankte.
Wir fordern Investitionen, wie etwa für Umbaumaßnahmen oder Förderung von Weiterbildungsangeboten für potenzielle Mitarbeitende und konkret eine Steigerung des Wohngruppenzuschlags für trägerorganisierte Wohngemeinschaften. Die Politik darf sich nicht allein auf Angehörige und Nachbarschaftshilfen verlassen. Aktuell werden circa 80 Prozent der pflegebedürftigen Menschen durch Angehörige versorgt.

Zur Person

Regina Freisberg

Regina Freisberg ist seit 2020 Diözesancaritasdirektorin im Bistum Mainz. Sie ist neben Nicola Adick eine von zwei Diözesancaritasdirektorinnen im Bistum. Freisberg hat Sozialpädagogik und Soziologie studiert.

Zum Stift St. Martin

Das Seniorenzentrum Stift St. Martin in Bingen soll Ende Juni geschlossen werden. Das kündigte die Trägerin der Einrichtung, die Carl Puricelli’sche Stiftung Sophienhaus Bingen, im Herbst an. Inzwischen hat die Stiftung Insolvenz beantragt. Den Betrieb des Hauses führt seit 2021 die Caritas Altenhilfe St. Martin Rheinhessen gGmbH. Als Gründe der Schließung nennt die Stiftung, dass sie sich nicht mehr in der Lage sieht, das finanzielle Defizit des Stifts weiter zu tragen sowie in die Sanierung des Gebäudes zu investieren. Gegen die drohende Schließung gab es seitens der Mitarbeitervertretung Proteste. Für die derzeitigen Bewohnerinnen und Bewohner bleibt die Versorgung gesichert; sie und ihre Angehörigen werden unterstützt, neue Pflegeplätze zu finden.

Auch die Mitarbeitenden bekommen Hilfe bei der Suche nach neuen Arbeitsstellen. Ausführliche Informationen bieten die FAQ (Antworten auf häufig gestellte Fragen) auf: stift-st-martin.de