Interview aus „Glaube und Leben“, Nr. 20/2026:„Mit beharrlicher Nächstenliebe“

Ökumene, Weltkirche, interreligiöser Dialog, Frieden und Gerechtigkeit – diese Referate sind jetzt in der „Koordinationsstelle für Dialog und gesellschaftliche Verantwortung“ vereint. Warum diese Veränderung?
Bischof Kohlgraf hat Ende August in der Mainzer Tageszeitung von dem „bunten Mosaik Kirche“ gesprochen und gerade diese Weltgemeinschaft soll in der neu eingerichteten Stelle im Fokus stehen. Als Fachreferate sind wir Servicestelle für Mitarbeitende und Ehrenamtliche im Bistum Mainz, aber auch Anlaufstelle für Fragen aus der Zivilgesellschaft. Kirche und Gesellschaft verändern sich ständig. Es ist wichtig, darauf zu achten und zu reagieren. Als Fachstellen innerhalb des Bischöflichen Ordinariats haben wir gesehen, wie wir auf viele Fragen nur gemeinsam gute Antworten finden.
Warum nur gemeinsam?
Fragen der kirchlichen Entwicklungsarbeit hängen eng zusammen mit Klimagerechtigkeit, Migrationsursachen und Kriegsgeschehen. Zuwanderung bedeutet, dass verstärkt auch katholische Menschen anderer Sprachen und Riten in unserem Bistum ihren Glauben leben wollen. Damit weitet sich unser Verständnis von Ökumene. Der Dialog zwischen den Religionen wird an vielen Stellen im Bistum bereits gelebt. Es ist wichtig, dass er sichtbar nach innen und außen wird.
Für die Fachreferate, die nun zusammengeführt wurden, bedeutet es, dass wir Ressourcen wie Finanzen, Personal und Räume effizienter nutzen. Wir wollen auch inhaltlich enger zusammenarbeiten und uns vertreten können, denn gerade die Mitarbeit in zivilgesellschaftlichen Netzwerken ist noch wichtiger geworden.
Auf welchem Gebiet stellen sich für Kirche und Bistum besondere Herausforderungen?
Ich glaube nicht, dass wir mit unseren Herausforderungen allein dastehen. Deswegen bin ich froh, dass wir deutschlandweit mit Kolleginnen und Kollegen im Austausch stehen und gemeinsam neue Wege ausprobieren. Aus meiner Sicht gibt es zwei große Herausforderungen: Ressourcen und Haltung. Unser Umgang mit Ressourcen muss sich ändern. Wir erfahren deren Begrenzung überall und müssen schauen, wie wir gerecht und nachhaltig damit umgehen. Das gilt für Finanzen und Personal innerkirchlich, aber auch für die natürlichen Ressourcen und deren Begrenztheit sowie für die Verteilungsfrage.
Und die Haltung?
Ich bin überzeugt, dass sich Einsatz für andere Menschen und für Beziehungen immer lohnt. Das meine ich mit Haltung. Dafür braucht es Dialog. Wir hoffen, dass wir dafür Räume und Gelegenheiten bieten können.
Wie haben die zunehmenden Krisen und Kriege Ihre Arbeit verändert?
Zu meinen Aufgaben gehört es auch, den Vergabeausschuss zu betreuen. Das ist ein Fördertopf aus Kirchensteuermitteln, die nach transparenten Vorgaben an Partnerorganisationen weltweit vergeben werden. Die Anfragen häufen sich, da vielerorts Mittel der Entwicklungshilfe gestrichen wurden. Oft bleiben kirchliche Akteure in der sozialen und pastoralen Arbeit die einzige Konstante. Es werden Projektanträge im sozialen und pastoralen Bereich sowie in der Gesundheits- und Bildungsarbeit gefördert. Größere Summen werden nur in Zusammenarbeit mit den katholischen Hilfswerken vergeben, kleinere Projekte werden – oft auch in Kooperation mit anderen Bistümern – eigenständig gefördert. Insgesamt steht dem Vergabeausschuss ein Budget von 800 000 Euro zur Verfügung. Aus diesem Topf werden auch Gelder zur Not- und Katastrophenhilfe in Absprache mit Caritas International vergeben.
Ich finde es gut und wichtig, dass unser Bistum hier sehr deutlich zeigt, dass wir solidarisch sind mit Menschen in Not weltweit.
Es ist unglaublich beeindruckend, mit welcher beharrlichen Nächstenliebe Ordensschwestern, Priester und Laien über viele Jahre hinweg für ihre Communities Einsatz zeigen.
Was beschäftigt Sie darüber hinaus?
Da nenne ich die kriegerischen Auseinandersetzungen und die Angriffe auf Demokratien weltweit. Hier sind die katholischen Hilfswerke Experten und bieten Bildungsmaterial und Foren zum Austausch. Es ist gut, dass wir mit diesen komplexen Herausforderungen als Team umgehen können, denn einfache Antworten gibt es nicht. Dennoch wollen wir gemeinsam mit vielen anderen Menschen in unserem Umfeld versuchen, Lösungswege zu diskutieren. Wir wollen vor allem Kanäle des Dialogs offenhalten, wo immer es geht.
Trotz all der Krisen – was gibt es auch an Gutem zu berichten?
Es gibt zahlreiche positive Beispiele, und ich finde es wichtig, dass wir hoffnungsvoll an unsere Arbeit gehen. Wir beobachten, dass sich an vielen Stellen in unserem Bistum Menschen diakonisch engagieren, aus einer christlichen Haltung heraus für andere einstehen und weit über ihren Tellerrand schauen. Es gibt auf dem Bistumsgebiet viele Gruppen, die über Grenzen hinaus Partnerschaften pflegen, auch einige, die neu entstehen. Oder Friedensinitiativen, interreligiöse Begegnungsformate und an vielen Orten selbstverständliche Ökumene.
Ich finde, dass in dem Themenfeld, in dem ich arbeite, Kirche als Partnerin und Mitstreiterin sehr geschätzt wird.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Gerne möchte ich auf die Schöpfungszeit hinweisen, die noch bis zum 4. Oktober dauert. Sie bringt gut die Themen der Dialogstelle
zusammen: Initiativen und Gemeinden haben sich an verschiedenen Orten des Bistums zusammengefunden. Inspiriert wurden sie von den Begegnungen mit Gästen aus dem Amazonasgebiet zur Adveniat-Eröffnung 2025 in Mainz. Sie organisieren auch in diesem Jahr wieder Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, genauso Gebetsinitiativen und Kunstaktionen. Sie ermutigen zu einem gemeinsamen Einsatz für Mensch und Natur weltweit in ökumenischer und interreligiöser Verbundenheit.