„Kultur der Wertschätzung“

Frau Weber, wenn wir über Ehrenamt im Bistum Mainz sprechen, über wie viele Menschen sprechen wir da?
Theresa Weber: Eine genaue Zahl haben wir nicht und ist auch schwer zu erheben, aber es sind mehrere Tausend Menschen. Beispielsweise sind alleine in der Büchereiarbeit circa 1300 Menschen oder beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) mit seinen ganzen Jugendverbänden circa 13 000 Menschen engagiert. Es ist auch die Frage, wen wir genau mitzählen: ob – wie ich finde – alle, die etwa einmal bei einem Fest helfen, oder nur diejenigen, die über einen längeren Zeitraum dabei sind.
In welchen Bereichen sind Ehrenamtlicheim Bistum aktiv?
Theresa Weber: Das Ehrenamt ist sehr bunt. Dazu zählen viele Altersgruppen und viele Tätigkeiten. Manche helfen beim Zeltlager, andere sind bei der Gottesdienstgestaltung aktiv, wieder andere in der Nachbarschaftshilfe, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Wie unterscheidet sich das kirchlicheEhrenamt von einer anderen ehrenamtlichen Tätigkeit?
Theresa Weber: Es gibt natürlich speziell kirchliche Aufgaben, in der Katechese oder im Gottesdienst. Aber wer beim Fest der Feuerwehr oder der Gemeinde hilft, hat manchmal gar keinen so großen Unterschied in der Tätigkeit, außer vielleicht in der Haltung. Manche tun es aus explizit christlicher Motivation, andere benennen es nicht ausdrücklich so. Erhebungen sagen: Prozentual engagieren sich mehr Menschen, die sich als christlich bezeichnen, als Menschen, die sich selbst alsatheistisch sehen.

Frau Eberle, wie sieht das bei der Jugend aus?
Sophie Eberle: Ich erlebe bei jungen Menschen, dass sie sich gerne engagieren, weil sie das große Ganze sehen, aber auch selbst etwas davon haben: Gemeinschaft, Gesehen-Werden, eine sinnvolle Tätigkeit und Selbstwirksamkeit.
Wie hat sich das Ehrenamt verändert?
Theresa Weber: Studien zeigen, dass viele Menschen bereit sind, sich einzubringen, dies aber lieber projektbezogen tun. Dass jemand ein Ehrenamt fast auf Lebenszeit ausübt, gibt es noch, ist aber viel seltener geworden. Wichtig ist, jedes Engagement gleichwertig zu betrachten und nicht gegeneinander auszuspielen.
Sophie Eberle: Wir erleben ja auch viele Wechsel, weil sich junge Menschen beruflich oder privatverändern. Deshalb sind solche Engagements auch sehr bunt. Es gibt nicht „den“ Ehrenamtlichen oder „die“ Ehrenamtliche. Da gibt es ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Angebote.
Sie möchten im Bistum Mainz auf die sich verändernden Bedingungen mit einer Ehrenamtsstrategie reagieren. Wie sieht die aus?
Theresa Weber: Wir haben keine fertige Strategie, sondern Ideen, die sich weiterentwickeln. Auch im Austausch mit vielen Akteurinnen und Akteuren aus unterschiedlichen Perspektiven und Altersgruppen. Ein Punkt ist etwa, wie wir Ehrenamtliche noch besser begleiten sowie fördern können und die unterschiedlichen Tätigkeiten vernetzen. Manchmal wissen Ehrenamtliche gar nichts voneinander und üben ihr Ehrenamt parallel zueinander aus.
Wie kann das besser werden?
Theresa Weber: Vernetzung ist wichtig. Im Austausch mit anderen Bistümern haben wir zum Beispiel die Idee der Ehrenamtskoordinatorinnen und -koordinatoren gesehen. Das können selbst Ehrenamtliche sein, die als Ansprechpersonen tätig werden. Sie können das Engagement zusammenbringen. Und auch Tipps geben, wenn es etwa um Fragen nach Fördergeldern oder arbeitsrechtliche Fragen bis hin zum Datenschutz geht. Wir haben auch eine Internetseite, die ständig weiterwächst, auf der Tipps, Materialien und Fortbildungen gesammelt werden.
Brauchen junge Menscheneine andere Ansprache?
Sophie Eberle: Wichtig ist, dass es eine authentische Ansprache gibt. Das gilt für alle Altersgruppen und Hintergründe. Was für den einen Instagram als Austauschplattform ist, muss nicht für alle gut sein. Am besten wirkt immer noch die persönliche Ansprache durch persönliche Kontakte.
Theresa Weber: Mir ist auch wichtig, dass wir nicht nur neue Menschen im Ehrenamt gewinnen wollen, sondern auch die wertschätzen, die schon aus allen Altersgruppen und Communities da sind – oder früher mal dabeigewesen sind. Nicht zu vergessen sind die, die selbst mal Hilfe erfahren haben und jetzt etwas zurückgeben wollen.
Wie erreichen Sie das?
Theresa Weber: Eine Wertschätzungskultur ist wichtig, damit sich jemand in seinem Engagement gesehen fühlt. Das muss nicht immer eine persönliche Auszeichnung sein. Oft ist es überhaupt wichtig, wahrgenommen zu werden und die Tätigkeit nicht für selbstverständlich zu nehmen. Es kann auch ein Anreiz sein, wenn für Projekte Geld zur Verfügung gestellt wird, damit überhaupt ehrenamtlich gearbeitet werden kann. Das ist auch ein Ausdruck von Wertschätzung, weil eben doch viel am Geld hängt. Und nicht zuletzt will ich auch an Arbeitgeber appellieren, dass sie ehrenamtliche Tätigkeiten ihrer Mitarbeitenden wertschätzen. Damit man sich nicht noch dafür rechtfertigen muss, wenn man sich neben der Arbeitszeit ehrenamtlich engagiert. Da könnten auch Freistellungen eine Hilfe sein, damit man nicht für alles extra Urlaub nehmen muss.
Wie kann – in Stichworten – Ehrenamtauch künftig gut gelingen?
Sophie Eberle: Neben der Vernetzung sind gerade im Jugendbereich Flexibilität und eine gute Ausstattung mit räumlichen und finanziellen Ressourcen wichtig.
Theresa Weber: Es braucht transparente Rahmenbedingungen zu Zeit und Umfang des Engagements, verlässliche Ansprechpersonen, ehrlich gemeinte Wertschätzung und Freiräume, um etwas auszuprobieren und auch mal Fehler machen zu dürfen. Und es braucht auch die Freiheit, Nein sagen und mit etwas wieder auf-hören zu dürfen.