Ein Werkzeug des Friedens…

Predigt zur Christmette im Mainzer Dom, 24.12.2023 um 17.00 Uhr

Krippe (c) vetre | stock.adobe.com
Krippe
Datum:
So. 24. Dez. 2023
Von:
Dr. Udo Markus Bentz, ernannter Erzbischof von Paderborn

Schwestern und Brüder,
es sind zwei Bilder, die mich die letzten Tage bewegten: In der evangelisch-lutherischen Kirche in Bethlehem gibt es in diesem Jahr eine Krippe aus Schutt, darin das Christkind mit dem typisch schwarz-weißen Stoff der Kyfia, eines traditionellen, aber mit politischer Bedeutung aufgeladenes Stoffmusters Palästinas. Eine sehr ambivalente Provokation.

Aber: Es ist Weihnacht in Bethlehem, im Heiligen Land. Und es herrscht Krieg: Folge eines bestialischen Terroraktes der Hamas gegen Israel. Und die Folge davon sind unzählige zivile Opfer auf allen Seiten: in Israel, im Westjordanland, in Gaza. Eine humanitäre Katastrophe sondergleichen. Es ist Weihnacht in Bethlehem. Die öffentlichen Weihnachtsfeierlichkeiten sind abgesagt. Es werden stille Gottesdienste geführt mit dem flehentlichen Bitten um Frieden.

Ein zweites Bild: Ein hell erleuchteter Weihnachtsbaum in der Nacht in Kiew, während die Drohnenangriffe und der Raketenbeschuss weitergehen. Es ist Weihnacht in der Ukraine, schon das zweite Weihnachtsfest im Krieg. Auch das dürfen wir nicht vergessen. In diesem Jahr wird in der Ukraine das Weihnachtsfest das erste Mal mit den Christen des Westens am 25. Dezember gefeiert, nicht mehr – wie es bisher Brauch war – nach dem alten julianischen Kalender am 6. Januar gemeinsam mit der orthodoxen Kirche. Eine Entscheidung der Christen in der Ukraine, um sich deutlich abzugrenzen von der orthodoxen Kirche in Russland.

Es ist Weihnacht und es herrscht Krieg – hier wie dort und andernorts. Weihnachten steht im Kalender - unberührt davon, was gerade tatsächlich in der Welt geschieht. Weihnachten steht im Kalender und wird gefeiert und nicht verschoben, obwohl wir uns in immer neuen Anläufen Jahr für Jahr und auch dieses Jahr immer noch im Krisenmodus wiederfinden. Das war die zurückliegenden Jahre auch so. Ich habe in meinen Predigten zur Christmette der letzten Jahre geblättert. Es war immer Weihnacht. Es war aber vor allen Dingen in irgendeiner Form immer Nacht.

Da klafft eine Wunde: die Wunde zwischen dem, was Weihnacht sein könnte, und dem, was tatsächlich ist. Die Wunde zwischen dem, was wir uns erhoffen von diesem Fest – Friede auf Erden – und dem, was uns tatsächlich zugemutet wird an diesem Fest – Krieg und Leid unter den Menschen. Für uns Christen, für all diejenigen, die glauben wollen und suchen und Ausschau halten, ob und wie dieser christliche Glaube auch heute noch tragfähig sein kann, ist das ein Stachel im Fleisch, eine Zumutung für unsere Sehnsucht und Hoffnung, eine harte Erprobung des Glaubens. Aber – um mit Robert Musil in seinem Roman „Mann ohne Eigenschaften“ zu sprechen: Wir haben als Christen nicht nur einen Wirklichkeitssinn für das, was ist. Der glaubende Mensch hat vor allem einen Möglichkeitssinn für das, was sein könnte und sein sollte. Wir sind nicht der Überzeugung, die Welt ist nun einmal so, wie sie ist. Wir sind der Überzeugung, in dieser Welt, wie sie nun mal ist, steckt mehr! In dieser Welt ist mehr möglich: mehr Gerechtigkeit, mehr Liebe. Mehr Frieden ist möglich!

Deshalb ist Weihnacht. Es ist und bleibt dieselbe Botschaft – Jahr für Jahr und unabhängig von dem, was dem Menschen gerade zugemutet wird: Ein Kind wird geboren. Begleitet von den prophetischen Worten: wunderbarer Ratgeber, Starker Gott … Fürst des Friedens – wie wir eben in der Lesung gehört haben. Ein Kind wird geboren. Begleitet von den Worten des Engels: Fürchtet euch nicht … heute ist euch der Retter geboren. Ein Kind wird geboren. Begleitet vom Gesang der himmlischen Scharen: Ehre Gott – Frieden auf Erden!

Die Kraft dieser Botschaft liegt nicht zuerst darin, dass sich die Zustände der Welt ändern. Damals auf den Feldern von Bethlehem für die Hirten nicht. Heute für uns nicht. Die Dynamik ist eine andere: Es geht darum, dass den Menschen von Gott her ein Wort erreicht, das auf seine Sehnsucht und seine Hoffnung trifft. Und was ist die Sehnsucht des Menschen? Frieden ist der Dreh- und Angelpunkt der Sehnsucht des Menschen. Shalom heißt „Frieden“: ein Ende kriegerischer Gewalt, ein Schweigen der Waffen. Ja – vor allem und zuerst einmal das. Shalom ist aber viel umfassender als die Abwesenheit von Krieg. Shalom meint einen alles umfassenden Frieden, der in versöhnten Beziehungen unter uns, in versöhnten Beziehungen zur Schöpfung und in versöhnter Beziehung mit Gott, dem Ursprung der Schöpfung wurzelt. Shalom meint deshalb auch ein Ende der oft so subtilen, aber nicht weniger toxischen Gewalt, von dem unser gesellschaftliches Miteinander und unsere Beziehungen untereinander geprägt sind: Wie viel subtile Gewalt verbirgt sich in der Art und Weise, wie man übereinander spricht? Wie viel subtile Gewalt verbirgt sich in der Art und Weise, wie man alltäglich ausgrenzt und brandmarkt? Wie viel subtile Gewalt verbirgt sich in der Art und Weise, wie derzeit Ressentiments geschürt, Menschen klein gemacht, bewusst übersehen und übergangen oder schlicht und einfach allein gelassen werden? Wie viel subtile Gewalt verbirgt sich in der Art und Weise, wie man meint andere bevormunden zu können über das, was geht und was anscheinend nicht geht? Wie viel subtile Gewalt verbirgt sich in der Art und Weise, wie man einander instrumentalisiert für eigene Zwecke? Shalom – Frieden auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens ist mehr als ein Schweigen der Waffen. Die Sehnsucht des Menschen nach Frieden reicht tiefer. Sie ist weiter und viel umfassender. Wie unheilvoll, wie verletzlich, wie verwundbar ist der Mensch, wenn diese Tiefendimension des Friedens aus dem Blick gerät? Und darin erkennen wir auch, welche gewaltige Aufgabe es ist, über das Schweigen der Waffen und friedensethische Strategien hinaus Frieden in uns und in unserem Miteinander vor unserer eigenen Haustür zu erwirken. 

Und hier setzt die Botschaft der Weihnacht an: Gott weiß um die unstillbare Sehnsucht des Menschen nach einem Frieden, der von innen her reift und seine Wirkung entfalten will. Weihnachten rührt an unsere Friedenssehnsucht. Und deswegen ist es gut, dass Jahr für Jahr Weihnachten im Kalender steht, gerade und trotz all dessen, was tatsächlich in der Welt geschieht. Weihnachten ist nicht die fromme Wohlfühlblase für vierundzwanzig Stunden jenseits der harten Realitäten der Welt. Weihnachten ist eine heilsame Erinnerung und Vergegenwärtigung, was von Gott her möglich wäre, würden wir uns seine Menschlichkeit in Jesus Christus zum Maßstab nehmen. Ein Maßstab, mit dem wir nicht nur auf die Welt schauen, sondern uns selbst als Kirche messen lassen müssen, wollen wir ein Werkzeug des Friedens in der Welt sein.

Weihnachten heißt deshalb nicht: Schwelgen in einer Friedensutopie. Sondern Weihnachten heißt: Die gestaltende und verändernde Kraft einer Hoffnung neu wahrnehmen, die von diesem Friedensfürsten ausgeht, der auf den Feldern von Bethlehem geboren wird. Weihnachten heißt deshalb auch: sich selbst zu einem Werkzeug des Friedens machen zu lassen. Das ist der Anspruch, der sich mit Weihnachten verbindet. Alles andere wäre nichts als Lametta…

Vor allem Anspruch steht aber zuerst der Zuspruch. Und deswegen bedeutet Weihnachten feiern in diesem Jahr für mich: Ich will die Verheißungen dieser Heiligen Nacht neu hören, sie mir neu zusprechen und meine Hoffnung wieder neu stark werden lassen – trotz und gerade all der Zumutungen - trotz all der persönlichen Zumutungen, die ich gerade verspüre, trotz all der beängstigenden Dynamiken, die in unserem „Land im Krisenmodus“ wieder hervorbrechen, trotz der Hilflosigkeit, die mich angesichts des unsäglichen Leids der Menschen in mancher Hinsicht lähmt.

Ich will dem Wort der Engel auf den Feldern von Bethlehem neu vertrauen und diesem Wort auch eine solche Kraft zutrauen, von der der Prophet Jesaja spricht: „So ist es mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehr nicht leer zu mir zurück … und erreicht alles, wozu ich es ausgesandt habe…“ (Jesu 55,11) Wenn uns dieses Wort erreicht, kommen wir in Bewegung wie die Hirten, die sich auf den Weg machen. Dieses Fest hat das Potential, dass wir uns tatsächlich zu einem Werkzeug des Friedens machen lassen.