Bischöfliche Pressestelle Mainz, Leiter: Tobias Blum, Bischofsplatz 2, 55116 Mainz
Postanschrift: Postfach 1560, 55005 Mainz, Tel. 06131/253-128 oder -129,
Fax 06131/253-402, E-Mail: pressestelle@bistum-mainz.de
75. Geburtstag von Kardinal Karl Lehmann (16. Mai)
Mainz. Den Abschluss der Veranstaltungen zum 75. Geburtstag (16. Mai) des Mainzer Bischofs, Kardinal Karl Lehmann, markiert ein Bistumsfest am Sonntag, 22. Mai, rund um den Mainzer Dom. Ähnlich wie zum 70. Geburtstag im Jahr 2006 und zum Silbernen Bischofsjubiläum im Jahr 2008 wird nach dem Gottesdienst wieder ein buntes Programm geboten. Der Tag unter dem Motto „Gerufen in sein wunderbares Licht" (1 Petr 2,9) beginnt um 10.00 Uhr mit einem Gottesdienst vor dem Mainzer Dom, der vom Südwestrundfunk (SWR) und vom Hessischen Rundfunk (HR) live übertragen wird. Parallel zum Gottesdienst auf dem Marktplatz bietet der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Bistum Mainz auf dem Liebfrauenplatz einen Kinderwortgottesdienst an; er findet in der Jurte (Zelt) der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) statt.
Im Anschluss an den Gottesdienst präsentieren sich Dekanate, Pfarreien, Verbände, Schulen und Einrichtungen mit eigenen Ständen. Dazu sind 142 Anmeldungen eingegangen und damit noch einmal über 30 mehr als vor drei Jahren. Auf den beiden Bühnen und im Mainzer Dom ist ab 13.00 Uhr wieder ein Programm mit Musik- und Kleinkunstdarbietungen vorgesehen. Das Bühnenprogramm auf dem Marktplatz und auf dem Liebfrauenplatz moderieren Hildegard Bachmann und Andreas Schmitt. Das Programm mit Orgelkonzerten und geistlicher Musik im Mainzer Dom wird von Domkantor Karsten Storck vorgestellt. Die Jugendverbände des BDKJ haben ein Kinder- und Jugendprogramm auf dem Liebfrauenplatz und in der Fischtorstraße geplant. Die Ordensgemeinschaften des Bistums Mainz bieten in der Kirche St. Quintin zwischen 15.00 und 16.30 Uhr eine „Zeit der Anbetung und Stille" an.
Wer Kardinal Lehmann zum Geburtstag gratulieren möchte, kann seinen Geburtstagswunsch in eines der beiden Gratulationsbücher eintragen, die vor der Bühne auf dem Marktplatz sowie im Kreuzgang des Mainzer Domes ausliegen. Darüber hinaus wird es Erinnerungsbildchen anlässlich des Geburtstages von Kardinal Lehmann geben. Folgende Ausstellungen können während des Bistumsfestes besucht werden: Im Dom- und Diözesanmuseum ist die Ausstellung „Der verschwundene Dom" zu ermäßigten Eintrittspreisen zu besichtigen; die Martinus-Bibliothek zeigt die Bilderschau „Farbige Botschaften" mit Werken der Mainzer Künstlerin Brigitte Zander; außerdem ist im Mainzer Dom die Fotoausstellung „Wegbegleiter im Sterben", im Haus am Dom die Fotoausstellung „L‘Art Sacré - Liturgische Räume in der Moderne" zu sehen.
Das Fest endet um 17.30 Uhr mit einer Vesper im Mainzer Dom. Anstatt persönlicher Geschenke bittet der Kardinal um eine Spende für die Bonifatius-Stiftung, die Pfarreienstiftung des Bistums Mainz, oder für die Wilhelm Emmanuel von Ketteler-Stiftung, die Stiftung der Caritas im Bistum Mainz.
Am Vorabend, Sonntag, 15. Mai, um 18.00 Uhr findet im Mainzer Dom ein Festkonzert zu Ehren des Mainzer Bischofs statt. Der Mainzer Domchor, die Domkantorei St. Martin, das Vokalensemble des Mädchenchores am Dom und St. Quintin werden zusammen mit Solisten und dem Mainzer Kammerorchester Werke von Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart aufführen. An der Domorgel wird das Ensemble von Domorganist Daniel Beckmann begleitet. Die Leitung übernehmen Domkapellmeister Mathias Breitschaft und Domkantor Karsten Storck. Auf dem Programm stehen folgende Stücke: Kantate BWV 190, „Singet dem Herrn" von Johann Sebastian Bach sowie von Mozart die Fantasie f-Moll für Orgel (KV 608), Exsultate, Jubilate (KV 165) und die Große Messe in c-Moll (KV 427). Für das Konzert sind nur noch Stehplatzkarten zum Preis von fünf Euro im Infoladen des Bistums Mainz oder bei der Dominformation erhältlich.
Am Geburtstag selbst sind keine großen öffentlichen Veranstaltungen geplant. Der Kardinal wird am Vormittag des 16. Mai zusammen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bischöflichen Ordinariates einen Gottesdienst in St. Quintin feiern. Daran schließt sich ein Empfang im Bischöflichen Ordinariat an.
Hinweise:
tob/am (MBN)
Mainz. Die ökumenische Theologie, also der Dialog der christlichen Konfessionen, ist mit Sicherheit ein Schwerpunkt im Wirken des Mainzer Bischofs, Kardinal Karl Lehmann. Gleichzeitig zählt er zu den Pionieren der Ökumene, da die katholische Kirche erst mit dem Dekret über den Ökumenismus (Unitatis redintegratio) des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahr 1964 ausdrücklich in diesen Dialog eingetreten ist. Stets hat Lehmann betont, dass es „keine Alternative" zum ökumenischen Gespräch gibt, aber nach über 40-jähriger Erfahrung hat er beim Zweiten Ökumenischen Kirchentag 2010 in München auch nüchtern festgestellt: „Ökumene braucht den langen Atem."
Schon Pfingsten 1976 hatte er unter der Überschrift „Neuer ökumenischer Mut" bei einem Vortrag in Freiburg klar formuliert, dass die Ökumene eine mühsame und langwierige Aufgabe ist: „Und genau dies muss unser neuer ökumenischer Mut sein: Zur Stange halten, wo diese Sache der kirchlichen Einheit zu ermatten scheint, wo ihr der Glanz des Neuen schwindet, wo man auch Fehltritte nüchtern verkraften muss, wo undankbare Kärrnerarbeit zu tun ist."
Allein ein Blick auf seine wichtigsten Mitgliedschaften und Funktionen in diesem Bereich zeigt, dass sich diese „Kärrnerarbeit" wie ein roter Faden durch seinen Lebenslauf zieht. Bereits während seiner Mainzer Dogmatikprofessur wurde er im Jahr 1969 Mitglied des Arbeitskreises katholischer und evangelischer Theologen, der nach den beiden Gründern benannte Jaeger-Stählin-Kreis. In Freiburg übernahm Lehmann 1971 bis zu seiner Bischofsernennung den Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät. 1975 wurde er wissenschaftlicher Leiter des 1946 gegründeten Jaeger-Stählin-Kreises von katholischer Seite und 1988 übernahm er in der Nachfolge von Kardinal Hermann Volk den Vorsitz von katholischer Seite. Gerade auch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (1987 bis 2008) hat der Mainzer Bischof das ökumenische Gespräch maßgeblich geprägt; bis heute unter anderem als Mitglied des Kontaktgesprächskreises zwischen Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und Vertretern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Darüber hinaus ist er seit 2002 Mitglied des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.
Eine Bilanz seiner Erfahrungen bietet Lehmanns Vortrag auf dem Zweiten Ökumenischen Kirchentag in München unter der Überschrift „Wie viel Hoffnung bringt die Ökumene?". Ziel der Ökumene sei „eine theologische Übereinstimmung um der kirchlichen Einheit willen, damit wir der Welt ein glaubwürdiges Zeugnis geben". Entscheidendes Kriterium bei den Gesprächen müsse sein, „ob eine Divergenz kirchentrennenden Charakter hat", betont der Kardinal. Die Kirchen seien dazu verpflichtet, „durch das Gebot des Herrn, dass wir mit allen Kräften Trennungen, wo es notwendig und möglich ist, überwinden und die zerbrochene Einheit wieder suchen und finden". Die Tragik der Kirchenspaltung werde besonders bei konfessionsverschiedenen Ehen deutlich: „Hier erleben viele Menschen die Jahrhunderte lange Entfremdung furchtbarer als im öffentlichen Verhältnis der Konfessionen selbst. Diese Unruhe muss ein wichtiger Motor unseres ökumenischen Einsatzes bleiben. Dies hat nachhaltig bis heute mein eigenes ökumenisches Engagement bestimmt."
Ausdrücklich plädiert Lehmann für eine theologisch fundierte Aufarbeitung der Unterschiede zwischen den Konfessionen: „Es gehört zur Nüchternheit und auch Glaubwürdigkeit der ökumenischen Arbeit, dass man sich des bleibenden Wegcharakters bewusst sein muss. Dabei werden Enttäuschungen und auch manchmal rückläufige Tendenzen unvermeidlich sein. Es gibt im Leben des Geistes und des Glaubens nie bloß breite Königs-Straßen ohne verschlungene Pfade, Umwege und Holzwege, Abwege und Irrwege. Dennoch wäre es fatal, wenn eine resignierende Grundstimmung sich gegen ihre letzte Absicht daran beteiligen würde, das immer noch brennende ökumenische Feuer löschen zu helfen. Wer die gewachsenen Differenzen in ihrer Tiefenwirkung zu gering schätzt und auf ihre ernsthafte Aufarbeitung meint verzichten zu können, wird nur Scheinerfolge erreichen können. Nach meiner Erfahrung sind jedoch nicht gedeckte Schecks in der Ökumene besonders gefährlich, weil nach ihrer Entlarvung die Enttäuschung entsprechend groß ist. Dies darf uns nicht überraschen, denn das Leid und der Schmerz der Ökumene verlangen nach einer gediegenen Überwindung, die sich bewährt."
Gleichzeitig müsse sich die ökumenische Theologie aber auch „vor einer Selbstüberschätzung hüten, allein in der wissenschaftlichen Retorte den Weg zur Einheit planmäßig konstruieren und vorschreiben zu können", betont er bereits in einem Vortrag aus dem Jahr 1982. Unter der Überschrift „Stillstand auf dem Weg zur einen Kirche?" formuliert er damals: „Gerade die ökumenische Theologie, die jenseits der traditionellen Fronten neue gemeinsame Formulierungen wagen muss, darf die in Übereinkunft vereinbarten Aussagen nicht unbesehen vom Glaubenszeugnis der Kirchen ablösen und auf die Macht allein von freischwebenden Sätzen vertrauen. Eine abstrakte Synthese gemeinsamer Haltungen und Meinungen hat längst noch nicht Herz und Geist der Christen für sich gewonnen und die Bewährungsprobe in einer gemeinsamen kirchlichen Lebenswelt noch nicht bestanden. Gerade hier bedarf die ökumenische Theologie der sorgfältigen Verwurzelung in den konkreten Kirchen, ohne ihre nach vorne weisende Pionierfunktion zu verlieren."
Ihm ist dabei bewusst, dass das Verständnis für die Eigenheiten dieses theologischen Ringens in der Öffentlichkeit begrenzt ist: „Freilich sind die Bemühungen und die Ergebnisse der theologischen Gespräche kaum noch überschaubar", schreibt er 1982. „Die Fülle der Dialoge gelangt auch immer wieder zu ähnlichen Einsichten. Was aber zuerst als unnütze Wiederholung aussehen mag, ist in Wahrheit ein positives Phänomen, denn darin vollzieht sich eine umfassende Konsensbildung."
Wichtige Stationen im ökumenischen Gespräch sind für Lehmann etwa die Unterzeichnung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" in Augsburg (1999), die Unterzeichnung der ökumenischen Taufanerkennung in Magdeburg (2007) und nicht zuletzt die zahlreichen Beispiele gemeinsamer Stellungnahmen von evangelischer und katholischer Kirche zu ethischen Fragen in den vergangenen Jahrzehnten. Gleichwohl musste er 2010 auf dem Ökumenischen Kirchentag eine ernüchternde Zwischenbilanz ziehen, was die Erklärung zur Rechtfertigungslehre angeht. „Dies ist ein Mark- und Meilenstein in der ökumenischen Gesprächsserie. Die Diskussion darüber und auch die bleibende Ablehnung nicht weniger evangelischer Theologen bis heute zeigen aber deutlich, wie Manches noch tiefer geklärt und fortgeführt werden muss. Das Echo darauf ist noch schwach und kraftlos, wie das zehnjährige Jubiläum am 31. Oktober 2009 in Augsburg zeigte."
In seinem Münchner Referat hat der Kardinal „ein wichtiges Grundgesetz des ökumenischen Miteinanders" hervorgehoben: „Gerade wenn man das eigene Profil stärker betont, wie es auch zum Beispiel durch die Hervorhebung der Luther-Übersetzung der Bibel geschieht, gibt es ein gutes Kriterium, nämlich ob wir uns freuen können an der Stärke des Anderen, nicht nur an Johann Sebastian Bach, sondern zum Beispiel auch am Wiedererstehen der Frauenkirche in Dresden. Aus dieser Anerkennung des Anderen - und vielleicht zuerst oder manchmal auch auf längere Strecke Fremden - wird echte und nachhaltige Gemeinschaft, die uns im Geist Jesu Christi enger zusammenführt." Solange keine wirkliche Einheit gefunden sei, lasse sich „irgendeine Form von Konkurrenz zwischen den Kirchen nicht völlig vermeiden".
Die Mahlgemeinschaft könne nur Endpunkt der Ökumene sein, betont Lehmann immer wieder und fordert gleichzeitig dazu auf, das zu verwirklichen, was im ökumenischen Miteinander bereits möglich ist. In einem Interview (Mannheimer Morgen vom 21. Januar 1988) bringt er diese Position auf den Punkt: „Ich wehre mich dagegen, dass man alles an den großen dicken Brocken, die noch vor uns stehen und ungelöst sind, misst: Eucharistie-Gemeinschaft, Amtsfrage und das schwierige Miteinander in einer bekenntnisverschiedenen Ehe. Man geht ein bisschen selbstgerecht darüber hinweg, dass wir sehr viel mehr jeden Tag tun könnten, ohne dass uns das jemand verbietet. Der Geist Gottes wirkt in der echten Sehnsucht nach Einheit, aber nirgendwo ist verheißen, dass wir zu unserer Lebzeit schon die Früchte ernten könnten. Wenn das erst in der nächsten oder übernächsten Generation geschieht, dann dürfen wir auch dankbar bleiben für all das, was in den letzten 20 Jahren erreicht worden ist im Vergleich zu den 400 und 450, die zurückliegen. Und insofern wünsche ich mir beides: Das ökumenische Feuer darf nicht erlöschen, aber ich möchte auch eine große, aktive Geduld fördern, die schwierige Lasten nicht abschüttelt."
Nach den Perspektiven der Ökumene wird Lehmann gefragt, seit er sich mit der Ökumene befasst. In einem Interview mit der Mainzer Kirchenzeitung („Glaube und Leben" vom 27. April 1986) sagte er dazu: „Man kann hier Manches vorschlagen, aber niemand weiß, welche Wege die Geschichte geht und wie der Geist uns führt. Uns ist die Last auferlegt, alles zu tun, dass wir in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auch wirklich weiterkommen. Wir wissen, dass das Stunden und Jahre des Scheiterns und der verpassten Gelegenheiten werden können, aber auch Sternstunden. Ich könnte die ganze Arbeit nicht tun, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass es einmal Sternstunden werden können."
Seiner eigenen begrenzten Möglichkeiten ist sich der Kardinal dabei stets bewusst. In seiner Rede beim Ökumenischen Kirchentag in München hat er dafür in der Gestalt von Mose ein aussagekräftiges Bild gefunden: „Beim Nachdenken bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es verschiedene Stile und Gestalten ökumenischer Hoffnung gibt. Darum bin ich auch überzeugt, dass man diese Pluralität der verschiedenen Hoffnungsformen achten muss. Dabei denke ich vor allem an die Gestalt des Mose, der dem verheißenen, gelobten Land entgegenwandert. Er hat für sein Volk alles getan, um es zur Erfüllung dieser Verheißung zu führen. Aber er selbst konnte dieses gelobte Land nicht mehr betreten. Vorher zeigte ihm der Herr das verheißene Land vom Gipfel des Nebo her: ‚Ich habe es dich mit deinen Augen schauen lassen. Hinüberziehen wirst du nicht. Danach starb Mose, der Knecht des Herrn.' (Dtn 34,3 f.). Dies ist gewiss auch in der Zeit des Neuen Bundes und der Kirche eine wichtige Gestalt der Hoffnung und der Einlösung der Verheißungen. Aber sie ist nun, da Gott in Jesus Christus zu uns gekommen ist und immer noch Spaltungen sind, noch dringlicher geworden. Mose ist keine Gestalt zur falschen Beunruhigung."
Hinweise:
tob (MBN)
Mainz. Kardinal Karl Lehmann ist ein Mann des Wortes. Als Theologe, Bischof und langjähriger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz umfasst seine Bibliographie inzwischen über 3.750 Einträge. Neben zahlreichen Monographien sind darin unter anderem Artikel in Zeitschriften und Lexika, Vorträge, Rezensionen, Interviews und Pressemitteilungen enthalten.
Schon in seiner Zeit als Professor hat Lehmann die Bedeutung des Wortes für das Bischofsamt klar benannt. In einer Würdigung zum 60. Geburtstag des damaligen Bischofs von Rottenburg-Stuttgart, Georg Moser, die am 31. Mai 1983 von der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) veröffentlicht wurde, schreibt Lehmann unter der Überschrift „Der Bischof als Schriftsteller": „Ein Bischof ist stets um ein Wort der Orientierung und der Klärung gebeten. Von den täglichen Besprechungen mit seinen Mitarbeitern bis zur Predigt und zum Vortrag außerhalb des kirchlichen Raumes gehört das Zeugnis für das Evangelium Gottes zum täglichen Brot."
Neben Sammelbänden mit Predigten und Vorträgen sind Lehmanns Veröffentlichungen als Bischof geprägt von Kurzkommentaren, die ein sehr breites Themenspektrum abdecken. In der Einführung zu seinem Buch „Mut zum Umdenken" aus dem Jahr 2002 erläutert er diesen Umstand unter der Überschrift „Lob der kleinen Form". In der Öffentlichkeitsarbeit gebe es „geradezu einen Zwang zur Knappheit, wenn man an der Börse der Nachrichten gehandelt werden will". Und weiter: „Ich habe diese Kurzformen der heutigen Kommunikation, besonders im Fernsehen, mühsam zu lernen gesucht. Gerade wenn man von einer wissenschaftlichen Tätigkeit herkommt und gewohnt ist, bestehende Probleme in ihrer ganzen Differenziertheit und Komplexität darzulegen, tut man sich damit schwer. Aber ich muss heute bekennen: Eine solche geraffte Stellungnahme ist in den meisten Fällen auch in wenigen Zeilen bzw. in einer Minute und 30 Sekunden oder manchmal auch nur in 30 Sekunden durchaus möglich. Es gibt ja andere Formen, solche Positionen eingehender nachzuarbeiten."
Kurzkommentare in Zeitungen seien gerade für Theologen eine besondere Chance. Er schreibt dazu im „Lob der kleinen Form": „Es ist nicht nur, wie soeben erläutert, die Kommentierung gesellschaftlicher, politischer und geschichtlicher Vorkommnisse. Man kann auch aufmerksam machen auf Gefahren, die in gewissen Entwicklungen drohen. Man kann ein einziges Wort aufgreifen und es in seiner tieferen Bedeutung nach allen Seiten hin bedenken. Man kann Schlagworte entlarven und zugleich ihren wahren Hintergrund aufzeigen. Probleme, die im Augenblick eher gering erscheinen, können auf ihre größere Bedeutung hin abgehört und abgeklopft werden. Man kann religiöse Bilder neu deuten, die ganz verschüttet sind. Christliche Feste lassen sich erschließen. Vergessene Tugenden kann man wieder zum Leuchten bringen. Die Gattung Kurzkommentar ist wie ein Kaleidoskop." Und weiter: „Es kostet freilich Mut, sich mit dem zeitüberlegenen Glauben so konkret und bestimmt auf eine flüchtige Realität einzulassen. Aber gerade dies ist auch eine große Chance, mit der christlichen Botschaft die geschichtliche Situation mit Augenmaß zu treffen."
Kardinal Lehmann hat sein Verhältnis zu Büchern bei einem Vortrag auf dem 89. Deutschen Bibliothekentag am 25. Mai 1999 in Freiburg im Breisgau auf den Punkt gebracht. Unter der Überschrift „Zeitenwende - Medienwende? Schrift, gedrucktes Wort und Buch als bleibende Kulturleistungen" heißt es darin: „Ich bin nicht nur ein großer Freund des Buches. In meinem relativ großen Haus ersticke ich fast an Büchern, aber ich liebe sie auch. In meinem Bischofswappen habe ich die Bibel als aufgeschlagenes Buch, ein geöffnetes Buch, das nicht einfach wie im Museum abgestellt wird, sondern es soll ein Buch sein, das zum Lesen ermutigt und zum Leben sowie Denken führt, ähnlich wie es Augustinus im Zusammenhang seiner Bekehrung erfahren hat: Tolle, lege! - Nimm und lies!" Die private Bibliothek des Bischofs von Mainz umfasst, wie er einmal in einem Interview sagte, inzwischen rund 100.000 Bücher, vor allem aus der Systematischen Theologie und der Philosophie, aber auch aus Literatur und Kunst.
Kardinal Walter Kasper hat die Leidenschaft Lehmanns für Bücher mit folgenden Worten charakterisiert: „Seit seiner Zeit als Oberbibliothekar am Collegium Germanicum in Rom war er ein Bücherfreund, um nicht zu sagen ein Bücherwurm, der sich inzwischen zu einem wandelnden wahrhaftigen Lexikon ausgewachsen hat. Er will es genau wissen. Mit Schlagworten und Schablonen gibt er sich nicht zufrieden. Auch große Systementwürfe und Programme wird man bei ihm nicht finden. Seine Schriften und seine Vorträge zeichnen sich durch nachbohrendes Fragen und sorgfältiges Differenzieren aus." Das Zitat stammt aus Kaspers Laudatio auf Kardinal Lehmann anlässlich dessen 70. Geburtstages am 16. Mai 2006 in der Rheingoldhalle in Mainz.
Die Grundsatzreferate, die Kardinal Lehmann als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gehalten hat, sind in dem Band „Zuversicht aus dem Glauben" versammelt, der 2006 zu seinem 70. Geburtstag erschienen ist. Er enthält die von 1988 bis 2005 bei der jährlichen Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda gehaltenen Eröffnungsreferate. Sie werden ergänzt durch seine Predigten aus den Eröffnungsgottesdiensten.
Einen guten Überblick über Veröffentlichungen bis zum Beginn der 1990er Jahre gibt der Band „Glauben bezeugen, Gesellschaft gestalten. Reflexionen und Positionen", der 1993 im Herder-Verlag in Freiburg erschienen ist. Er enthält rund 70 Vorträge, Reden, Predigten und Artikel, die Lehmann als Professor und in seinen ersten Jahren als Bischof von Mainz gehalten und veröffentlicht hat. Vor allem Kommentare für die Allgemeine Zeitung in Mainz und die Bistumszeitung „Glaube und Leben" sowie Hörfunkansprachen aus den Jahren 1995 bis 2001 enthält das Buch „Mut zum Umdenken. Klare Positionen in schwieriger Zeit" aus dem Jahr 2002. In Fortsetzung dazu ist zu seinem Silbernen Bischofsjubiläum im August 2008 das Buch „Mut zum Dialog. Orientierung für unsere Zeit" erscheinen. Es enthält rund 70 Zeitungsbeiträge und Hörfunkansprachen aus den Jahren 2002 bis 2008. Die Hirtenworte aus den Jahren 1983 bis 2003 vereint das Buch „Frei vor Gott. Glauben in öffentlicher Verantwortung", das 2003 im Herder-Verlag aus Anlass des 20. Jahrestages seiner Bischofsweihe erschienen ist.
Aus Lehmanns Zeit als Theologieprofessor an der Universität Freiburg stammt das Buch „Signale der Zeit - Spuren des Heils", das 1983 im Herder-Verlag erschienen ist, als Lehmann gerade zum Bischof von Mainz ernannt worden war. Darin sind acht Vorträge aus den Jahren 1978 bis 1980 veröffentlicht. Einen guten Überblick über viele aktuelle Positionen bietet auch das Interviewbuch „Es ist Zeit, an Gott zu denken", das im Jahr 2000 im Herder-Verlag erschienen ist. Das Gespräch führte der SWR-Journalist Jürgen Hoeren. Auch auf der Internetseite des Kardinals (www.bistum-mainz.de/kardinal) finden sich zahlreiche Texte im Wortlaut bis zurück ins Jahr 1997.
Der erste Eintrag in der Bibliographie von Kardinal Lehmann ist auch gleich der umfangreichste: Die philosophische Doktorarbeit Lehmanns aus dem Jahr 1962 umfasst 1.417 Schreibmaschinenseiten. Während der dreijährigen Arbeit an der Promotion zum Thema „Vom Ursprung und Sinn der Seinsfrage im Denken Martin Heideggers" war Lehmann im August 1959 und im August 1961 zu längeren Gesprächen mit dem Philosophen Martin Heidegger in Meßkirch zusammengekommen. Der Text war 1964 und 1966 teilweise veröffentlicht worden. Erst im Jahr 2003 war die Dissertation in zwei Bänden ungekürzt von Professor Albert Raffelt (Freiburg), einem Schüler Lehmanns, herausgegeben worden. Die zweibändige Arbeit ist inzwischen in zweiter Auflage erschienen.
Im Jahr 1968 legte Lehmann seine theologische Dissertation vor. Sie trägt den Titel „Auferweckt am dritten Tag nach der Schrift. Früheste Christologie, Bekenntnisbildung und Schriftauslegung im Lichte von 1 Kor 15,3-5", die in der Reihe „Quaestiones disputatae" (Nr. 38) erschienen ist, inzwischen ebenfalls in zweiter Auflage. Noch im gleichen Jahr wurde der 32-Jährige zum Professor für Dogmatik und Theologische Propädeutik an der Theologischen Fakultät der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität ernannt (25. Juli 1968). Ab diesem Zeitpunkt steigt die Zahl von Lehmanns Veröffentlichungen von Jahr zu Jahr stetig an.
Bisher sind insgesamt vier Festschriften für Kardinal Lehmann erschienen. Zu seinem 60. Geburtstag erschien 1996 beim Echter-Verlag in Würzburg die Festschrift „Aus der Hitze des Tages: Kirchliches Leben in Momentaufnahmen und Langzeitperspektiven". Herausgeber des Buches sind der Würzburger Generalvikar Karl Hillenbrand und Barbara Nichtweiß, heute Leiterin der Abteilung Publikationen im Bischöflichen Ordinariat Mainz. „Weg und Weite" heißt die Festschrift zum 65. Geburtstag, die 2001 im Herder-Verlag in Freiburg erschienen ist. Herausgegeben wurde der Band von Albert Raffelt, stellvertretender Direktor der Universitätsbibliothek Freiburg, und Barbara Nichtweiß.
Zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 2006 sind zwei Festschriften erschienen: Kardinal Walter Kasper hat den Band „Logik der Liebe und Herrlichkeit Gottes: Hans Urs von Balthasar im Gespräch" (Mathias Grünewald-Verlag, Ostfildern) herausgegeben. Außerdem ist im Herder-Verlag in Freiburg das Buch „Wir Nachbarn des Himmels: Erfahrungen und Begegnungen mit Karl Kardinal Lehmann" erschienen. Herausgeber sind der Leiter des Katholischen Büros in Berlin, Prälat Karl Jüsten, und der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer SJ. Im Jahr 2002 erschien außerdem das Buch „Der Kardinal. Karl Lehmann - Eine Biographie". Der Band von Daniel Deckers, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist in mehreren Auflagen erschienen und inzwischen vergriffen.
Hinweise:
tob (MBN)
Mainz. Durch seine Offenheit und Dialogbereitschaft genießt Kardinal Karl Lehmann, Bischof von Mainz, und über zwei Jahrzehnte Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (1987 bis 2008), als Gesprächspartner in Kirche, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft hohes Ansehen in Deutschland und darüber hinaus. In einem Referat am Tag vor seiner dritten Wiederwahl zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, am 19. September 2005 in Fulda, hat er Perspektiven für die Zukunft der Kirche vorgestellt. Doch der Text macht auch deutlich, was ihn selbst antreibt und mit welchem Selbstverständnis er seine zahlreichen Aufgaben wahrnimmt: „Unsere Welt verlangt schon gehörig das persönliche Eintreten für die Sache Jesu Christi und der Kirche", schreibt er an einer Stelle. Diesen Mut, Zeuge Jesu Christi zu sein, beweist er Tag für Tag aufs Neue an seinem Platz in Kirche und Welt. Das grundlegende, 25-seitige Referat trägt den Titel „Neue Zeichen der Zeit. Unterscheidungskriterien zur Diagnose der Situation der Kirche in der Gesellschaft und zum kirchlichen Handeln heute".
In Anlehnung an ein Wort seines Lehrers Karl Rahner schreibt Lehmann: „Der künftige Christ wird ein Zeuge sein, oder er wird bald nicht mehr sein. Als Zeuge vermittelt er und ist selbst jemand, der hinter seiner Sache zurücktritt, aber gerade dadurch wirkt. Es wird ein missionarisches Zeugnis sein, das in viele Winkel unseres Lebens hineinleuchten kann, wo der Arm des Amtes nicht hinreicht. Dann verwirklichen wir die viel zitierte Mündigkeit des Christen und das gemeinsame Priestertum. Daran werden wir schließlich alle einmal gemessen und gerichtet, nicht an den Funktionen und Ämtern, die wir haben."
Der Glaube hat für Lehmann auch in der säkularisierten Gegenwart eine Zukunft. „Er ist in besonderer Weise zukunftsfähig, und zwar nicht erst durch eine vom Menschen her versuchte Anpassungsstrategie, sondern von innen heraus." Dabei müsse „die bleibende Neuheit des christlichen Glaubens" immer wieder aufs Neue entdeckt werden. „Dies ist nur möglich, wenn man sich den jeweiligen Herausforderungen stellt. Man möchte wissen, welche Stunde geschlagen hat. So kommt es darauf an, die Zeit anzusagen und darin die entscheidenden Herausforderungen zu entdecken und zu formulieren." Der Anschein, als bewege sich in der Kirche nichts, täusche gründlich. „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Kirche überhaupt nicht zwei Jahrtausende hätte überleben können, wenn sie nicht im Medium des Geistes eine solche lebendige Strategie von Beharrlichkeit und Wandel befolgt hätte, oft gleichsam instinktiv, nicht immer mit reflektierter Absicht."
Den Blick auf diese „Zeichen der Zeit" bezeichnet Lehmann als „zentrales Vermächtnis des Zweiten Vatikanischen Konzils", der jedoch mit einer vielschichtigen und nie ganz auflösbaren Spannung verbunden sei. „Die Zeichen der Zeit können auch manchmal neue Spuren des Heils enthalten. Aber es ist nicht zwangsläufig so. Deshalb ist dieses Spurenlesen eine zwar undankbare, aber lebenswichtige Aufgabe der Kirche. Man muss sich tief hineinbeugen in den Staub einer Zeit, aber in dieser spannenden Gegenwart gibt es auch rasch Pfade, die sich freilich bisweilen auch als Holz-, Ab- und Irrwege erweisen. Später sieht man dies oft besser. Jetzt aber kann man die Karte unserer Zeit nur auf diese Weise vermessen."
Die Kirche dürfe sich nicht einfach den dynamischen Kräften der Gesellschaft überlassen, schreibt der Kardinal. Sonst gehöre sie „zum üblichen Treibsand dieser Zeit". „Sie muss vielmehr die innere Kraft zum Dialog und zum Widerstand zugleich haben." Wörtlich heißt es: „Wenn wir im Pluralismus überleben wollen, dann brauchen wir mehr Mut zum eigenen Platz und zum unverwechselbaren Profil des eigenen Standortes." Und weiter: „Wir müssen endlich heraus aus der Situation eines immer noch vorhandenen Minderwertigkeitsbewusstseins und brauchen zum Erweis unserer Geistesgegenwart nicht allen möglichen Tendenzen nachzulaufen. Wir kommen sonst ohnehin immer zu spät und sind morgen schon von gestern."
Lehmann weist darauf hin, dass die Kirche bereits seit langer Zeit mit dem Rücken an der Wand stehe und sich ständig selbst verteidigen müsse. „Diese Position ist nicht gut, weil der Spielraum immer enger wird. Andere bestimmen die Themen. Wir sind stets wie in einem Verhör." Es komme darauf an, „dass wir aufbrechen und mehr in einen geistigen Wettbewerb eintreten als bisher", fordert Lehmann. „Man wartet viel mehr auf uns, als wir uns zutrauen. Jetzt ist nicht die Zeit des Kleinmuts, freilich auch nicht großer Sprüche. Alle großen Scheine müssen heute ohnehin in Münze eingelöst werden." Wenn die Kirche diese Offensive wage, dann werde es ihr auch gelingen, „aus der bestimmten Alternative des Glaubens eine Einladung an alle werden zu lassen".
Als Teil der Gesellschaft könne der Kirche vor allem das Schicksal der Menschen nicht gleichgültig sein. „Deshalb kann sie sich nicht integralistisch auf ihre eigene wirklich oder angeblich heile Welt zurückziehen und sich frei halten von dem bösen Äon. Um nicht missverstanden zu werden: Damit ist nicht gesagt, dass die Kirche sich nicht rein erhalten sollte, dass sie nicht um ihre eigene Herkunft und ihr eigenes Ziel weiß. Sie darf sich nicht einfach anpassen und sich mit dem Geist dieser Zeit vermischen. Aber sie hat gerade auch aufgrund vielfacher Solidarität eine innere Nähe und damit auch eine echte Sorge im Blick auf das Schicksal der Menschen in dieser Zeit. Wegen dieser Nähe muss sie sich auf die konkrete Situation einlassen, ohne ihr zu verfallen. Dies ist ganz entscheidend. Davon hängt die wirkliche Gegenwart der Kirche in unserer Welt ab."
Grundlage für das Handeln der Christen müsse dabei stets die „Leidenschaft für Gott" sein, fordert der Kardinal. „Wir beschäftigen uns mit vielem, allzu vielem. Deswegen sehen wir oft vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Es fällt uns schwer, uns auf das Eine Notwendige im Sinne des Jesuswortes (Lk 10,42) zu konzentrieren. Wir haben die Radikalität und Einfachheit des Glaubens verloren und müssen sie wiedergewinnen: alle Hoffnung auf Gott zu setzen. Dann müssen freilich Besinnung, Meditation, Gebet und Anbetung einen ganz anderen Rang bekommen. Wir sind versucht, Gott zu verwalten, wenn wir es denn könnten; aber wir müssen ihn täglich von ganzem Herzen und mit allen Kräften neu suchen. Uns ist die Leidenschaft für Gott verloren gegangen. Wenn wir Gott Gott sein lassen und er wirklich alles in allem ist, verlieren wir nichts, wenn wir uns ihm vorbehaltlos zuwenden. Die Bibel verspricht uns, dass uns dann alles andere dazugegeben wird."
Hinweis: Der vollständige Text des Referates ist im Internet unter www.bistum-mainz.de/kardinal in der Rubrik „Referate/2005/HVV-Referat" verfügbar.
tob (MBN)
Mainz. Zum 75. Geburtstag des Mainzer Bischofs, Kardinal Karl Lehmann, soll diese Sammlung von insgesamt 40 Zitaten eine Auswahl aus der Fülle von Lehmanns Positionen und Einblicken in sein Selbstverständnis bieten. Es handelt sich um eine Erweiterung der Sammlung von 25 Zitaten aus 25 Amtsjahren, die zum Silbernen Bischofsjubiläum im Jahr 2008 erschienen ist.
„Ich komme gerne, um mit Ihnen allen auf einem altehrwürdigen Stück Boden der europäischen Christenheit den Glauben der Kirche in unverbrüchlicher Treue zu seinen Ursprüngen und zu seiner großen Geschichte, aber auch in Treue zu den Menschen, die hier und heute mit ihren Fragen und Nöten leben, zu bezeugen und weiterzugeben bis an die Schwelle des dritten Jahrtausends und darüber hinaus, wie und solange Gott es will."
Bei der Vorstellung als neuer Mainzer Bischof im Rahmen einer Pressekonferenz im Mainzer Haus am Dom am 23. Juni 1983.
„Auseinandersetzungen und Konflikte bleiben uns nie erspart, aber sie müssen von Christen im Geist der Friedfertigkeit ausgetragen werden. Der andere, auch wenn er ein Gegner meiner Ansichten ist, darf einen Teil an Einsicht und Wahrheit in das Ganze einbringen. Dies wird nur möglich sein, wenn wir nach dem Beispiel Jesu Christi einander dienen, verzichten und wahrhaft lieben lernen. Jesus hat sein eigenes Leben in die Waagschale geworfen und sich schon vor seinem Tod von innen her für seinen Vater und die Menschen hingegeben. Die Überwindung der eigenen nackten Interessen und das Teilen der Lebenschancen sind der Preis des Friedens."
Aus dem ersten Hirtenwort als Bischof von Mainz mit dem Titel „Der Friede sei mit euch!" vom 5. Oktober 1983.
„Ich war gerne Hochschullehrer, bin aber das, was mir jetzt aufgetragen ist, mit ganzem Herzen. Es gibt keinen wehmütigen Blick zurück: In der Nachfolge unseres Herrn darf man sich nicht lange umdrehen und zurückschauen. Ich hätte auch keine Zeit dazu."
Aus einem Interview, das Mechtild Heiner für die Mainzer Kirchenzeitung „Glaube und Leben" vom 29. September 1984 geführt hat.
„Die Zeit, die Kinder von ihren Eltern brauchen, ist auch nicht durch teures Spielzeug ersetzbar."
Aus dem Hirtenwort „Vom Maßhalten und vom Verzicht" des Mainzer Bischofs zur Österlichen Bußzeit im Jahr 1985.
„Man kann hier Manches vorschlagen, aber niemand weiß, welche Wege die Geschichte geht und wie der Geist uns führt. Uns ist die Last auferlegt, alles zu tun, dass wir in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auch wirklich weiterkommen. Wir wissen, dass das Stunden und Jahre des Scheiterns und der verpassten Gelegenheiten werden können, aber auch Sternstunden. Ich könnte die ganze Arbeit nicht tun, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass es einmal Sternstunden werden können."
Auf die Frage nach den ökumenischen Perspektiven in den nächsten 30 Jahren im Interview mit der Mainzer Kirchenzeitung „Glaube und Leben" vom 27. April 1986. Das Gespräch führte Ernst Schlögel.
„Eine weiche Stelle in der Grundhaltung der Achtung vor dem Menschenleben genügt, um einer Lawine der Unmenschlichkeit Wege zu öffnen, auch wenn die Beteiligten dies sicher nicht wollen."
Aus dem Geistlichen Wort bei der „Kundgebung für das Leben des ungeborenen Kindes - Das Licht der Welt erblicken" am 11. September 1986 auf dem Katholikentag in Aachen.
„Es ist ja nicht so, dass er der Papst in Deutschland ist."
Über die Bedeutung des Amtes des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) als Sprecher der Bischöfe direkt nach der ersten Wahl zum DBK-Vorsitzenden am 22. September 1987 vor Journalisten im Hof des Fuldaer Priesterseminars.
„Ich wehre mich dagegen, dass man alles an den großen dicken Brocken, die noch vor uns stehen und ungelöst sind, misst: Eucharistie-Gemeinschaft, Amtsfrage und das schwierige Miteinander in einer bekenntnisverschiedenen Ehe. Man geht ein bisschen selbstgerecht darüber hinweg, dass wir sehr viel mehr jeden Tag tun könnten, ohne dass uns das jemand verbietet. Der Geist Gottes wirkt in der echten Sehnsucht nach Einheit, aber nirgendwo ist verheißen, dass wir zu unserer Lebzeit schon die Früchte ernten könnten. Wenn das erst in der nächsten oder übernächsten Generation geschieht, dann dürfen wir auch dankbar bleiben für all das, was in den letzten 20 Jahren erreicht worden ist im Vergleich zu den 400 und 450, die zurückliegen. Und insofern wünsche ich mir beides: Das ökumenische Feuer darf nicht erlöschen, aber ich möchte auch eine große, aktive Geduld fördern, die schwierige Lasten nicht abschüttelt.
Zum Thema Ökumene in einem Interview, das von Sigrid Ditsch geführt wurde, und am 21. Januar 1988 in der Tageszeitung „Mannheimer Morgen" erschienen ist.
„Lesen - besonders, wenn ich mir die Lektüre auswählen kann."
Auf die Frage nach seiner Lieblingsbeschäftigung im Fragebogen des Magazins der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 4. März 1988.
„Angesichts mancher Entwicklung und mancher Vorkommnisse ist die Frage verständlich, ob Leistungssport heute noch in jeder Hinsicht humanen Maßstäben entspricht, das heißt, als dem Menschen förderlich bezeichnet werden kann. Das gilt zum Beispiel vor allem im Blick auf den Einsatz von chemischen Substanzen. In solchen Fällen kommt es zu einer Pervertierung des Sports, denn er dient unter solchen Voraussetzungen nicht mehr der Gesundheit und der Lebensfreude, sondern ist geradezu eine Schädigung. Hier verliert der Sport dann seinen wahren Sinn."
In einem Interview im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Seoul, das Peter de Groot für die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) führte, und das am 13. September 1988 veröffentlicht worden ist.
„Täuschen wir uns nicht: Wo das alltägliche Leben banal geworden ist, keine Höhen und Tiefen mehr hat, gibt es kaum Anknüpfungspunkte für den Glauben. Ähnlich gibt es im Grunde auch keine sinnvolle religiöse oder weltanschauliche ‚Neutralität', wie viele Eltern heute meinen. Es ist ein Irrtum zu meinen, das erwachsene Kind oder der Jugendliche könnten sich nach einer Zeit völliger religiöser Enthaltsamkeit, gleichsam chemisch rein und keimfrei, vom Nullpunkt aus ursprünglich entscheiden. Es gibt diesen luftleeren Raum nicht. Eltern, die vom neutralen Wachsen träumen, verkennen nicht nur die Macht vieler offener und heimlicher Einwirkungen, sondern versperren den Kindern den Weg in die Welt des Glaubens, die sie so ursprünglich und unbefangen nur als Kinder betreten können. Nicht umsonst stellt Jesus uns diese Offenheit des Kindes als Beispiel des Glaubens vor Augen (vgl. Mk 10, 13-16). Ein sinnleerer Raum, ein Vakuum schafft keine Freiheit, sondern verstellt - vielleicht für immer - die Möglichkeit, wirklich wählen zu können."
Aus dem Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit mit dem Titel „Erzählt euren Kindern davon. Von der Mitteilung des Glaubens im Lebensraum Familie", das am Wochenende 9./10. März 1990 in allen Pfarreien des Bistums verlesen wurde.
„Vielen Mitbürgern in unseren europäischen Gesellschaften ist nicht mehr bewusst, woher ihre Wert- und Lebensüberzeugungen kommen. Wie kann man zum Beispiel Menschenwürde für ausnahmslos alle und ohne jede Bedingung verlangen, wenn sie nicht letztlich in Gott begründet ist? Wir müssen den Mut haben, dem Glauben entsprungene und frei herumschwebende Motive, wie zum Beispiel Ehrfurcht vor dem Leben, in ihrer Herkunft zu identifizieren. Die christliche Substanz vieler Verhaltensweisen muss überhaupt erst wieder bewusst gemacht werden. Wenn wir unserem Glauben mehr zutrauen, werden wir auch in der geistigen Auseinandersetzung wieder mutiger. Wir müssen geistig offensiver werden und dürfen uns nicht ständig in die Defensive und ins Abseits drängen lassen."
Aus dem Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit mit dem Titel „Was heißt Neu-Evangelisierung Europas?" vom 8. Februar 1991.
„Im Tod wird der Mensch sich ganz entrissen. Gerade in dieser Situation entscheidet sich, ob der Mensch auch noch in dieser letzten Ohnmacht sich selbst behalten will, ob er in einem stillen oder lauten Protest gegen diesen Fall in das Unbestimmte endigt oder ob er - nicht ohne Kampf - willig seinen Tod annimmt, in seiner Verzweiflung sich trösten lässt und vielleicht erfährt, dass er nicht in den Abgrund des Nichts fällt, sondern in die Fülle und Vollendung seines eigenen Wesens kommt. Nochmals zeigt sich, dass der Tod die Frucht der menschlichen Freiheit ist. In der sittlichen Entscheidung der Freiheit wird gerade bejaht, dass es diese radikale und leere Willkür nicht gibt, die nur in das Nichts flüchten will. Recht getane Freiheit erfährt bereits jetzt, dass sie mehr ist als Zeit, die ihr Ende fürchten müsste, dass sie vielmehr jetzt schon eine reife Frucht von etwas in sich trägt, das nicht einfach untergeht."
Vortrag zum Thema „Der Mensch und sein Tod" in der Veranstaltungsreihe „Bischöfe kommentieren Fragen der Zeit" in St. Petri zu Lübeck am 7. April 1991.
„Besonders oft stoßen heute öffentliche Meinung und kirchliche Lehre aufeinander. Für den modernen Menschen kreist sehr vieles um das eigene Ich und seine Betroffenheit. Den Zeitgenossen scheint dies ganz normal zu sein, und doch ist eine solche Sicht keineswegs selbstverständlich. In der Bibel ist der Einzelne in seiner Situation durchaus auch angesprochen. Aber das wandernde Volk Gottes braucht im Gang der Zeiten auch das verlässliche Glaubensbekenntnis der Kirche. Dieses muss gewiss immer wieder neu ausgelegt und frisch übersetzt werden, aber man darf es nicht mit dem Argument beiseite schieben, es entspräche nicht mehr den heutigen Lebenserfahrungen und Bedürfnissen. Ohne Bekenntnis und Lehre gibt es keine Kirche. Das ‚Credo' der Kirche war über fast zwei Jahrtausende ein unentbehrlicher Wegweiser und Maßstab - wie dürften wir uns einbilden, darauf verzichten zu können? Das Glaubensbekenntnis ist einer der unerschütterlichen Pfeiler für den Bau der Kirche, aber nicht jede Tradition und jede Gewohnheit ist ein solcher Pfeiler. Hier gilt es sorgfältig zu unterscheiden. Wenn das Fundament des Glaubens fest und gewiss ist, dann ist es auch leichter, in den veränderlichen Bereichen der Kirche auf die Zeichen der Zeit zu antworten. Ich denke an viele Probleme, die wir vor uns herschieben und die uns belasten. Die entschlossene Treue im Glauben befreit zur immer notwendigen Erneuerung der Kirche. Freilich, wer weiß, dass er selber zu den armseligen und fehlbaren Gliedern des wandernden Gottesvolkes gehört, beginnt die Reform der Kirche still zuerst bei sich selbst."
Aus dem Hirtenwort zur Österlichen Bußwort zum Thema „Was ist mit der Kirche los?" vom 4. März 1992.
„Freilich ist es der Kirche nicht erlaubt, sich vorschnell aus komplexen und schwierigen Situationen unserer Gesellschaft einfach zurückzuziehen. Auch ein Rückzug in eine vermeintlich eindeutigere und heile Welt kann schuldig machen. Wer gibt zum Beispiel die Ermächtigung, auf die Rettung vieler ungeborener Kinder und die Ermutigung vieler schwangerer Frauen zu verzichten, indem man seinen Auftrag nicht mehr in dem gesetzlichen Beratungssystem erfüllt? Jedenfalls ist die künftige Stellung von Beratungsstellen für schwangere Frauen - übrigens nicht nur im Konfliktfall - ein Test auf das konkrete Verhältnis von Kirche und Gesellschaft. Eine Kirche, die sich aufrichtig auf die Wunden und Verletzungen einer Gesellschaft einlässt, muss zwar allen Nötigungen der ihr eigenen Freiheit wehren, aber sie darf nicht die größtmögliche Nähe zu denen aufgeben, die um Hilfe rufen. Für manche mag dies wie Verstrickung in eine anfechtbare Situation aussehen. Doch wenn man kein Wagnis mehr eingehen will, gibt man auch viele Chancen des Einsatzes auf. Schließlich ist der Glaube selbst das höchste Wagnis unseres Lebens, das uns für die kleineren Risiken den Rücken stärken und uns Mut machen kann."
Aus dem Eröffnungsreferat bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema „Beratung zwischen Lebensschutz und Abtreibung" am 21. September 1992 in Fulda.
„Europa lebt zwar geistig von vielen Kräften, aber es war vor allem der Geist des Christentums, der es in Gemeinschaft und Auseinandersetzung mit vielen Kräften aufgerichtet hat. Die Bibel ist dabei die Seele Europas geworden. Sie ist ein Buch, das eine ganze Bibliothek enthält und im Lauf eines vollen Jahrtausends entstanden ist. Die Bibel, älter als Europa, hat immer wieder neue Räume des Geistes und der Kultur eröffnet. Die Schrift ist immer wieder der Motor gewesen, die höchsten menschlichen Leistungen zu entfalten. Die Bibel ist die geheime und offene Mitte der europäischen Kultur."
Aus dem Grußwort beim Empfang anlässlich der Abschlussfeier des „Jahres mit der Bibel" am 31. Januar 1993 in Dresden.
„Wenn das Niveau der künstlerischen Darstellung mäßig ist, schadet dies auch dem so verkündeten Gott. Man tut Gott einen schlechten Dienst, wenn die dichterische Kraft stümperhaft ist. So suche ich nicht nach mehr oder minder theologischer Rede über Gott in der Dichtung, sondern entdecke ihn eher inkognito zwischen den Zeilen, zum Beispiel in der Verzweiflung an der Abgründigkeit der Wirklichkeit oder auch in der Sehnsucht nach dem Unendlichen. Gott kommt meist nicht direkt in die Literatur. Man muss seine verborgenen Spuren eigens entdecken."
Aus der Ansprache „Was ich von der Literatur für den Glauben gelernt habe" beim Diözesantag der Katholischen Öffentlichen Büchereien des Bistums Mainz am 3. Juli 1993 in Mainz.
„Im Übrigen bin ich kein Typ, der schnell das Handtuch wirft. Zähigkeit und Ausdauer, Langmut und Unverdrossenheit sind neben Entschlossenheit und Ergreifen der Situation meine Lieblingstugenden, denen ich wenigstens nachjagen möchte. Ich habe in vielen Jahren gelernt, nicht so schnell aufzugeben. Gerade auch als historisch erfahrener Theologe, was ein dogmatischer und ökumenischer Theologe nun einmal sein muss, weiß ich, dass man, wenn es um die Erneuerung in der Kirche geht, einen langen Atem haben muss. Nein, ich habe auch durchaus Freude am Einsatz für eine Sache, von der ich überzeugt bin."
Auf die Frage, ob es in seiner ersten Amtszeit als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz Situationen gegeben habe, „in denen Sie gerne das Handtuch geworfen hätten?". Das Interview der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) mit Peter de Groot ist am 17. September 1993 erschienen.
„Die Kirche ist Gottes Kraft in menschlicher Schwäche. Damit werden Fehler und Sünden nicht gerechtfertigt, auch nicht theologisch verbrämt. Sie ist für viele in diesem Erscheinungsbild Anlass zur Anfechtung und Prüfung des Glaubens. Wer freilich keine Praxis des Glaubens mehr kennt und keine lebendige Teilnahme am Leben der Kirche ausübt, hat geringe Chancen, in der menschlichen Schwäche auch die Kraft Gottes erkennen zu können. Er sieht nur Versagen und Schande. Wer mit den Augen des Glaubens sieht, der sieht jedoch, dass Gott selbst am Werk ist. So wie man am Kreuz nicht nur den Gemarterten sehen darf, so darf man auch nicht die Kirche in ihr menschliches Elend allein einschließen. Aber das Kreuz wird nur ein Zeichen der Auferstehung, wenn wir in der Nachfolge des Herrn umkehren und mit ihm den neuen Weg gehen."
Aus der Ansprache beim „Tag für die Geistlichen" am 4. Oktober 1993 im Kurfürstlichen Schloss in Mainz. Der Text trägt den Titel „Die Kirche - Gottes Kraft in menschlicher Schwäche. Versuch einer geistlichen Zwischenbilanz nach zehn Jahren".
„Zählt am Ende wirklich nur der, welcher in unseren Augen lebenstüchtig und gesund ist, der sich durchzusetzen versteht? Wird die Geschichte nur nach den strahlenden Siegern und den gewonnenen Schlachten geschrieben? Wehe, wenn auch wir Christen keinen Sinn mehr aufbringen für den glimmenden Docht und das geknickte Rohr. Mitleid und äußerliches Bedauern machen uns nicht schon zu Partnern. Unsere praktische Indifferenz ist solange nicht beseitigt, als wir keine konkrete Solidarität und Verantwortung für diese Menschen in uns und um uns wecken - bis zum Einsatz für die politischen Folgen. Der Geringste unserer Brüder - mag der ‚Fall' menschlich noch so ‚hoffnungslos' erscheinen, trägt insgeheim und inkognito das Antlitz Christi. Der verspottete, zerschlagene und gekreuzigte Herr ist die stets lebendige Mahnung, dass wir an solchen Schwestern und Brüdern nicht achtlos vorbeigehen."
Aus dem Vortrag „Der Preis der Glaubwürdigkeit. Heilender Umgang mit Behinderten" am 29. April 1994 in der Katholischen Akademie Rabanus Maurus in Frankfurt am Main.
„Ein wirklicher Dialog ist also sehr anspruchsvoll, wird allzu leicht verletzt und gelingt darum gar nicht so oft, wie man vielleicht denkt. In einem Dialog muss gewährleistet sein, dass die Zustimmung der Redenden nicht bloß vorgetäuscht oder erschlichen ist. Darum kann kein Dialog zur Wahrheit führen, wenn er über den erforderlichen Sachverstand hinaus nicht von Aufrichtigkeit und Freimut, von Aufnahmebereitschaft im Hören der Wahrheit und vom Willen zur Selbstkorrektur getragen wird. Dialogische Aufnahmebereitschaft hat zur Konsequenz, dass sich die Partner von der gemeinsam erkannten Wahrheit umstimmen bzw. verändern lassen oder mindestens in der Wahrheitserkenntnis wachsen. Ohne eine solche Änderungsbereitschaft verkümmert jeder Dialog."
Aus dem Eröffnungsreferat bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 19. September 1994 in Fulda. Das Referat trägt den Titel „Vom Dialog als Form der Kommunikation und Wahrheitsfindung in der Kirche heute".
„Gott hat uns für diese Aufgabe, in Wahrheit und Liebe die Einheit des Glaubens wiederzufinden, eine in der Geschichte unserer Trennungen einmalige Stunde geschenkt. Darum kommt alles darauf an, dass wir in höchster Verantwortung diese geschenkte Zeit nützen. Es wäre schlimm, wenn wir später einmal - wie unsere Vorfahren aus dem Rückblick zu den Verhandlungen 1530 in Augsburg - sagen müssten, wir wären nie mehr so nahe beieinander gewesen, hätten aber die Chance nicht genützt. Ökumenische Arbeit ist immer eine Gratwanderung zwischen dem leidenschaftlichen Eifer für die Wahrheit und konfessionalistischer Verbohrtheit. Unsere Generationen müssen, gerade wenn wir auf Martin Luther schauen, das Wagnis vollbringen um der Wahrheit und der Liebe willen den Brückenschlag weiter voranzutreiben."
Aus dem Grußwort bei der Gedenkveranstaltung zum 450. Todestag von Martin Luther am 17. Februar 1996 in Eisleben.
„Ich empfinde überhaupt nicht, dass ich kusche. Aber die Kirche sollte mit weisen Vorschlägen zurückhaltend sein, denn wir sind keine Fachleute. Mir kommt es darauf an, Einstellungen zu ändern und Grundhaltungen einzufordern. Ich finde, es ist entsetzlich schwierig für die Menschen heutzutage, wirklich zu teilen, das heißt, elementare Lebenschancen abzugeben und umzuverteilen. Ich schließe mich selbst da nicht aus. Den Willen zum Teilen zu verstärken ist viel wichtiger, als irgendeine Detailregelung anzubringen. Die Kirchen sind dazu da, Solidarität und Bereitschaft zum Teilen, aber auch Eigenverantwortung und Mut zum Risiko zu stärken. Ich denke, dass aus einer intensiveren Pflege dieser Grundhaltungen letzten Endes die Fähigkeit zu Detailregelungen erwächst. Wir können Lösungen inspirieren, aber nicht selber machen."
In einem Spiegel-Interview als Antwort auf den Vorwurf „Sie wollen bei Polit