Beim traditionellen Gottesdienst und Empfang am Vorabend zum Tag der Arbeit ging es in diesem Jahr um die Frage, wer künftig wie viel arbeiten soll. Der Abend am Donnerstag, 30. April, unter dem Motto „Mehr oder weniger? Anders. Arbeit in Zukunft gerecht verteilen“, begann mit einem Gottesdienst mit Bischof Peter Kohlgraf im Mainzer Dom. Anschließend begrüßten die Veranstalter Professorin Dr. Jutta Allmendinger (Soziologin und Beraterin) als Referentin des Abends im Erbacher Hof. Aus ihrer Profession heraus ordnete sie die gegenwärtige Arbeitszeit-Debatte gesellschaftspolitisch ein und legte dar, wie aus ihrer Sicht Arbeitszeit anders gedacht und gestaltet werden kann. Organisiert wurde der Abend vom Referat Betriebsseelsorge im Bistum Mainz, der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) Diözesanverband Mainz und dem Kolpingwerk Diözesanverband Mainz. Pitt von Bebenburg, Chefreporter der Frankfurter Rundschau, moderierte die Veranstaltung.
„Wie gelingt es, Arbeit, und zwar sowohl Erwerbs- als auch Sorgearbeit, geschlechter- und generationengerecht zu verteilen?“ Diese Leitfrage diskutierten die Gäste bei der Podiumsdiskussion. Die Begrüßung übernahm Thomas Isser, Diözesanvorsitzender des Kolpingwerks Mainz. Zu Beginn der Diskussion gaben Michael Rudolph, Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen, sowie Karsten Tacke, Hauptgeschäftsführer der Landesvereinigung Unternehmerverbände Rheinland-Pfalz (LVU) Statements aus ihren verschiedenen Perspektiven ab.
Es folgte ein Vortrag mit dem Titel „Mehr oder weniger? Anders“ von der Professorin Dr. h.c. Jutta Allmendinger. Die Soziologin ist wissenschaftliche Beraterin, unter anderem Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsens und Mitglied des Deutschen Ethikrats. Allmendinger skizzierte in ihrem Vortrag zum Beispiel, dass bezahlte und unbezahlte Arbeit nach wie vor sehr ungleich in der Gesellschaft verteilt seien. Zum einen nach wie vor zwischen Frauen und Männern, und auch zwischen Eltern und Nicht-Eltern. Ein weiteres Problem machte sie aus im außerordentlich starken Abhängigkeits-Verhältnis von Bildung und Elternhaus. Nach wie vor seien die Aufstiegs-Chancen von Kindern in Deutschland stärker als in anderen Ländern davon abhängig, welchen Bildungs-Status die Eltern haben.
Allmendinger plädierte dafür, die bezahlte Arbeitszeit stärker an die jeweilige Lebenssituation anpassen zu können. Väter kleiner Kinder würden sich zum Beispiel oft wünschen, einige Stunden weniger arbeiten zu können. Dies sollte ihnen ermöglicht werden, damit sie sich an der Familienarbeit stärker beteiligen könnten. Das würde Frauen gleichzeitig ermöglichen, während der Familien-Phase weiterarbeiten zu können. Allmendinger mahnte: „Wir lassen die Potentiale von Frauen verkümmern, nachdem wir sie exzellent geschult haben, und verfestigen die Probleme noch zusätzlich, indem wir Frauen in Abhängigkeits-Verhältnissen halten.“
Des Weiteren forderte die Soziologin: „Wir brauchen eine größere Umverteilung von Geld und Vermögen, als wir das bislang haben. Die totale Polarisierung von Vermögen führt nicht zu gesellschaftlichem Wohlergehen.“ In Bezug auf die Lebensarbeitszeit sagte sie: „Wir sind in Deutschland außerordentlich strikt bei Altersgrenzen, obwohl wir wissen, dass Menschen in unterschiedlichen Berufen ganz unterschiedlich lange arbeiten können. Diese Normierung, die wir in so vielen Facetten haben, tut uns nicht gut.“
Schließlich warb sie dafür, nicht das gesamte gesellschaftliche Leben der Ökonomisierung unterzuordnen. Denn, so ihr Fazit: „Wir müssen den Menschen Zeit geben, um die Wirtschaft zu flankieren durch eine Gesellschaft, die zusammenhält. Was nützt uns eine florierende Wirtschaft, wenn die Gesellschaft dabei auseinanderbricht?“
Der Abend begann mit einem Gottesdienst im Mainzer Dom. Bischof Kohlgraf erinnerte in seiner Predigt an seinen Vorgänger Bischof Emmanuel von Ketteler, dessen 150. Todestag das Bistum im kommenden Jahr begeht. Man nenne Ketteler gerne den „Arbeiterbischof“, weil er sich seinerzeit mit den politischen Fragen von Arbeit und Gerechtigkeit auseinandergesetzt habe, sagte Kohlgraf. „Er ist einer der Väter der Katholischen Soziallehre. Im Bistum Mainz hat er viele Einrichtungen und Gemeinschaften ins Leben gerufen, die sich konkret der sozialen Frage stellten“, sagte Kohlgraf. „Sie halten die Frage wach, wie Glaube, christliches Leben und die Sorge um Menschen zusammengehören“, sagte Kohlgraf. Kohlgraf hält die Ideen des Bischofs von Ketteler bis heute für bedenkenswert. In die heutige Zeit übertragen sagte er: „Als Christinnen und Christen dürfen wir uns nicht in die Sakristeien und hinter die Kirchenmauern zurückziehen. Ich bin dankbar dafür, dass wir dies im Bistum heute unter anderen strukturellen Bedingungen auch nicht tun. Es gibt viele Beispiele, bei denen die Kirche mitten unter den Menschen ist und ihre Anliegen vertritt.“ In diesem Zusammenhang dankte er besonders den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Betriebsseelsorge, die diese Aufgabe wahrnehmen.
In der katholischen Kirche setze man sich viel mit dem Stichwort Synodalität auseinander, griff Bischof Kohlgraf einen weiteren Aspekt auf. „Eine Gesellschaft wird den Menschenrechten gerecht, wenn sie den einzelnen Menschen die Verantwortung und die Mitsprache nicht abnimmt, sondern ermöglicht. Der Staat wie auch der Arbeitgeber muss die Eigenverantwortung der Menschen stärken und einbinden, so der Bischof“, nahm Kohlgraf Bezug auf Bischof Ketteler. Dieser sei seiner Zeit weit voraus gewesen, betonte Kohlgraf, „indem er an die Menschenwürde und die Menschenrechte erinnert.“
Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst von einem Chor der Katholischen Hochschulgemeinde Mainz unter der Leitung von Thomas Kuntze, sowie Domorganist Professor Daniel Beckmann an der Orgel.
Der kritische Blick auf die Entwicklungen der Arbeitszeitgestaltung gehört zur Kernaufgabe der Betriebsseelsorge und die Frage nach dem jeweiligen Arbeitszeitmodell steht im Mittelpunkt bei Betriebsbesuchen. Seit Jahren engagieren sich KAB und Betriebsseelsorge in den Allianzen für den arbeitsfreien Sonntag, die sich über die Sonntagsarbeitszeit natürlich auch darüber hinaus mit den Themen „Entgrenzung von Arbeit“, „Belastung durch Erwerbsarbeit“ beschäftigen. Auch in frauenpolitischen Bündnissen ist die Betriebsseelsorge aktiv und setzt sich kritisch mit den Themenfeldern „Bewertung von Arbeit“ „prekäre Beschäftigung“ „gezwungene Teilzeitbeschäftigung insbesondere im Handel“ und „Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt“ auseinander.