Bentz: Perspektive der Betroffenen ist für uns leitend

Uni Gießen: Podiumsdiskussion zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche

Gießen, 10. Juli 2019: Diskussion zum Thema Missbrauch beim Dies academicus in Gießen (v.l.n.r.): Franz-Josef Bäumer, Ansgar Kreutzer, Weihbischof Udo Markus Bentz und Britta Bannenberg. (c) Bistum Mainz / Blum
Do 11. Jul 2019
tob (MBN)

Gießen. Der Mainzer Weihbischof und Generalvikar, Dr. Udo Markus Bentz, hat am Mittwochabend, 10. Juli, bei einer Podiumsdiskussion an der Justus Liebig-Universität in Gießen Konsequenzen für das Bistum Mainz aus den Fällen von sexuellem Missbrauch in der Kirche benannt. Bei allen getroffenen Maßnahmen sei für das Bistum Mainz „die Perspektive der Betroffenen leitend für uns“, bekräftigte der Weihbischof.

Veranstaltet wurde der Abend im Rahmen des Dies academicus der Theologischen Institute der Universität. Die Diskussion stand unter der Überschrift: „Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche - und strukturelle Folgen?“

Unabhängiges Aufklärungsprojekt „Erfahren. Verstehen. Vorsorgen.“

Anfang Juni hatte das Bistum Mainz unter der Überschrift „Erfahren. Verstehen. Vorsorgen.“ ein unabhängiges Aufklärungsprojekt auf den Weg gebracht. Der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber ist mit seinem Team beauftragt worden, Fälle von sexueller Gewalt im Bistum Mainz zu untersuchen. Im Projektzeitraum von etwa zwei Jahren werden Fälle sexueller Gewalt im Bistum Mainz seit dem Jahr 1945 in den Blick genommen. Weber hat mit seinem Team bereits ein ähnliches Projekt für die Regensburger Domspatzen durchgeführt.

Als leitende Fragestellungen für das Aufklärungsprojekt benannte der Weihbischof: „Wie können Menschen Gerechtigkeit erfahren, denen durch Personen, die im und für das Bistum Mainz gearbeitet haben, unermessliches Leid zugefügt wurde? Wie konnte es dazu kommen? Das heißt, welche Strukturen haben das begünstigt, wie gestaltete sich bisher der Umgang der Verantwortungsträger damit und was können wir daraus für unsere präventiven Maßnahmen folgern?“ Wörtlich sagte Bentz: „Wichtig dabei ist uns, dass Herr Weber wirklich unabhängig arbeitet. Es ist sein Projekt, in dessen Verlauf wir ganz bewusst auf Einflussnahme verzichten.“

Und weiter: „Mir ist es wichtig, dass wir mit diesem Projekt einen Raum größtmöglichen Vertrauens schaffen, der Betroffene ermutigt, über das Erlebte zu sprechen. Sie sollen dabei nicht nur erzählen können, was war, sondern auch wie es ihnen in der Vergangenheit ergangen ist, wie mit ihnen umgegangen wurde. Mit den direkt Betroffenen, ihren Familien und Angehörigen, den Gemeindemitgliedern. Wir wollen Menschen, die im Bistum Mainz Opfer, Mitwisser, Zeugen oder Täter geworden sind, ermöglichen, sich bei Rechtsanwalt Weber als einer unabhängigen Instanz zu melden. Herr Weber sichert denjenigen, die sich melden, Anonymität zu. Er wird aber dazu ermutigen und darauf hinweisen, entsprechende Wege auch über andere mögliche Verfahren zu gehen, zum Beispiel über eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft oder über unsere Ansprechpartnerin beziehungsweise den Ansprechpartner für Missbrauch im Bistum Mainz.“

Auf Ebene des Bistums Mainz ging Bentz außerdem auf die Präventionsarbeit als selbstverständlichen Baustein in der Aus- und Fortbildung ein, die kontinuierlich weiterentwickelt werden müsse. Darüber hinaus ist im Bistum ein Beraterstab und eine Aufarbeitungskommission - auch mit externen Fachleuten - eingerichtet worden, um die Bistumsleitung zu unterstützen. Bentz ging ebenso auf die verschiedenen Teilprojekte auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz ein, sowie auf den gemeinsamen Synodalen Weg der Bischöfe mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). „Der synodale Weg ist ein Weg, um strukturelle Folgen aus dem Missbrauchsskandal zu ziehen“, sagte Bentz. Er hob hervor, dass die Bischöfe diese Gespräche „als hörende Kirche“ führen wollen und betonte deren ergebnisoffenen Ausgang. Auf die Bedeutung des Zölibates für sexuellen Missbrauch in der Kirche angesprochen, machte Weihbischof Bentz deutlich, „dass der Zölibat nicht die Ursache für sexuellen Missbrauch ist“. Der Zusammenhang von Zölibat und sexuellem Missbrauch sei sehr vielschichtig.

Professorin Dr. Britta Bannenberg, Mitautorin der MHG-Studie von der Justus Liebig-Universität, erläuterte, dass die MHG-Studie gezeigt habe, dass es spezielle „katholische Faktoren“ beim Thema Missbrauch gäbe. So seien die meisten Opfer männlich. Außerdem sei die Zahl der pädophil veranlagten Täter in der Kirche mit 28 Prozent viel höher als in anderen gesellschaftlichen Gruppen; auch der Prozentsatz der Täter mit homosexueller Orientierung sei höher. Hinzu komme, dass es in der Kirche „relevante Versetzungspraktiken“ gegeben habe, wie das Versetzen von Tätern oder die fehlende Aufklärung.

Professor Dr. Franz-Josef Bäumer, Religionspädagoge vom Institut für Katholische Theologie der Justus Liebig-Universität, sprach sich für eine Überwindung des „Klerikerzentrismus“ in der Kirche aus. Bäumer kritisierte, dass die Höchststrafe für einen Kleriker die Versetzung in den Laienstand sei: „Was ist das für eine Strafe, wenn der Täter, in den gleichen Stand versetzt wird wie ich?“ Bäumer sprach sich für die Exkommunikation von Tätern aus, möglicherweise auch auf Zeit, „auch als Genugtuung den Opfern gegenüber“. Die Moderation hatte der Geschäftsführende Direktor des Institutes für Katholische Theologie, Professor Dr. Ansgar Kreutzer, übernommen.

Hinweis: Für die Kontaktaufnahme zum unabhängigen Aufklärungsprojekt „Erfahren. Verstehen. Vorsorgen.“ hat Rechtsanwalt Weber unter der Adresse www.uw-recht.org eine eigene Internetseite freigeschaltet.