Handschriftenfragment von Hrabanus Maurus entdeckt

Pergament aus dem neunten Jahrhundert in Mainzer Martinus-Bibliothek präsentiert

HINKEL--PELGEN--WINTERER (c) Bistum Mainz / Blum (Ersteller: Bistum Mainz / Blum)
Datum:
Mi. 6. Juli 2011
Von:
tob (MBN)
Mainz. Im Bestand der Mainzer Martinus-Bibliothek wurde im vergangenen Jahr ein Handschriftenfragment des Mainzer Erzbischofs Hrabanus Maurus (um 780-856) aus dem neunten Jahrhundert entdeckt. Bibliotheksdirektor Dr. Helmut Hinkel präsentierte das Pergamentfragment zusammen mit Dr. Christoph Winterer vom Handschriftencensus Rheinland-Pfalz und dem Mainzer Buchwissenschaftler Dr. Franz Stephan Pelgen am Mittwoch, 6. Juli, vor Journalisten in der Martinus-Bibliothek.

Bei dem entdeckten Fragment handelt es sich um ein Doppelblatt aus Hrabans Enzyklopädie „De rerum naturis", das jahrhundertelang als Einband eines Buches aus der Renaissance gedient hat. Bislang gab es in der Martinus-Bibliothek nur eine Handschrift aus dem neunten Jahrhundert. Der Mainzer Buchwissenschaftler Dr. Franz Stephan Pelgen hat das Fragment in der Martinus-Bibliothek bei seinen Forschungen entdeckt. Zunächst habe er angenommen, dass es sich um ein römisches Kochbuch handle, da in dem Fragment von der Zubereitung von Speisen die Rede ist. Für sein DFG-Projekt über den Wormser Weihbischof Stephan Alexander Würdtwein (1719-1796) rekonstruiert er dessen Gelehrtenbibliothek. Rund 800 Bände davon befinden sich in der Martinus-Bibliothek. Insgesamt habe er rund 30.000 Bände aus der Martinus-Bibliothek für seine Forschungen in der Hand gehabt. Das Hrabanus Maurus-Fragment entdeckte er Ende November letzten Jahres als Einband eines 1587 in Zürich gedruckten Buches über alte Tempel.

Der Direktor der Martinus-Bibliothek, Dr. Helmut Hinkel, wies darauf hin, dass sich die Zahl der Handschriften in Bibliothek durch die Arbeit von Pelgen stark erhöht habe. Pelgen habe rund 230 Handschriftenfragmente entdeckt, so dass die Bibliothek heute etwa 300 Handschriften verwahre. Hinkel kündigte an, dass das Fragment in der klimatisierten Schatzkammer der Bibliothek aufbewahrt und der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung stehe.

Dr. Winterer erläuterte, dass das Fragment wohl aus dem dritten Viertel des neunten Jahrhunderts stamme und zwar „aus einer Handschriftenproduktion in Fulda oder Mainz, die von Hrabanus Maurus angestoßen wurde". „Wir sind dankbar für alle Handschriften, die wieder auftauchen, auch wenn sie fragmentarisch sind", sagte Dr. Winterer. Die Tatsache, dass früher Pergamenthandschriften einfach zerschnitten wurden, habe vor allem mit Desinteresse und Unachtsamkeit zu tun.

Internationaler Studientag mit öffentlichen Abendvortrag

Der Heidelberger Altphilologe Professor Dr. Walter Berschin wird das Fragment im Rahmen eines öffentlichen Abendvortrages am Donnerstag, 7. Juli, um 19.00 Uhr in der Martinus-Bibliothek in Mainz vorstellen. Er spricht zum Thema „Hrabanus Maurus - Plagiator oder Praeceptor?". Berschins Vortrag ist Abschluss eines internationalen Studientages (7. Juli, 9.00-18.00 Uhr) in der Martinus-Bibliothek, der vom Handschriftencensus Rheinland-Pfalz am Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zusammen mit der Martinus-Bibliothek veranstaltet wird. Der international besetzte Studientag behandelt Hrabans Enzyklopädie „De rerum naturis" und will damit seine Bedeutung für die intellektuelle Kultur der frühmittelalterlichen Welt untersuchen. Der Tag will zudem zeigen, was der neue Fund für die Überlieferung seiner Enzyklopädie und speziell für Mainz bedeutet.

Referenten der Tagung unter der Überschrift „Hrabanus Maurus kehrt zurück" sind unter anderen Professor William Schipper aus St. John's in Kanada und Professor Michele C. Ferrari von der Universität Erlangen. Zu Beginn der Tagung werden Professor Schipper und Dr. Winterer das Fragment zusammen mit Dr. Pelgen vorstellen. Weitere Refereten sind Dr. Stephanie Haarländer (Mainz), Christine Kenner (Wiesbaden/Zeitlofs), Beatrice Kitzinger (Washington/Cambridge), Christoph Winterer (Mainz) und Professor Dr. Ernst-Dieter Hehl (Mainz). Dr. Hinkel wird die Tagung zusammen mit Professor Dr. Jolie eröffnen.

Hinweis: Martinus-Bibliothek - Wissenschaftliche Diözesanbibliothek Mainz, Grebenstraße 8, 55116 Mainz, Tel.: 06131/266-222, E-Mail: martinus.bibliothek@bistum-mainz.de