Kohlgraf: Wir haben kein Recht auf Vergebung

Erstmals Gottesdienst zum Gedenktag für Opfer sexuellen Missbrauchs im Mainzer Dom

Gottesdienst Missbrauch (c) Bistum Mainz / Matschak
So 18. Nov 2018
am (MBN)

Mit einem Gottesdienst im Mainzer Dom am Sonntag, 18. November, hat das Bistum Mainz erstmals den von Papst Franziskus angeregten Gedenktag für die Opfer sexuellen Missbrauchs begangen.

Gottesdienst Missbrauch (c) Bistum Mainz / Matschak

 In seiner Predigt bat der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf um Vergebung: „Und wenn es manche Menschen nicht können, werde ich dies annehmen. Ich und alle, die Verantwortung tragen, haben kein Recht auf Vergebung. Wir, die Verantwortlichen müssen umkehren: Missbrauch nicht verschweigen, Unrecht benennen und solidarisch sein mit Betroffenen. Das heißt, die Menschen und Gott neu ernst nehmen – das will ich in mein Leben nehmen.“

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte festgelegt, diesen Gedenktag im zeitlichen Umfeld des durch den Europarat initiierten „Europäischen Tages zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch“ zu begehen. Dieser Tag findet seit 2015 jeweils am 18. November statt. Der Gottesdienst wurde als Wortgottesdienst begangen und musikalisch von einer Schola unter Leitung von Domkapellmeister Karsten Storck sowie Domorganist Professor Daniel Beckmann gestaltet. Zudem gab es lange Zeiten der Stille, Glockengeläut und Fürbittgebete. Eine Absicht des Gottesdienstes war es auch, für ein achtsames Miteinander von Betroffenen und Nicht-Betroffenen in den Gemeinden zu sensibilisieren. Während und nach dem Gottesdienst standen zudem geistliche Begleiterinnen und Begleiter für Gespräche zur Verfügung.

Im Folgenden dokumentieren wir den Wortlaut der Predigt von Bischof Kohlgraf:

„Ein Mensch aus meiner Umgebung, mein Vertrauter, hat mein Vertrauen verraten.“ (Psalm 55,2-19) Der Psalm 55, den wir als Lesung gehört haben, bringt ins Wort, was in seiner Abscheulichkeit kaum zu beschreiben ist. Tatsächlich ist so etwas tausendfach in der Kirche auch geschehen. Priester, Diakone und Ordensleute haben Verbrechen begangen an denen, die ihnen anvertraut waren, die ihnen hätten vertrauen dürfen, die von ihnen abhängig waren. In den vergangenen Wochen sind diese Verbrechen neu an das Licht der Öffentlichkeit gekommen. Diese Worte des Psalms, die ich und viele andere im Stundengebet immer wieder lesen und beten, beschreiben eine schreckliche Realität bis heute. Der Psalmist redet von einem gemeinsamen Weg zum Hause Gottes. Dort, auf diesem gemeinsamen Weg geschehen und geschahen derartige Taten. Das macht sie auf eine besondere Art grausam. Menschen, die im Auftrag Gottes zu handeln behaupten, zerstören Leben, zerstören Vertrauen, und darüber hinaus nehmen sie den von ihrer Gewalt betroffenen Menschen das Vertrauen in einen liebenden Gott, sie zerstören in vielen Fällen das letzte Fundament, das in dem Glauben an einen liebenden Gott bestehen kann. Das Vertrauen darauf, das in den letzten Versen der heutigen Lesung zum Ausdruck kommt, dass Gott Gerechtigkeit schaffen kann und schaffen wird, ist vielen gestohlen worden. Die Sehnsucht nach dem sicheren Ort, von dem der Beter spricht, ist nicht erfüllt worden; zur Zeit des Verbrechens nicht, es gab eine unüberwindbare Abhängigkeit, die ausgenutzt wurde, und oft nach Jahren bis heute nicht, weil die Seele diese Ruhe nicht findet. (siehe Psalmtext) Als wäre dies nicht schlimm genug, gibt es ein Umfeld, das die Verbrechen mitträgt. Die Stadt um den betenden Menschen im Psalm herum ist gewalttätig, sie ist voll Unheil. Wie oft hat das Umfeld weggeschaut, die Verantwortlichen in der Kirche haben das System geschützt, den geschädigten Menschen nicht glauben wollen, oder sie erneut gedemütigt. Kinder, Jugendliche und Erwachsene fanden kein Gehör und keinen Glauben.

Der Psalm ist brutal ehrlich. Und Verantwortliche haben keinerlei Entschuldigung. Weder entschuldigen gesellschaftliche Stimmungen oder die Behauptung, dass man eben früher anders mit so etwas umgegangen sei. Die Botschaft des Evangeliums ist seit 2.000 Jahren sonnenklar. Gott will, dass die Kleinen unter seinem Segen groß werden können, dass sie die Erfahrung machen, dass sie stark werden sollen. Er sendet seine Jünger zu heilen, zu retten, die Dämonen auszutreiben (Lk 9,1-6). Jesus stellt das Kind in die Mitte (Mt 18,2) und wenige Verse weiter warnt er, dass es besser wäre, mit einem Mühlstein um den Hals im Meer versenkt zu werden, als einem der Kleinen Ärgernis zu geben oder dessen Glauben zu zerstören (Mt 18,6). Der barmherzige Jesus ist in dieser Frage nicht wiederzuerkennen. Die Täter haben das Evangelium ad absurdum geführt.

Auch in der Kirche wurde durch Missbrauch Vertrauen zerstört und Menschen großer Schaden zugefügt. Ich höre die berechtigten Stimmen, mit Bekundungen von Betroffenheit seitens der Bischöfe sei es endgültig genug. Das ist für mich gut nachzuvollziehen. Es müssen konsequente und konkrete Schritte gegangen werden, die wohl hätten längst erfolgen können. Sicher, es gibt Leitlinien und Prävention, aber die Sichtweise der Betroffenen wurde selten ernst genommen.

Mir haben betroffene Menschen in den vergangenen Wochen geschrieben, es hat Gespräche mit ihnen gegeben und es wird weitere Gespräche geben. Im Bistum Mainz und anderenorts berichten sie von der Erfahrung, dass sie bestenfalls als „Fälle“ abgefertigt wurden und so erneut gedemütigt wurden. Strafrechtliche Urteile konnten nicht mehr erfolgen oder konnten den Wunsch nach Gerechtigkeit auch nicht ansatzweise erfüllen. Eine Aufarbeitung hat es bisher nicht gegeben, auch bei uns nicht. Wir wollen nun beginnen, dies zu versuchen. Dazu gehört auch das Gedenken an Menschen, die sexuellen Missbrauch erfahren haben. Niemand kann das zugefügte Leid ungeschehen machen. Wir wollen diesen Gottesdienst heute feiern, um daran zu erinnern, Fürbitte zu halten und gemeinsam zu beten, – das ist mir ein wichtiges Anliegen gegen das Vergessen und das Tabu.

Die Gespräche, die Betroffene mit mir führen, sind „ein Tropfen auf den heißen Stein“, ich ahne dies, aber ich will zeigen, dass die Menschen keine „Fälle“ sind, keine Akten, die bearbeitet und dann beiseite gelegt werden sollen. Wir brauchen externe Hilfe und werden sie in Anspruch nehmen. Betroffene Menschen sind die ersten, die zu hören sind, wenn wir danach fragen, wie Aufarbeitung aussehen kann. Wir werden konkret im Bistum eine Gruppe zusammenstellen mit Vertretern von Opferverbänden, externen Juristen, Psychologen, Polizei, unserer Präventionsbeauftragten und den unabhängigen Ansprechpartner unseres Bistums. Diese Gruppe wird zu beschreiben versuchen, wie im Sinne der Betroffenen Aufklärung und Aufarbeitung auf allen Arbeitsebenen aussehen müssen – von der Aktenführung bis hin zur Feststellung von Verantwortung und den daraus folgenden personellen Konsequenzen. Der Katholikenrat des Bistums hat in einer Stellungnahme angekündigt, die Umsetzung dieser Maßnahmen immer wieder anzumahnen. Es darf nicht geschehen, dass die konkreten Schritte im Sande verlaufen. Über weitere Maßnahmen zur Kontrolle kirchlicher und bischöflicher Macht müssen wir reden.

Dass wir in der katholischen Kirche vor spezifisch kirchlichen systemischen Fragen stehen, hat die jüngst veröffentlichte Studie klar herausgestellt. Da sehe ich einen langen und mühsamen Weg vor uns. Neben diesem Thema bitte ich alle Gläubigen unseres Bistums, an einer Kultur der Achtsamkeit zu arbeiten, die besonders den kleinen Menschen schützt und ihn ernst nimmt. Schenken Sie Kindern Gehör und schrecken Sie nicht davor zurück, unangemessenes Verhalten offen zu benennen. Für den Schutz von Kindern sind wir alle gemeinsam verantwortlich.

Wenn wir heute Gottesdienst feiern, könnte bei manchem der Verdacht aufkommen, es gehe darum Vergebung einzufordern. Aber das kann und soll nicht unser Anliegen sein. Wenn wir heute das „Vater unser“ beten, bitten wir darin zwar auch „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Ich möchte aber jede und jeden ermutigen, der oder die nicht vergeben kann, sich nicht unter einen religiös motivierten Druck setzen zu lassen. Was hier im „Vater unser“ in einem Satz so knapp steht, ist für viele verletzte Menschen nicht umzusetzen oder ein jahrelanger Weg, mit dem Geschehenen und auch dem Täter abzuschließen oder überhaupt umgehen zu können. Ich glaube, dass der Vater im Himmel das versteht. Täter können erst recht nicht unter dem religiösen Deckmantel Vergebung einfordern. Es gibt eine Form von religiöser „Vergebungsverpflichtung“, die einen echten inneren Frieden verhindert. Sollte jemand vergeben, nur weil er unter religiösem Druck eine Verpflichtung dazu sieht, geschieht keine Vergebung, allenfalls Verdrängung. Wer sich mit der Vater unser-Bitte schwer tut, mag seine Gefühle mitbeten, dass es nicht geht. Wir dürfen in den Psalm schauen. Der Beter ist ehrlich: Er wünscht sich den Tod des Täters und der Verbrecher. Auch derartige Texte stehen in der Bibel, und Jesus hat solche Psalmen selbst gebetet. Sie sind wichtig, weil sie einem betroffenen Menschen zeigen, dass er klagen darf, ja auch Gott anklagen darf. Dass er den Bösen wünschen darf, dass sie ihre gerechte Strafe erhalten, die er von Gott erwartet. Für manchen Betroffenen im Bistum Mainz wird es keine irdische Gerechtigkeit mehr geben. Kann ich hoffen, dass es eine Gerechtigkeit vor Gott gibt? Für mich gehört dies zu meiner Hoffnung, dass Gott Gerechtigkeit schaffen wird. Das darf keine Vertröstung sein und keine Entschuldigung, nicht alles zu tun, was uns möglich ist, Menschen gerecht zu werden. Zu viele Taten sind unter dem Deckmantel eines selbstgemachten barmherzigen Gottes schön geredet worden, oder die Beichte wurde genutzt, um sich rein zu waschen, ohne echte Umkehr anzustreben oder irdische/weltliche Konsequenzen anzunehmen. Wir reden oft zu leichtfertig von Schuld und Vergebung. In diesen Tagen lerne ich neu zu verstehen, dass wir uns unseren Gott vielfach zu harmlos geredet haben. Mancher Täter mag sich hier eingerichtet haben.

Der Psalm ist ehrlich, auch in der Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wir müssen beginnen, mit Hilfe der betroffenen Menschen das Evangelium neu verstehen und leben zu lernen. Heute kann ich nur um Vergebung bitten, und wenn es manche Menschen nicht können, werde ich dies annehmen. Ich und alle, die Verantwortung tragen, haben kein Recht auf Vergebung. Wir, die Verantwortlichen müssen umkehren: Missbrauch und Gewalt nicht verschweigen, Unrecht benennen und solidarisch sein mit Betroffenen. Das heißt, die Menschen und Gott neu ernst nehmen – das will ich in mein Leben nehmen.