Luther wieder stärker in die gesamtkirchliche Tradition stellen

Rede von Kardinal Lehmann zu Reformationsausstellung in der Berliner Staatsbibliothek

Berlin, 2.2.2017: Kardinal Lehmann trägt sich in das Goldene Buch der Staatsbibliothek ein (c) Bistum Mainz / Nichtweiß
Fr 3. Feb 2017
tob (MBN)
Berlin. Der frühere Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, hat angeregt, Martin Luther wieder „stärker in die gesamtkirchliche Tradition hineinzustellen“. Das sagte er bei der Eröffnung der Ausstellung „Bibel - Thesen - Propaganda: Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ am Donnerstag, 2. Februar, in der Staatsbibliothek Berlin.
Berlin, 2.2.2017: Kardinal Lehmann besucht die Reformationsausstellung in der Staatsbibliothek Berlin (c) Bistum Mainz / Nichtweiß

Die Ausstellung wird dort bis Sonntag, 2. April, gezeigt. Lehmanns Festrede stand unter der Überschrift „Warum und wie können Katholiken das 500-jährige Reformationsgedenken 2017 mitbegehen?“. 

Wörtlich sagte Kardinal Lehmann: „Luther hat für sich nie die Autorität beansprucht, die er faktisch erhalten hat. Er muss nicht nur aus einer vielfachen neuzeitlichen Wirkungsgeschichte mit ihren politischen, nationalen und konfessionellen Implikationen, sondern er muss nicht minder auch im Blick auf die ganze Geschichte der Kirche aus einer gewissen Isolierung befreit werden. Kein Theologe - und sei er noch so groß: auch Augustinus und Thomas von Aquin nicht - hat im Gesamtzeugnis der katholischen Kirche eine so hohe Vorrangstellung erhalten. Selbst dem großen ‚Lehrer der Gnade’ Augustinus ist die Kirche an entscheidenden Punkten nicht gefolgt. Noch wichtiger als die bloße Gefolgschaft für einen großen Lehrer ist das stets neue Hinhören auf alle Zeugen des Glaubens. Wäre es nicht an der Zeit, für Katholiken und für evangelische Christen je auf ihre Weise, das Ereignis ‚Luther’ stärker in die gesamtkirchliche Tradition hineinzustellen, noch mehr als es Teile des skandinavischen und nordamerikanischen Luthertums schon immer getan haben? Der ganze Luther im Chor der unverkürzten Glaubensgeschichte der einen Kirche kann durchaus für den Katholiken eine geradezu prophetische Bedeutung bekommen. Es scheint mir, dass er unter dieser Bedingung ein ‚Zeuge des Evangeliums’, ein ‚gemeinsamer Lehrer’, vielleicht sogar ein ‚Vater im Glauben’ (nicht: Vater des Glaubens) werden kann. Kann sich ein gewisser Ur-Protestantismus, der sich prinzipiell gegen eine solche gesamtkirchliche Integration verschließt, mit Fug und Recht auf Martin Luther und das Augsburgische Bekenntnis berufen? Ist eine abstrakte Formulierung und Isolierung einseitiger Aussagen auf die Dauer ökumenisch haltbar? Protest und Korrektiv allein können nicht genügen, um eine Kirche Jesu Christi sein zu können. Beide haben eine unentbehrliche Funktion, bedürfen jedoch selbst der umfassenden Fülle. Theologische Höhe darf man nicht unter Preis verkaufen und billig heruntersetzen: Reformation ist nicht nur eine Chiffre zu einem Imperativ ‚Die Welt verändern’ oder ‚immer wieder neue Aufbrüche wagen’. Es geht um Wahrheit des Glaubens und Theologie.“

Kardinal Lehmann betonte, dass es „im Interesse einer wahrheitsgetreuen Deutung“ notwendig sei, „den tiefen Zusammenhang Luthers mit der ganzen Geschichte der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche stärker in ihrem Gewicht“ zu betrachten. Wörtlich sagte er: „Wir sind nicht nur durch die Bibel (und über sie mit dem Judentum) und durch die großen Glaubensbekenntnisse sowie die Konzilien der Alten Kirche tief miteinander und eben auch den Ostkirchen verbunden, sondern auch durch die oft beschämend gescholtene und unbekannte mittelalterliche Welt enger geeint, als uns manche Polemik zu denken übrig lässt. Ich nenne nur einige Themen: das Vermächtnis des heiligen Augustinus für alle späteren Kirchen, die tiefe Beziehung zwischen dem heiligen Bernhard und Martin Luther. Es ist ein wichtiger Schritt in dieser Richtung, wenn uns in jüngster Zeit die tiefe Verbindung mit der Mystik des Mittelalters und dem monastischen Erbe bei Luther durch die Forschung neu vor Augen geführt wird, und zwar nicht nur historisch. Dies hat auch ganz praktische Dimensionen. Es geht auch darum, wie die reformatorische Bewegung und die spätere lutherische Kirche zum Beispiel durch die Übernahme katholischer Kirchen, Klöster und Kircheneinrichtungen bis heute in einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit an die katholische Welt angeknüpft haben. Ich habe dies immer wieder zum Beispiel in Lübeck gesehen. Ich denke aber auch zum Beispiel gerade auch an das sogenannte Abendmahlsgerät, das ja nicht selten einfach übernommen worden ist und seine verborgene ökumenische Dimension. Wir trinken das heilige Blut aus denselben Kelchen. Es gibt aus der Reformationszeit nicht nur die zertrümmerten Marienstatuen, sondern es gibt eine erstaunliche Kontinuität, die wir aber noch nicht auf einen gemeinsamen Nenner gebracht haben, und damit eine oft tief verborgene Katholizität.“

Luther selbst habe noch „ein sehr tiefes Bewusstsein von der Selbigkeit und Kontinuität der Kirche als geschichtlicher Größe und als lebendiger Zusammenhang, auch wenn das Verständnis der Kontinuität nicht einfach identisch mit der katholischen Sicht war“, sagte Lehmann. Er wolle „keine rückwärtsgewandte Geschichtsromantik“ betreiben, „aber: Martin Luther ist schließlich in der einen und selben katholischen Kirche geboren und gestorben.“ Lehmann erinnerte daran, dass Luther nicht daran gedacht habe, „eine neue, zweite Kirche neben der alten zu schaffen“. Wörtlich sagte er: „Seine Aussagen über den Willen zur Kontinuität in der Kirche sind nach meinem Dafürhalten noch nicht genügend ernstgenommen worden, weder von den Katholiken noch von Lutheranern.“

Und weiter: „Wir sind dem streitbaren Theologen Martin Luther vor allem schuldig, dass wir diese Herausforderung zur Suche nach religiöser und theologischer Wahrheit annehmen und - auch in der Ökumene - nicht in bequeme oder bloß pragmatische Lösungen ausweichen, die auf die Dauer ohnehin nur enttäuschen. Das Wort vom ‚Ketzer’ für Martin Luther tauge nicht mehr, „um die ganze Haltung und Stellung der katholischen Kirche zu Martin Luther zu umschreiben“, sagte Lehmann. Und weiter: „Das Wort vom ‚Ketzer’ erinnert uns daran, dass es zwischen Lutheranern und Katholiken um die Frage nach der Wahrheit geht und dass wir im Wettstreit um ihre Erkenntnis einander nicht nachstehen. Vielleicht könnten wir das Wort vom ‚Ketzer’ eines Tages ganz hinter uns lassen, wenn es uns geschenkt wäre, die unbestreitbar große Glaubensgestalt Martin Luther noch viel mehr im vielstimmigen Chor der Zeugen des Evangeliums zu sehen und so die Notwendigkeit, seine Größe und die Not seiner Sendung neu zu sehen und zu verstehen. Ein solcher Traum wäre nicht weit entfernt von der Wirklichkeit der einen Kirche.“

Darüber hinaus verwies der Kardinal auch auf Erkenntnisse zur Situation der Kirche in der damaligen Zeit: „Wir haben oft ein zu einseitiges Bild von der ‚Verkommenheit’ der spätmittelalterlichen Kirche. Dieses Schwarz-Weiß-Bild ist gegenüber der Wirklichkeit, wie sie uns heute wenigstens in großen Zügen vorliegt, viel zu simpel. Auf der einen Seite ist von katholischer Seite nicht alles schon klar, wenn man auf die Bemühungen der innerkirchlichen Reformbewegungen verweist. Aber man darf diese vielgestaltigen Initiativen auch nicht verschweigen.“ Er erinnerte unter anderem an Äußerungen von Papst Hadrian VI. zur „Krankheit der Kirche an Haupt und Gliedern“ aus dem Jahr 1522. Daneben habe es auch in vielen Ordensgemeinschaften spirituelle Initiativen zur Kirchenreform gegeben.