„Vor Gott neu erzittern“

Bischof Kohlgraf beging Jahresgedächtnis für Kardinal Karl Lehmann im Mainzer Dom

Mainz, 17. März 2019: Bischof Peter Kohlgraf besprengte die Grabplatte von Kardinal Lehmann mit Weihwasser und betete am Grab. (c) Bistum Mainz / Blum
So, 17. Mär 2019
tob (MBN)

Mainz. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat im Rahmen des Stiftsamtes im Mainzer Dom am Sonntag, 17. März, das Jahresgedächtnis für seinen Vorgänger, Kardinal Karl Lehmann, begangen.

Mainz, 17. März 2019: Bischof Peter Kohlgraf bei seiner Predigt im Gottesdienst zum Jahresgedächtnis für Kardinal Karl Lehmann. (c) Bistum Mainz / Blum

Mit Blick auf Lehmanns Wappenspruch „State in fide - Steht fest im Glauben“ ging Kohlgraf auf das Glaubensverständnis seines Vorgängers ein: „‚Feststehen im Glauben’ im Sinne Karl Lehmanns kann nicht das Denken sein, man hätte nun alles verstanden, man habe den Glauben in festen Sätzen als Besitz, ja, man besitze nun Gott selbst. Feststehen im Glauben bringt auf den Weg. Ein Glaube ohne Bewegung ist Ideologie. Christlicher Glaube im Sinne des wandernden Abraham hat sich immer auf das neugierige Gespräch mit den Themen und der Erkenntnissen der jeweiligen Zeit eingelassen. Anders als alle Götter zur Zeit des Abraham ist Gott ein Wege-Gott, der mitgeht, der auf dem Weg neue Erkenntnisse zulässt, der immer wieder zum Aufbruch mahnt. Kardinal Karl Lehmann steht für eine weltoffene und menschenfreundliche Theologie, die sich neuen Einsichten nicht verschließt.“

Weiter sagte Kohlgraf: „Vor einem Jahr haben wir ihn als großen Brückenbauer gewürdigt. Er war ein Mann des Wissens und der Wissenschaft. Aber in seinem Lebenszeugnis, dessen wir uns heute erinnern, macht er deutlich, dass es im Glauben nicht um ein Anhäufen von Wissen und toten Buchstaben geht, sondern um ein Ergriffensein, ein Hören, ein Sich-Aneignen, ein Berührtsein von Gott, der spricht. Theologie ist das Nachdenken über sein Sprechen, das Aneignen, das Weiterdenken, die Aktualisierung. Daher ist eine Theologie ohne Gebet, ohne die persönliche Gottesbeziehung wenig weiterführend. Im Glauben feststehen bedeutet daher immer auch, in eine Beziehung, ein Gespräch mit Gott einzutauchen. Theologie darf nie das Staunen über Gottes Zuwendung zu uns verlieren.“

Der Mainzer Bischof ging auch auf die aktuellen Diskussionen zur Zukunft der Kirche ein. Wörtlich sagte er: „Wenn wir in den vergangenen Monaten, Wochen und Tagen in der Bischofskonferenz über Themen wie ‚Priesterliche Lebensform’, ‚Macht und Machtbeschränkung’ sowie ‚Sexualmoral’ nachgedacht haben, haben manche auch gespürt, dass wir an den Ergebnissen moderner Wissenschaften nicht vorbeikommen, wenn wir nach Antworten suchen. Wenn Glaube vernünftig sein will, darf er sich dem Gespräch mit den Wissenschaften heute nicht entziehen. Glaube auf dem Weg mit Abraham meint eben nicht, ein totes Glaubensgut zu besitzen, das in einem Tresor von neuen Erkenntnissen unberührt lagert und von Generation zu Generation weitergereicht wird. Dann gehörte Glauben ins Museum, aber nicht auf die Straßen dieser Welt, mitten unter die Menschen mit ihren Themen, mit ihren Erkenntnissen und ihrem Wissen und ihren Fragen. Wie oft sind wir noch unterwegs mit der Einstellung, wir besäßen Gott - nicht er uns. Wie klein machen wir ihn oft, wenn wir ihn für unsere Zwecke nutzen. Wie klein wird er, wenn wir immer wieder auftreten und genau zu wissen vorgeben, was er von anderen will. Auf den Wegen, die Gott uns führt, ist die Demut die rechte Haltung.“

Eine Zeit der scheinbaren Gottferne aushalten, um neu von ihm zu reden

Mainz, 17. März 2019: Das Grab von Kardinal Karl Lehmann im Mainzer Dom befindet sich in der Bischofsgruft unter dem Westchor. (c) Bistum Mainz / Blum

Bischof Kohlgraf ging auch darauf ein, dass Glaube „auch Strecken der Angst und des Dunkels, Erfahrungen der tiefen Nacht“ beinhalten könne. Wörtlich sagte er: „Abraham hat die Verheißung, aber es gibt das Dunkel, den Zweifel, die Gottferne und das Gefühl, von Gott erdrückt zu werden. Gott ist nicht harmlos. Er ist die Liebe, aber nicht ‚lieb’ in unserem umgangssprachlichen Sinne. Deswegen ist es nicht harmlos, von Gott zu sprechen. Im Moment erleben wir eine Phase in der Kirche, in der mir die Erfahrung Abrahams sehr nahe kommt: eine große unheimliche Angst, eine tiefe Nacht. Wir haben in der Kirche durch unser Verhalten ein Reden über einen liebenden Gott so unglaubwürdig gemacht. Vielleicht müssen wir derzeit eine Zeit der scheinbaren Gottferne aushalten, um neu von ihm zu reden, nachdem wir gelernt haben, dass er nicht dafür da ist, unsere Ziele zu bestätigen, unsere Macht zu sichern, dass wir unangreifbar werden in seiner Nähe.“

Und weiter: „Wie prophetisch der Satz im Geistlichen Testament von Kardinal Lehmann war, hat sich mir besonders in den vergangenen Monaten erschlossen: ‚Schließlich ist mir die Unheimlichkeit der Macht und wie der Mensch mit ihr umgeht, immer mehr aufgegangen. Das brutale Denken und rücksichtsloses Machtstreben gehören für mich zu den schärfsten Ausdrucksformen des Unglaubens und der Sünde.’ Wenn Gott und die Rede über ihn dazu dient, meine persönliche Macht zu sichern, ist dies eine der schlimmsten und gefährlichsten Formen des Atheismus. Gott wird zum Instrument. Im Moment sollten wir einen Weg gehen, vor Gott neu zu erzittern, seinem Anspruch, seiner Gegenwart im Dunkel.“

Kohlgraf zelebrierte den Gottesdienst gemeinsam mit Weihbischof Dr. Udo Markus Bentz, der auch Generalvikar des Bistums Mainz ist, Weihbischof em. Franziskus Eisenbach und dem Mainzer Domstift. Am Ende des Gottesdienstes ging Bischof Kohlgraf mit den Zelebranten zum Grab von Kardinal Lehmann in die Bischofsgruft unter dem Westchor. Kohlgraf besprengte dort die Grabplatte von Kardinal Lehmann mit Weihwasser und betete am Grab. Die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes hatte die Domkantorei St. Martin unter Leitung von Domkapellmeister Karsten Storck übernommen, zusammen mit dem Mainzer Domorganisten, Professor Daniel Beckmann.

Am Montag, 11. März, hatte sich der Todestag des früheren Mainzer Bischofs, Kardinal Karl Lehmann, zum ersten Mal gejährt. An diesem Tag war im Mainzer Dom in den Gottesdiensten am Morgen des Verstorbenen gedacht worden. Ein Gottesdienst mit Bischof Kohlgraf und Weihbischof Bentz war an diesem Tag im Mainzer Dom wegen der zeitgleich stattfindenden Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen nicht möglich.

Kardinal Lehmann war am 11. März 2018 im Alter von 81 Jahren in Mainz verstorben. Viele tausend Menschen hatten in der Kirche des Mainzer Priesterseminars in der Augustinergasse von Kardinal Lehmann Abschied genommen, wo der Verstorbene vom 13. bis zum 20. März aufgebahrt war. Das Requiem fand am 21. März im Mainzer Dom statt. Zuvor war der Verstorbene in einem Trauerzug durch die Mainzer Altstadt in den Dom überführt worden. Kardinal Lehmann ist in der Bischofsgruft unter dem Westaltar des Mainzer Domes beigesetzt.