Zeitkapsel aus Turmhahn von Mainz-St. Christoph wiederentdeckt

Fünf Urkunden ermöglichen zeitgeschichtliche Einblicke zur Ruinenkirche

Eine der Urkunden aus der wiederentdeckten Zeitkapsel von Mainz-St. Christoph. (c) Dom- und Diözesanarchiv Mainz
Datum:
Mo 9. Nov 2020
Von:
tob (MBN)

Mainz. Durch Zufall ist im Bistum Mainz vor kurzem eine Zeitkapsel aus dem Turmhahn der Mainzer Ruinenkirche St. Christoph wiederentdeckt worden. Die rund 20 Zentimeter lange, zylindrische Bleikapsel enthielt fünf ineinander gerollte Pergament- und Papierurkunden, die unter anderem über die Neuanfertigung des Turmhahns, spätere Neuvergoldungen und weitere Arbeiten an der Kirche berichten.

Eine der Urkunden aus der wiederentdeckten Zeitkapsel von Mainz-St. Christoph. (c) Dom- und Diözesanarchiv Mainz

Der überraschende Fund ist ein bescheidener materieller Überrest der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Pfarrkirche in der Mainzer Innenstadt. Die bis Ende des 17. Jahrhunderts zurückreichenden Urkunden geben zeitgeschichtliche Einblicke zu St. Christoph und den im Umfeld dieser infolge des Krieges untergegangenen Pfarrei wirkenden Menschen.  

Die Kapsel und die Urkunden wurden zur dauernden Aufbewahrung an das Mainzer Dom- und Diözesanarchiv übergeben, wo die Unterlagen künftig auch eingesehen werden können (Akzession 14-2020 Nr. 1-5). Zwei Urkunden sind bereits transkribiert. Zwei weitere Urkunden weisen starke Schäden durch Hitzeeinwirkung auf und sind derzeit noch zu fragil, um sie komplett aufzufalten. Um sie zu entziffern, wäre eine Restaurierung notwendig. 

Eine der Urkunden aus der Zeitkapsel von Mainz-St. Christoph. (c) Dom- und Diözesanarchiv Mainz

Entdeckt wurde die Zeitkapsel von Konservatorin Diana Ecker von der Kirchlichen Denkmalpflege im September 2020. Damals wurde das Diözesandepot, in dem ausrangierte Kunst- und Ausstattungsgegenstände aus verschiedenen Kirchen der Diözese gelagert werden, aufgelöst und an einem neuen Standort untergebracht. Wie und wann die Kapsel in das Diözesandepot gelangt ist, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, da in den Anfängen des wohl seit den 1970er Jahren angelegten Depots keinerlei Dokumentation der eingelagerten Objekte stattgefunden hat. Darüber hinaus ist das Depot zwischenzeitlich auch mindestens zwei Mal umgezogen. Eine Erklärung könnte sein, dass die Kapsel vielleicht bei den Luftangriffen auf Mainz am 12. und 13. August 1942, als Brandbomben Kirche und Pfarrhaus trafen, herausgeschleudert und von einem aufmerksamen Finder geborgen wurde. Möglicherweise gelangte sie dann später über ein ausrangiertes Möbelstück aus dem Pfarrhaushalt in das Depot. 

Eine der Urkunden aus der Zeitkapsel von Mainz-St. Christoph. (c) Dom- und Diözesanarchiv Mainz

Enthalten sind in der Zeitkapsel folgende Urkunden:

  • 1: Pergament-Urkunde, beschädigt, Datierung ca. 1695-1700, zu erschließen aus den Angaben: Papst Innozenz XII. (1691-1700) und Erzbischof Lothar Franz von Schönborn (1695-1729)
  • 2: Pergament-Urkunde, beschädigt, vom 10. April 1846, berichtet von der Neuanfertigung des Hahns auf dem Turm von St. Christoph
  • 3: Pergament-Urkunde, Anfang Oktober 1868, vom Jesuitenkonvent ausgestellt, berichtet von der Neuherstellung und Vergoldung des Hahns
  • 4: Papier-Urkunde, 21. Oktober 1868, ausgestellt von der Casino-Gesellschaft im Frankfurter Hof, berichtet von der Neuherstellung und Vergoldung des Hahns
  • 5 : Pergament-Urkunde, 1. August 1896, Kirchenvorstand von St. Christoph, Neuanfertigung Turmkreuz und Neuvergoldung des Hahns