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Predigt in der Feier der Osternacht:Alle Bosheit dieser Welt, alle Erfahrung des Todes, auch alle Schuld und Boshaftigkeit der Menschen können das Licht nicht aufhalten.

Sonnenaufgang
Datum:
Sa. 4. Apr. 2026
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Dom zu Mainz, Samstag, 04. April 2026, 21.30 Uhr

Es ist ein oft verborgener Sieg, aber das Dunkel ist besiegt. Das feiern Christinnen und Christen in dieser Nacht. Wir haben aber auch erlebt, dass wir zu derartigen Lichtträgerinnen und Lichtträgern werden. Unsere Welt verändert sich nicht durch ein „Fingerschnippen“ Gottes. Er setzt das Licht des Lebens in diese Welt, wir werden gerufen, weiterzugeben, was wir glauben dürfen. Manchmal sehen wir nur das Dunkel. Ostern möge die Perspektive verändern.

Ostern kann die Begeisterung für den Glauben zurückgeben. Wir feiern etwas so unglaublich Schönes, dass die Worte nur unzureichend sind. Wir feiern den Sieg des Lebens über den Tod, den Sieg des Lichtes über das Dunkel, den Sieg der Sonne über die Nacht. Wer nichts vom Christentum wüsste, den müsste man einladen, diese Nacht mit uns zu feiern. Eigentlich müsste er danach eine Erfahrung gemacht haben, die ihn nicht mehr loslässt. Diese Begeisterung möge uns allen neu geschenkt werden, dass wir uns nicht zu sehr an das Unfassbare gewöhnen. Drei Zeichen können uns helfen, den Glauben neu zu erfahren.

Das Licht prägt die Erfahrung dieser Nacht: Bereits in der Weihnachtsgeschichte spielt die Lichtsymbolik eine Rolle. Das Licht Gottes leuchtet in die Finsternis der Welt. Und doch hat die Finsternis scheinbar gesiegt. Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst, heißt es im Johannesevangelium. Das ist die schlimme Erfahrung vieler Menschen, auch heute. Selbst wenn es Gott gibt, die dunkle Realität scheint doch stärker zu sein. Er kann nichts bewirken – so ist manche menschliche Erfahrung. Und er hat scheinbar nichts bewirkt. Am Karfreitag lachen die Mächte der Finsternis, viele Menschen erkennen sich darin wieder. Wir haben gehofft und geglaubt. Am Ende steht doch das Dunkel, der Tod, die Nacht, können Menschen einwenden. Auch der gläubige Mensch erschrickt oder resigniert oft genug vor der Abwesenheit Gottes. Manchem Zeitgenossen ist diese Frage mittlerweile auch gleichgültig. Licht verbreitet eine derartige Gleichgültigkeit auch nicht. Das ist die Nacht, in der wir Ostern feiern. Manche haben aufgehört, nach Gott zu rufen, nach ihm auszuschauen. Ostern sagt uns: Das Licht leuchtet in der Finsternis, die Finsternis hat es nicht erfasst, und doch hat Gott das Licht entzündet, ob das Dunkel will oder nicht. Wir haben am Beginn der Osternachtfeier erlebt, wie ein kleines Licht mächtiger ist als alle Dunkelheit. Alle Bosheit dieser Welt, alle Erfahrung des Todes, auch alle Schuld und Boshaftigkeit der Menschen können das Licht nicht aufhalten. Es ist ein oft verborgener Sieg, aber das Dunkel ist besiegt. Das feiern Christinnen und Christen in dieser Nacht. Wir haben aber auch erlebt, dass wir zu derartigen Lichtträgerinnen und Lichtträgern werden. Unsere Welt verändert sich nicht durch ein „Fingerschnippen“ Gottes. Er setzt das Licht des Lebens in diese Welt, wir werden gerufen, weiterzugeben, was wir glauben dürfen. Manchmal sehen wir nur das Dunkel. Ostern möge die Perspektive verändern. Ich kann für meinen bischöflichen Dienst sagen, dass ich immer wieder Menschen treffen darf, die Licht ins Dunkel bringen, und die sich nicht entmutigen lassen.

Das Wasser erinnert uns in dieser Nacht an unsere Taufe, die Geburt zum ewigen Leben. Die Osternacht ist der Ort der Taufe und der Tauferinnerung. Wir werden das Wasser segnen, das uns stets an die Taufe erinnert. Wir sind in der Taufe mit Christus bereits gestorben, diesen seltsamen Gedanken schenkt uns Paulus im Römerbrief. Wenn wir aber schon tot sind und bereits auferstanden, dann kann uns der Tod nichts mehr anhaben. Diesen großen Gedanken müssen wir durch unser gesamtes Leben erst einmal begreifen und für uns übersetzen. Das ist sozusagen das „Plus“ vor den vielen Todeserfahrungen unseres Lebens und unserer Welt. Nichts ist schön am Tod, nichts ist schön an Gewalt, Krankheit und Vergänglichkeit. Und dennoch steht ein Plus davor, die Berufung zum ewigen Leben. Manchmal macht es mich traurig, dass dieser Gedanke nicht mehr für alle Gläubigen in der Kirche zentral ist. Ohne diesen Glauben bleibt aber alles leer und hohl, was wir sonst verkünden. Erst wenn wir Ostern und an das ewige Leben glauben, verstehen wir die Schrift. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Schrift, dass Gott treu ist, dass er unser Leben will, das mehr ist als das Ticken unserer biologischen Uhr. Es ist Leben mit Sinn, Leben gefüllt von Liebe, Leben mit einem Ziel vor Augen. Wenn ich heute Nacht glaubend am leeren Grab stehe, dann sehe ich dort, wie alles zusammenpasst. Hier zeigt sich, dass am Ende alle Gräber leer sein werden, dass es der große Plan Gottes ist, dass wir alle leben, weil Gott über den Tod in Ewigkeit treu ist. Taufe heißt: Gott verspricht mir und uns die Treue und bricht sein Versprechen nicht. Ich bin mit Christus bereits auferstanden.

Das neue Lied wird in dieser Nacht angestimmt: Nach dem musikalischen Fasten intoniert der Bischof das Halleluja. Ostern ohne dieses Lied ginge nicht. Oft nutzen Menschen ihre Stimme zur Klage, zum Schreien, zum Reden, zum Stöhnen, die Welt ist voll solcher Stimmen und Geräusche. Das Leid der Schöpfung schlägt sich in vielen Geräuschen nieder. Dass der Mensch singen kann, und dass er das Lob Gottes singen kann, lässt hoffen, dass alles Leid eines Tages verwandelt wird. Vor einiger Zeit las ich in einem Buch einen Bericht aus einem der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Wochenlang durften die Gefangenen nicht sprechen. Menschen wurden als Arbeitsmaschinen gehalten. Es durfte keinen Austausch der gemeinsamen Ängste und Hoffnungen geben. So konnten Menschen schon zu Lebzeiten tot sein. An Ostern gab es dann die Möglichkeit zu sprechen. Doch die tägliche Erfahrung von Gewalt und Tod hatte im buchstäblichen Sinne sprachlos gemacht. Man saß schweigend in der Baracke. Auf Befehl kann man dann offenbar nicht reden. Die Sprachlosigkeit ist hier Ausdruck tiefster Hoffnungslosigkeit. Einige Zeit liegt man in der Baracke nebeneinander, bedrückende Stille: was soll man sich sagen? Bis einer anfängt, zu singen: „Christ ist erstanden von der Marter alle“. Ein Augenzeuge hat später berichtet, dass nach und nach alle in das Lied einfielen und mitsangen, bis die Tränen liefen. Der Osterglaube im neuen Lied, der alle Lähmung überwindet und Menschen auf unglaubliche Weise zusammenführt, wenn alle Worte versagen, wird hier erfahrbar.

Das Licht, das Wasser, das neue Lied sind Ausdrucksweisen eines Glaubens, der jede Hoffnungslosigkeit überwinden kann. Gott ist ein Gott des Lebens, aber er gibt uns sein Licht in die Hand, er nimmt uns mit in sein ewiges Leben, er traut uns zu, in den Klageliedern dieser Welt ein neues Lied zu singen. Ich wünsche uns allen, dass gerade auch in diesem Jahr Ostern uns unsere Begeisterung lebendig erhält oder sie uns zurückgibt.