Einmal im Monat schreibt Bischof Kohlgraf die Kolumne „Perspektiven“ für das Magazin „Glaube und Leben“:Chance auf neue Akzente

Ich wünsche allen ein gesegnetes Jahr 2026. Papst Leo XIV. hat in einer Predigt am 9. Mai 2025 davon gesprochen, dass viele Menschen in diesen unruhigen Zeiten ihre Sicherheiten in Technologie, Geld, Erfolg, Macht und Vergnügen suchen. Wenn diese Wahrnehmung stimmt, hat die Botschaft des Evangeliums nur wenig Chancen, gehört zu werden. Daneben bemerke ich, dass Menschen immer wieder erfahren, dass diese Sicherheiten leicht zerbrechen, ebenso wie unterschiedliche Trends der Selbstoptimierung im Gesundheits- oder Fitnessbereich. Ich muss hier nicht alles schlechtreden. Auch ich freue mich über Anerkennung, finanzielle Absicherung, Vergnügen, die Errungenschaften der Technik und darüber, gesund zu sein. Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke und auf das vor uns liegende schaue, dann wurde mir aber manches Mal schmerzlich bewusst, dass diese Möglichkeiten allein nicht das Fundament meines Lebens sein können.
Zu Beginn eines neuen Jahres suche ich nach dem, was mich wirklich trägt. Die Australierin Bronnie Ware hat in ihrer langjährigen Tätigkeit in der Palliativmedizin Beobachtungen gesammelt, die zeigen, was Sterbende am meisten bereuen. Die meisten beklagten, zu sehr darauf geachtet zu haben, was andere von ihnen denken. Vielleicht ist es tatsächlich eine Versuchung, eine Fassade aufrechtzuerhalten oder eine Maske zu tragen, die die eigenen Haltungen nicht wirklich zum Ausdruck bringt. Als Mensch und Christ tue ich gut daran, auf mein Gewissen zu hören und zu meinen Haltungen zu stehen. Dass ein Gewissen gebildet werden muss, versteht sich von selbst. Nur anderen gefallen zu wollen, trägt am Ende nicht.
Andere haben mir erzählt, dass sie sich zu sehr über Arbeit und Erfolg definiert haben. Natürlich bin auch ich froh, eine sinnvolle Tätigkeit ausüben zu können. Aber ich muss auf mich achten, um anderen sinnvoller dienen zu können. Bei anderen blieben aufgrund vieler Anforderungen Freundschaften auf der Strecke. Im vergangenen Jahr musste ich mich von einigen guten Freundinnen und Freunden verabschieden. Ich merke, wie sehr sie mir fehlen. Freundschaften muss ich im neuen Jahr pflegen. In den Gesprächen mit Bonnie Ware wurde vielen bewusst, dass sie zu wenig dafür getan hatten, glücklich zu sein. Zu viele Routinen, die nie überdacht wurden, haben ihren Alltag über Jahre geprägt.
Ein neues Jahr ist eine neue Chance, über das eigene Fundament nachzudenken und neue Akzente zu setzen. Der Glaube hilft mir dabei, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Gott und seine Begleitung bleiben für mich persönlich auch im neuen Jahr die wichtigste Grundlage.
// + Peter Kohlgraf