Predigt von Bischof Peter Kohlgraf zum Abschluss des Heiligen Jahres im Mainzer Dom am 31. Dezember 2025:Dankbarkeit statt Schwarzsehen

Mit diesem Satz von Papst Franziskus erinnere ich gerne und mit Hochachtung an diesen Papst, der am Ostermontag 2025 verstorben ist. Er stand für eine Kirche, die auch heute in der Nachfolge Christi sich allen Themen dieser Welt und der Menschen stellt. Ich nehme wahr, dass Papst Leo XIV. in einem anderen Stil die inhaltliche Linie fortsetzt und die Wirklichkeiten dieser Welt und der Kirche kritisch wahrnimmt, Probleme benennt und sie aus dem Glauben zu verändern helfen will. In diesen Anliegen begleite ich Papst Leo XIV. mit ganzem Herzen und bitte alle, ihn in seinem schwierigen Dienst der Einheit zu unterstützen.
Es ist gut, dass Papst Franziskus zunächst auch das Gute in unserer Welt benennt, ohne konkret zu werden. Offenbar erwartet er von uns, den Blick für das Gute nicht zu verlieren, da das viele Dunkle die Wahrnehmung des Guten oft überlagern kann. Christus wird Mensch in einer von Gott gut geschaffenen Welt. Ich darf sagen: Wenn ich meinen Blick nicht verenge, sehe und erfahre ich jeden Tag auch dieses Gute.
Manchmal bemerke ich bei mir, dass ich vieles zu selbstverständlich nehme. Ich will dies am Beispiel der Freundschaft verdeutlichen. Im Jahr 2025 musste ich mich von einigen guten Freunden verabschieden, die in diesen Monaten verstorben sind. Wie viel sie mir bedeutet haben, merke ich nun, da sie als Gesprächspartner fehlen. Wie dankbar darf ich sein für gute Freundschaften. Und in diesen Fällen bleibe ich dankbar für so viel gutes Miteinander. Manchmal müsste ich mehr für den Erhalt dieser Freundschaften tun. Vielleicht denken Sie in diesem Sinne an Ihre Partnerin oder den Partner, die Familie und ebenfalls an die Freunde. Solche Beziehungen sind für mich auch eine Wirklichkeit dieser Welt.
Menschen sind zu wirklich Gutem fähig und ich darf dies immer wieder erleben. Wie viele gute Worte wurden mir auch in diesem Jahr geschenkt. Menschen stiften durch ihr Wort, durch ihr Miteinander und ihre Aufmerksamkeit für den anderen Menschen so viel an Gutem. Ich bleibe hoffentlich dankbar für meine Lebensgrundlagen und die Möglichkeiten, die ich hierzulande habe.
Ich begegne als Bischof in unseren Gemeinden so vielen Menschen, die sich für andere, für die Gesellschaft und die Kirche engagieren, auch als Zeichen der Dankbarkeit für die Möglichkeiten, die sie haben. Ich freue mich an der Schöpfung und weiß, wie verletzlich sie ist. Dankbarkeit für das Gute zeigt sich auch im Einsatz für den Erhalt der Natur und der Ressourcen.
An diesem Tag des Jahresendes blicke ich auch auf diejenigen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, oft gegen jede Wahrscheinlichkeit, aber doch mit Hoffnung und Energie. Auch in diese Wirklichkeit ist Christus gekommen. In ganz vielen kleinen und großen Ereignissen dieser Welt verwirklicht sich die Herrschaft Gottes, die mit Jesus in dieser Welt greifbar geworden ist.
Wer nur das Schlechte sieht, ist blind geworden für die Gottesherrschaft in dieser Welt, wer nur noch hoffnungslos ist, gibt dem Guten und der Dankbarkeit keinen Raum mehr. Insofern wünsche ich uns allen den dankbaren Blick, der das Gute zu sehen vermag und der beflügelt, selbst das Gute zu wirken.
Der von Gott so gut geschaffene Mensch ist aber der Erlösung und der Veränderung bedürftig. Er hat das Paradies zu dieser heute realen Welt gemacht. Es gibt eben Spaltungen, Bosheit, Armut, Unterdrückung und Krieg, von denen Papst Franziskus spricht. Diese Welt will Christus erlösen und erneuern, aber mit uns zusammen. Wer glaubt, kann sich mit dieser Seite der Wirklichkeit nicht abfinden.
Auch ich erlebe regelmäßig Botschaften des Hasses und der Verachtung. Diese kommen, wie in der Gesellschaft zunehmend spürbar, nicht immer von Menschen, die, wie man sagt, gesellschaftlich abgehängt sind. Vielen geht es gut, und sie leben dennoch ihren Hass und ihre Verachtung gegenüber anderen aus. Am Ende schaden sie sich selbst, denn eine gespaltene Gesellschaft und eine hasserfüllte Welt können doch keine zufriedenstellende Lebensgrundlage sein. Wenn es mir nur dann gut gehen kann, wenn ich andere schlechtrede, ist echte Lebensfreude oder gar Glück nicht vorstellbar. Hass und Verachtung zersetzen die Seele. Schon aus Selbstliebe sollte man die zerstörerische Saat von Hass und Verachtung nicht in sich wirken lassen.
Ich kann mich an die großen Kriege dieser Welt nicht gewöhnen. Meine Gedanken sind bei den Menschen in der Ukraine und im Heiligen Land. Vor kurzem hatten wir ein Treffen mit Menschen aus unseren Gemeinden anderer Muttersprache. Ein Priester aus Uganda berichtete von der schlimmen Situation dort. Sie ist uns hier kaum bekannt, und das gilt für zahlreiche Kriegs- und Katastrophensituationen weltweit. Wenn ich glaube, lassen mich die Schicksale dieser Menschen nicht kalt.
In dieser auch heutigen Geschichte will Christus Mensch werden und in ihr wohnen. Sie lässt auch ihn nicht kalt. Und es geht nie um eine abstrakte Geschichte, es geht um die zahllosen einzelnen Menschen, die nie nur Nummern sind. Jeder leidende und von Krieg und Hass bedrängte Mensch, jedes Opfer von Gewalt, Krieg, Terror und Hunger ist ein Opfer zu viel. Es sind Menschen, Ebenbilder Gottes, seine Geschöpfe, Brüder und Schwestern Jesu und unsere Geschwister. Wenn wir die Menschwerdung des Sohnes Gottes glauben, wird uns niemand mehr gleichgültig sein können.
Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus fordert von uns eine Positionierung. In seiner Friedensbotschaft zum Weltfriedenstag, dem 1. Januar 2026 schreibt Papst Leo: „Es ist nötig, das Licht zu sehen und daran zu glauben, um in der Dunkelheit nicht zu versinken. […] Der Friede existiert, er will in uns wohnen, er hat die sanfte Kraft, den Verstand zu erleuchten und zu weiten, er widersteht der Gewalt und überwindet sie.“ Der Papst fordert auf, in all dem Dunklen der Welt das Licht nicht zu vergessen. Wer den Frieden in sich trägt, wird Frieden leben und stiften können. Das eine ist die große Welt der Politik, auf die wir kaum Einfluss zu haben scheinen. Das andere ist der Auftrag, aus unseren Häusern und Gemeinden Häuser des Friedens zu machen, wo wir Gemeinschaft leben und jede Feindseligkeit überwinden. Friede darf nicht nur ein frommer Wunsch bleiben, wenn wir bei uns anfangen.
An diesem Abend will ich meinen Blick öffnen für das viele Gute und die Dankbarkeit nicht vergessen. Hass und Groll will ich nicht ins neue Jahr mitnehmen, denn sie vergiften alles. Ich will mich nicht vom Dunkeln lähmen und besiegen lassen, ich will das Licht nicht vergessen, das in unserer Welt und in mir strahlen kann. Als Bischof von Mainz will ich diese Kernbotschaft des Glaubens mit den vielen engagierten Gläubigen unserer Diözese auch im kommenden Jahr leben. Ich bin dankbar für die Ernennung des Weihbischofs P. Joshy Pottackal, dem ich schon jetzt wünsche, dass das Licht immer über das Dunkle siegen möge. Christus hat sein Licht auch in 2025 strahlen lassen, und er möge auch das kommende Jahr segnen und erleuchten, im persönlichen Leben, in Kirche und Welt.
Es gilt das gesprochene Wort.