Predigt von Bischof Kohlgraf beim Gottesdienst zum Weltfriedenstag am 18. Januar 2026 um 10:00 Uhr in der Basilika Bingen:„Der Friede sei mit euch“

„Der Friede sei mit euch!“ – mit diesem Wunsch begrüßte Papst Leo XIV. am Tag seiner Wahl die Gläubigen auf dem Petersplatz und weltweit. Mit diesem Gruß eröffnet der Papst auch sein diesjähriges Schreiben zum Weltfriedenstag. Es ist der Gruß des Auferstandenen an seine Jüngerinnen und Jünger am Ostermorgen. Gleichzeitig ist es eine Sendungsformel: „Gebt den Frieden weiter“.
Dass der Bischof von Rom, der Papst einer Weltkirche mit den unterschiedlichsten Kulturen und Ländern einen derartigen Gruß an alle Menschen richtet, erinnert daran, dass es vor Gott weder besonders erwählte Länder und Nationen gibt, noch unterschieden werden kann in wertvolle und weniger wertvolle Menschen. Allein das Gottesvolk Israel darf sich als von Gott zuerst erwähltes Volk verstehen, wenn auch damit die Berufung verbunden ist, Zeichen des Heils für alle Menschen zu sein. Wenn der auferstandene Christus mit dieser Botschaft seinen Jüngern gegenübertritt, zeigt er den Willen Gottes, des Schöpfers aller Menschen, dass jede Überhebung über andere und jede Gewalt gegen andere auch eine Sünde gegen den Willen Gottes ist.
Insofern war der Gruß des Papstes nicht harmlos. Denn wir leben in einer kriegsgeplagten Welt, in der eine Partei den Krieg damit begründet, sich gegen eine gottlose und dekadente westliche Welt zur Wehr setzen zu müssen, um auch eine alte Reichsidee aufleben zu lassen. Der Krieg setzt dann Gottes Willen durch. Am Ende solle wohl eine politische Struktur stehen, die von Gott gesegnet ist. Der Präsident einer anderen Weltmacht zeigt sich ebenfalls als ein Auserwählter Gottes. Das scheint ihn für alle möglichen Machtansprüche teils auch gegen geltendes Recht zu legitimieren. In anderen Ländern dieser Welt stehen sich ebenfalls Menschen mit dem Hinweis auf eine göttliche Sendung mit Waffen gegenüber. Der Friedensgruß des Papstes entlarvt diese religiösen Selbstdarstellungen im Grunde als Gotteslästerung.
In der Leseordnung der vergangenen Woche wurde in den katholischen Gottesdiensten ein Text aus dem 1. Samuelbuch (4,1-11) gelesen. Es geht um die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Philistern. Diese sind dem Gottesvolk haushoch überlegen. Die Verantwortlichen nehmen die Bundeslade mit in den Kampf. Gott müsse ihnen doch zum Sieg verhelfen, so lautet ihre Gottesvorstellung. Wenn Gott mit ihnen in die Schlacht zieht, werden sie den militärischen Sieg erringen.
Diese Geschichte der Bibel ist bis heute relevant – auch wenn sie aufgrund ihrer Brutalität schwer auszuhalten ist. Israel erzählt hier eine schmerzhafte Niederlage aus der eigenen Geschichte: den Verlust der Bundeslade, den Tod von 30.000 Männern, das Scheitern einer falschen Gottesvorstellung. Gott lässt sich für menschliche, gar kriegerische Zwecke nicht instrumentalisieren. Alle Gotteskrieger dieser Welt und dieser Zeit sollten diese Geschichte lesen. Gott ist kein Kriegsgott, sein Name, so lautet das 2. Gebot, darf nicht missbraucht werden. Immer, wenn er für menschliche Machtansprüche herhalten muss, verstoßen Menschen gegen dieses 2. Gebot des Dekalogs.
„Der Friede sei mit euch“ ist ein Aufruf zur Gewissenserforschung: In welchem Maß wird Gott immer wieder mit den eigenen Zielen und Ansprüchen verwechselt – und damit sein Name missbraucht? Bei genauerem Hinsehen geht es oft nicht um Gott und sein Wort, sondern um Macht, um Geld, um Eitelkeit und Größenwahn. Das sind und waren die eigentlichen Götzen, die Kriege entfachen. Eine entsprechende Einschätzung des Papstes halte ich für zutreffend. Menschen haben genug von dieser Gewalt und Menschenverachtung, vom Morden und Vernichten.
Ich bin kein Politiker. Aber als Christ, als Bischof und als Theologe sehne ich mich nach einem dauerhaften Frieden, der auf Menschenwürde, Recht und Gerechtigkeit, Solidarität und internationaler Freundschaft gründet – wie Papst Franziskus es einmal formuliert hat. Mir ist bewusst, dass diese Haltung provoziert und mir der Vorwurf der Naivität gemacht wird, die in der gegenwärtigen Lage sogar als sträflich gelten könne. Diesen Einwand habe ich in den vergangenen Jahren oft gehört. Am zweiten Weihnachtstag sagte der Papst in seiner Ansprache: „Wer heute an den Frieden glaubt und den unbewaffneten Weg Jesu und der Märtyrer wählt, wird oft lächerlich gemacht, aus der öffentlichen Debatte verdrängt und nicht selten beschuldigt, Gegner und Feinde zu begünstigen.“ Ich glaube, viele teilen diese Erfahrung – und lassen sich dennoch nicht entmutigen.
Ausdrücklich darf ich die Mitglieder von pax christi nennen. Manche Stellungnahme provoziert, und wir ringen auch um richtige Antworten auf die heutigen Herausforderungen. Unterschiedliche Positionen gilt es immer auch auszuhalten und im Gespräch zu bleiben. Ich denke an „churches4future“, die 2024 für ihren Einsatz für die Schöpfung und den Lebensraum der Menschen den Brückenpreis des Landes Rheinland-Pfalz bekommen haben. Hier in Bingen denke ich an die Gruppe des ökumenischen Friedensgebets, die seit vier Jahren für den Frieden beten. Ich denke an die Engagierten in der Solidaritätsgruppe des Engagements Weltladen, Verbände wie die kfd und manche andere, die sich der reinen Gewaltlogik nicht ergeben wollen. Sie geben ein wichtiges Zeugnis dafür, dass Menschen den Frieden ersehnen und ihren Beitrag leisten wollen.
Die Arbeit der Politikerinnen und Politiker in Verantwortung sollten wir im Gebet begleiten. Der Papst erinnert daran, dass es notwendig bleibt, neben den Überlegungen zu militärischer Verteidigung, Waffen und Kriegsvorbereitungen, der zunehmenden Angst und Forderung nach Stärke auch die Themen des Evangeliums wach zu halten. Viele von uns werden damit leben müssen, dass die Antwort Jesu bereits damals seine Zeitgenossen „verstörte“, wie Papst Leo schreibt. Und auch in dieser Weltzeit werden wir betonen müssen, dass ein gerechter Friede am Ende nie durch Waffen erreicht werden wird.
Ich will nicht in der Verantwortung derer sein, die heute vor schweren politischen Entscheidungen stehen. Und auch denen, die im militärischen Kontext ihren Beitrag leisten, im Zivilschutz und anderen Zusammenhängen, ist mit Respekt zu begegnen.
In dieser Zeit werden friedensethische Debatten von manchem als verzichtbarer Luxus angesehen – dabei sind sie notwendiger denn je. Die Ausführungen des Papstes sollten nicht als moralischer oder besserwisserischer Zeigefinger verstanden werden, wohl aber als eine notwendige andere Sicht auf die Wirklichkeit dieser Welt. Jede Wahrnehmung von Wirklichkeit und die daraus zu ziehenden Folgen sind begründungspflichtig. Bei der Lektüre der Friedensbotschaft des Papstes wird mir deutlich: Keine Sichtweise kann für sich allein die letzte Wahrheit beanspruchen und keine Konsequenz ist die einzig mögliche. Wer ausschließlich auf Gewalt, Stärke und Gegengewalt setzt, läuft vielmehr Gefahr, selbst den Wirklichkeitsbezug zu verlieren – weil er nur eine Seite wahrnimmt und entsprechend handelt.
Auch heute können Menschen an einer Welt arbeiten, die nicht nur von Gewalt und Angst beherrscht wird. Immer werden gerade glaubende Menschen alternative Friedensprojekte und -perspektiven einbringen müssen, die eine andere Wirklichkeit als die der Gewalt und Gegengewalt schaffen. Die oben genannten Gruppen und viele andere, auch in den Kriegs- und Krisengebieten tun dies. Ich denke z.B. an die Mönche der Dormitio-Abtei in Jerusalem, die in einer wahrlich widrigen Situation Menschen zusammenführen. Christinnen und Christen sollten sich in politische Debatten einmischen, in denen es legitim ist, unterschiedlicher Meinung zu sein. Niemand von uns kann für sich in Anspruch nehmen, den Willen Gottes eindeutig zu kennen oder gar zu besitzen. Gewiss scheint mir jedoch, dass eine Logik der Gewalt auf Dauer nicht dem Willen Gottes entsprechen kann. So sehr heute Kriege und Gewalt religiös begründet werden, kann eine Aktivierung der Friedensressourcen von Religionen doch auch nicht völlig unrealistisch sein.
„Der Friede sei mit euch“ – das muss mehr als eine Floskel sein und bleiben. Der Friede meint alle Menschen. Neben viel Engagement im Rahmen des Möglichen sind wir zum Gebet eingeladen, ein Gebet, das alle Menschen einschließt. Denn alle sind Geschöpfe Gottes. Das wichtigste Fazit der Friedensbotschaft des Papstes scheint mir dieses zu sein: Haltet die heute oft gängige Logik von Krieg und Gewalt sowie die Gewöhnung daran nicht für die einzige Sicht auf die Wirklichkeit. Ich lade ein, immer wieder andere Perspektiven, nicht zuletzt die des Evangeliums, mit im Gespräch zu halten. Und immer für den Frieden zu beten und zu handeln.