Predigt am Ostersonntag:Die Hoffnung der Christen heißt Auferstehung der Toten; alles, was wir sind, sind wir nur im Glauben daran.

Dom zu Mainz, Sonntag, 05. April 2026
Die Hoffnung der Christen heißt Auferstehung der Toten; alles, was wir sind, sind wir nur im Glauben daran. So heißt es in einer frühchristlichen Osterpredigt. Der Autor wollte seinen Zuhörern erklären, wodurch sich Christen von anderen unterscheiden.
Adolf Eichmann, einer der Hauptverantwortlichen des Holocaust, verfasste vor seiner Hinrichtung in Israel 1961 eine Rechtfertigungsschrift. Er habe nur seine Pflicht getan. Wer dies liest, kann erschrecken vor der Banalität des Bösen. Der Schlusssatz dieses Schreibens lautet folgendermaßen: „Nur eines weiß ich sicher, dass ich nach Beendigung meiner augenblicklichen Lebensform unzählige andere Daseinsformen des organischen und anorganischen Lebens als Partikelchen des Seins zu durchlaufen habe.“ Leben nach dem Tod heißt für ihn ein Partikelchen des Seins zu sein: Der Mensch als weiterlebendes Elementarteilchen. Damit setzt sich für ihn nach dem Tode etwas fort, das auch sein Selbstverständnis als Mensch geprägt hat. Er sah sich zeitlebens als unmaßgebliches Teilchen eines Ganzen, so dass er keine Verantwortung für die Folgen seiner Tätigkeit übernehmen musste. Davon ist unser Osterglaube meilenweit entfernt – Gott sei Dank.
Viele Menschen sagen heute, sie glaubten an ein Weiterleben nach dem Tod. Ein Großteil von ihnen gibt aber zu, dass dieser Glaube auf ihr Lebensgefühl keinen Einfluss hat. Das moderne Lebensgefühl und das Verständnis des Todes spiegelt sich deutlich in neuen Bestattungsformen wider. Individueller sollen sie werden, und zunehmend anonymer. Einfach in den Kreislauf der Natur einzugehen, ist für nicht wenige Menschen heute der eigentliche Inhalt ihrer Vorstellungen vom Leben über den leiblichen Tod hinaus. Namen und Person erscheinen dabei letztlich als bloßer Schall und Rauch. Ich meine, dass dies nicht ohne Einfluss auf die Lebensgestaltung bleiben kann. Kern der christlichen Auferstehungshoffnung ist aber, dass jeder Mensch beim Namen gerufen ist und in Gottes Händen Leben findet. Die Gemeinschaft der Glaubenden trägt jeden Menschen im Gebet mit – über den Tod hinaus.
Wenn Christus lebt, dann ist doch alles verändert. In der heutigen Predigt möchte ich Ihnen Menschen vorstellen, die das anders sahen als viele in unserer Gesellschaft – die sagen, Ostern verändert mein Leben nicht, ich bin nur unmaßgeblicher Teil eines großen Ganzen. Diese Glaubenszeugen waren keine Träumer oder Phantasten.
Als ersten möchte ich den Apostel Paulus nennen. Er schreibt um das Jahr 50 den ersten Brief an die Thessalonicher. Es handelt sich um eine kleine Gemeinde in einer lebendigen Stadt, die müde geworden ist. Man hat sich auf den Weg gemacht, Christ zu werden, aber dann ist man irgendwann resigniert. Wo ist Gott denn? Menschen sterben, die Welt ist durch den Glauben nicht spürbar besser geworden. Da schreibt Paulus an diese Christen: Christus ist auferstanden und auch wir werden leben. Tröstet einander mit diesen Worten! Christen haben ein Fundament ihrer Hoffnung. Wir reden doch nicht von einem Gott, der uns vielleicht hier und jetzt liebt, uns dann aber doch nach 70 oder 80 Lebensjahren fallen lässt. Wenn Gott liebt, und wenn Gott treu ist, dann ist er eine Ewigkeit treu. Paulus erinnert an Jesus, der scheinbar selbst am Ende war, der aber an dem Punkt des Todes erfahren hat, dass Gott gerade dann, wenn Menschen scheinbar am Ende sind, neues Leben ermöglicht. Wenn Christus, der Gekreuzigte, auferstanden ist, haben wir eine unzerstörbare Hoffnung.
Persönliche Glaubenszeugen sind auch die Apostel und Maria von Magdala, von denen das Evangelium erzählt. Sie haben sich Ostern nicht herbeigeredet. Die Evangelien machen klar: Da war keine Hoffnung mehr. Ostern entsteht nicht aus dem Wunschdenken von ein paar Jüngern, die die Realität nicht akzeptieren wollen. Der Osterglaube kommt aus der Begegnung mit Jesus, der den Jüngerinnen und Jüngern erst die Augen öffnen muss. Sie haben ihn erfahren, sie sind ihm begegnet. Er nennt sie beim Namen. Erst dadurch kommen sie zum Glauben. Und dann werden sie zu Botinnen und Boten des Glaubens. Es war wohl schwerer, den Stein von den Herzen der Jünger zu nehmen, ihren Glauben zu wecken, als den Stein vor der Höhle des Grabes wegzurollen. Als aber die Jünger glauben können, fällt alle Lähmung von ihnen ab, sie werden zu Menschen, die mit ihrem ganzen Leben für die Erfahrung einstehen, dass Jesus lebt und dass auch sie leben und ewig leben werden. Die Erfahrung der Auferstehung Jesu verändert das ganze Leben. Jesus nennt Maria beim Namen. Das ist der Grund ihres Glaubens, das ist das starke Fundament auch meiner Hoffnung.
Solche Glaubenserfahrungen gab und gibt es auch in unserer Zeit. Eines der ersten Worte des auferstandenen Christus an seine Kirche ist: „Habt keine Angst mehr“. Angst ist der Zustand, der alles Leben lähmt und jede Bewegung verhindert. Für die ersten Jünger Jesu war klar: Wenn wir keine Angst haben, dann deswegen, weil er bei uns ist. Wenn ich vertrauen kann, dass Christus lebt und bei mir ist, dann habe ich diese Hoffnung jeden Tag. Und ich sage es mir jeden Tag: Christus ist für dich auferstanden von den Toten, hab keine Angst. Jeder Tag ist ein Osterfest, wenn ich überzeugt bin: Was kann mich und alle anderen Menschen von der Liebe Gottes scheiden, die in Christus Jesus ist?
Die Hoffnung der Christen heißt Auferstehung der Toten; alles, was wir sind, sind wir nur im Glauben daran. Alles hängt am Glauben, dass Christus, der Gekreuzigte, lebt. Dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dass nicht alles am Ende doch sinnlos ist. Ich könnte mir vorstellen, dass mancher von Ihnen auch persönliche Glaubenserfahrungen hinzufügen könnte, wo der Glaube an Christus Mut gemacht hat, weiterzugehen. Angesichts von Krankheit und Tod, von Verzweiflung und Sinnlosigkeit. Wir müssten manchmal viel mehr zu gegenseitigen Glaubenszeuginnen und -zeugen werden, die voller Überzeugung sagen könnten: Ja, er ist bei uns, er lebt.
Für mich wäre es keine Perspektive, mich als unmaßgebliches Partikel zu sehen, das nach dem Tod nichts anderes ist als ein Elementarteilchen ohne weitere Bedeutung. Ich bin jetzt schon zum ewigen Leben gerufen, einzigartig und beim Namen gerufen. Ich übernehme Verantwortung für mein Leben und die Welt, in der ich lebe. Tatsächlich unterschreibe ich die frühchristliche Predigt. Erst durch den Auferstehungsglauben bin ich, was ich bin. Alles, was ich tue, hat den Charakter der Ewigkeit, ich selbst werde mit Christus leben. Ostern ist nicht eine schöne Erinnerung, es ist die Feier des Lebens für mich, für uns, und die Hoffnung für alle Menschen. Diese Hoffnung lässt mich bewusst leben, bewusst Verantwortung übernehmen, es ist zu wenig, am Ende nur seine Pflicht getan zu haben. Ostern macht mich, macht Sie einzigartig.