Predigt im Pontifikalamt am Hochfest Erscheinung des Herrn (Epiphanie) im Mainzer Dom am 6. Januar 2026:Eine Welt ohne Hoffnung auf Veränderung kann die Hölle sein

Auch heute ahnen Diktatoren, dass diese Hoffnungsgeschichten gefährlich sein können. In einem Zeitungsartikel habe ich gelesen, dass die Begriffe Glaube, Hoffnung und Liebe aus dem offiziellen Wörterbuch Russlands gestrichen wurden. Ihre Verwendung im öffentlichen Zusammenhang ist verboten. Menschen, die Glauben, Hoffnung und Liebe miteinander verbinden, werden kritische Fragen zu Machtmissbrauch und Tyrannei stellen. Vor einigen Jahren kündigte die chinesische Regierung an, die Bibel neu übersetzen zu wollen und regimekritische Stellen herausstreichen zu wollen. Ich kann mir vorstellen, dass auch die Geschichte der Weisen gegen den König Herodes der Zensur zum Opfer fallen sollte. Menschen, die Hoffnung haben und auf einen göttlichen Erlöser hoffen, sind für menschliche Machtansprüche gefährlich.
Eine Welt ohne Hoffnung auf Veränderung kann wie die Hölle sein. In seiner „Göttlichen Komödie“ aus dem 13. Jahrhundert schildert der Dichter Dante Alighieri den Gang durch Hölle, Fegefeuer und Himmel. Über der Hölle steht das Motto „Lass alle Hoffnung fahren“. Dieser Satz steht für totale Verzweiflung und die fehlende Erwartung einer Veränderung. Wenn Menschen die Welt so erleben, dann ist sie die Hölle. Mancher Tyrann wollte die Welt genau so gestalten. Menschen, die sich der Hölle dieser Welt unterwerfen und sie am Ende schicksalsergeben hinnehmen, verändern nichts. Hoffnung hat eine verändernde Kraft. Sie stellt sich menschengemachten „Höllen” entgegen. Das heutige Fest ermutigt uns, hoffnungsvolle Menschen zu bleiben. Wir haben die Möglichkeit, die Welt nicht zur Hölle werden zu lassen. Wir können die Welt gestalten und verändern. Das Böse ist kein blindes Schicksal. Vielleicht können wir die große Weltpolitik nicht verändern, aber wir können in unserem persönlichen Umfeld Hass verhindern, Einsamkeit durchbrechen, die richtigen Fragen stellen und all jene entlarven, die sich selbst zu Erlösern und Heilands ernennen. Wahrheitsansprüche ohne Liebe gegenüber den Menschen sind ebenfalls höllisch. Ich begegne täglich manchen Ansprüchen auf Unfehlbarkeit der eigenen Meinung. Diese Haltung gibt es in Politik und Kirche.
In der antiken griechischen Mythologie wird Hoffnung zur Hölle. In dieser Welt wird das Christentum groß. Sie wird zur Hölle, weil sie dem Menschen unrealistische Hoffnung macht. Er kann das Böse nicht vernichten, er ist ihm hilflos ausgeliefert. So scheitert der Mensch am Ende an der Hoffnung. Wer auf Hoffnung setzt, muss verzweifeln. Ich schließe mich gerne heute den Weisen aus dem Orient an, denn sie stehen für eine andere Haltung. Sie folgen dem Licht, sie glauben daran, dass ein Kind die Welt verändern kann, wenn ich und viele andere uns in die Anbetung dieses Kindes hineinnehmen lassen und in die Nachfolge dieses Jesus von Nazareth gehen. Wer hofft, ist nicht naiv. Aber er kann sich bergen in einer Liebe, die größer ist als alles Dunkel. Dafür steht der Stern von Bethlehem. In einem Psalm (131) beten glaubende Menschen: „Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, wie das gestillte Kind, so ist meine Seele in mir. Israel, warte auf den HERRN von nun an bis in Ewigkeit!“ Wer hofft, weiß sich in der großen Liebe Gottes geborgen. Aus dieser Hoffnung ergeben sich Lebenshaltungen: Großherzigkeit gegenüber anderen, Demut, die sich selbst nicht zu wichtig nimmt, Liebe, Glaube, und das Gebet, das sich der Größe Gottes unterwirft. Heute wird sich diese Hoffnung auch darin zeigen, dass sie Verbündete sucht, die mit uns Glaubenden die Welt verändern wollen. Und glaubende Menschen folgen dem Kind und dem späteren Erwachsenen Jesus, den sie als Gottes Sohn bekennen. Er lädt ein zur Veränderung der Welt, indem er uns zutraut, Licht der Welt und Salz der Erde zu sein. Wer ihm nachfolgt, hat die Hoffnung, die Welt verändern zu können, er hat den Mut, allen menschlichen Machtdünkeln zu widerstehen. Ja, Christinnen und Christen können gefährlich sein, wenn sie menschliches Machtstreben in Frage stellen, wenn sie Glauben, Hoffnung, Liebe nicht nur thematisieren, sondern leben. Ich will mich nicht damit abgeben, dass diese Welt zur Hölle werden kann.
Das Heilige Jahr geht heute zu Ende, aber wir bleiben Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Welt uns braucht, Menschen, die dem Stern der Hoffnung folgen. Der Stern wird uns begleiten, auch im Jahr 2026. Denn Christus hat uns versprochen, bei uns zu bleiben bis zur Vollendung der Welt. Dafür dürfen wir Zeuginnen und Zeugen bleiben, auch im neuen Jahr.