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Predigt im Pontifikalamt zu Allerseelen,02. November 2026, 08.15 Uhr Mainzer Dom:Himmel ist Gemeinschaft und Beziehung

Traditionelle Mainzer Grabkerzen für Allerheiligen
Am Glauben an die Auferstehung hängt der gesamte christliche Glaube. Heute am Allerseelentag feiern wir diesen Glauben. Die unzähligen Menschen leben nicht, weil wir ihrer gedenken, sondern weil sie, von Gott geschaffen, in seiner Liebe bleiben.
Datum:
Mo. 2. Nov. 2026
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Im Monat November begleitet uns die Begegnung mit der Vergänglichkeit, nicht nur in den christlichen Gottesdiensten. Menschen gehen mit dem Thema unterschiedlich um. Die einen wollen davon nichts wissen, es betrifft wohl nur die anderen. Die anderen haben sich an das Thema gewöhnt: Menschen sterben im Krieg, sie sterben durch Hunger, sie haben aber kein persönliches Gesicht. Den meisten rückt der Tod dann nahe, wenn Menschen im eigenen Lebensumfeld krank werden oder sterben, wenn Beziehungen und Freundschaften schmerzhaft enden. Oder Menschen werden selbst krank und die eigenen Planungen werden radikal infrage gestellt. Dauerhaft wird niemand dem Thema ausweichen können.

Haben Menschen Hoffnung für ihr Leben nach dem irdischen Tod? Umfragen ergeben etwas Erstaunliches: Je jünger die Befragten sind, desto verbreiteter ist der Glaube an die Auferstehung. Bei Menschen unter 29 Jahren sind es immerhin 43 %, bei über 70-Jährigen reden wir über knappe 20 %, so kann man die Umfragen der letzten Jahre zusammenfassen. Die Älteren, die zum Teil eine stärkere Erziehung in Glaubensfragen als die jüngeren Generationen erlebt haben, glauben heute weniger an dieses zentrale Thema. Man kann über viele Themen von Kirche und Gesellschaft reden. Wenn dieser Glaubenskern verloren geht, sind alle anderen Themen nicht mehr von Interesse. Am Glauben an die Auferstehung hängt der gesamte christliche Glaube. Heute am Allerseelentag feiern wir diesen Glauben. Die unzähligen Menschen leben nicht, weil wir ihrer gedenken, sondern weil sie, von Gott geschaffen, in seiner Liebe bleiben. Es scheint so zu sein, dass ein Großteil der Menschen nicht mehr fragt: Wohin gehe ich? Wohin geht alles? Was ist das Ziel eines jeden menschlichen Lebens? Wer heute mitfeiert, fragt nicht nur, er lässt sich auch eine Antwort anbieten. Christus ist das Leben, Sterben Gewinn, heißt es beim Apostel Paulus (Phil 1,21).

Wenn Menschen an ein ewiges Leben bei Gott glauben, stellen sie sich vielleicht auch die Frage: Was erwartet uns konkret? Was bleibt? Wie kann ich mir Ewigkeit vorstellen? Wie wird die Begegnung mit Gott sein? Eines ist für Jesus in einem Text des Johannesevangeliums ganz klar: „An jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen“, so sagt er es seinen Jüngern. Unsere Neugier über das ewige Leben stillt die Heilige Schrift jedenfalls nicht. Sie stellt uns Hoffnungsbilder vor Augen. Himmel ist Heimat und Wohnung, ein Platz, wo ich hingehöre, wo ich mich wohlfühlen werde. Zur Heimat gehören Menschen. Ich persönlich habe die vielleicht kindliche Hoffnung, Menschen wiederzusehen, die für mich zur Heimat meines Lebens gehören.

Himmel ist Gemeinschaft und Beziehung. Jesus schenkt uns die Bilder vom Mahl, von Gemeinschaft, vom großen versöhnten Miteinander, einer Welt des Friedens, die alle Menschen zusammenführt. Am Ende gilt, dass es eine Erfahrung sein wird, die hier kein Auge geschaut und kein Ohr gehört hat, die jedes Denken übersteigt. Es geht um Beziehung und Verbindung. Manchmal habe ich mich persönlich gefragt, warum Gott nicht bereits jetzt klare Zeichen einer derartigen Welt setzen kann. Diese Welt, in der wir leben, ist eine Welt, in der wir Gott suchen, eine Welt des Glaubens, nicht des Schauens. Bereits Mose muss sich sagen lassen: „Mein Angesicht kannst du jedoch nicht sehen, denn jeder Mensch, der mich sieht, muss sterben“ (Ex 33,20). Mose will Gott sehen, und Gott gewährt ihm eine Begegnung. Aber er sieht nur den Rücken Gottes, nachdem dieser an Mose vorübergezogen ist. Wer Gott sehen will, muss sterben. Warum? Vielleicht kann erst derjenige Gott schauen, der selbst ganz ohnmächtig sein Leben in Gottes Hände gibt. Vielleicht kann nur derjenige Gott schauen, der sich ganz seiner Liebe und Barmherzigkeit überlassen muss. Das wird wohl die Stunde des Todes sein. Wenn Gott alles sein wird in allem, auch in mir, ist die Schau Gottes möglich.

Jemand hat einmal eingeladen: „Lass dich auf diese Hoffnung ein, auch wenn es manchmal nicht so einfach ist. Du bist nicht allein! Da ist jemand, der Beziehung ist“ (Ingrid Penner/Monika Kettenhofen). Allerseelen lässt unseren Standpunkt prüfen, unseren Standpunkt zum Leben und zum Sterben. Wenn Himmel Gemeinschaft, Barmherzigkeit und Versöhnung ist, kann ich hier beginnen, dies zu leben. Wenn Himmel bedeutet, abzugeben und loszulassen, kann ich hier beginnen, nicht an mir und meinem Besitz zu klammern. Wenn Himmel bedeutet, nicht nur auf meine Kraft zu setzen, kann ich hier beginnen, nach dem Wohl eines anderen zu fragen und so zu handeln.

Heute gedenken wir aller Verstorbenen. Wir richten den hoffnungsvollen Blick auf die ewige Heimat. Wir begleiten die Verstorbenen im Gebet, sodass Gemeinschaft zwischen Himmel und Erde entsteht. Hier sind wir im Glauben, nicht im Schauen. Glauben ist aber bereits Beziehung und Vertrauen. Beziehung wird im Tod nicht enden, sie wird eher vollendet. So bete ich gerne für die Toten und stelle mein Leben neu in diese Beziehung und Gemeinschaft.