Zum Inhalt springen

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf im Pontifikalamt zu Aschermittwoch im Hohen Dom zu Mainz:Meine Menschlichkeit lässt mich leben

Herz, das von zwei verschiedenen Händen gehalten wird symbolisch dargestellt
Datum:
Mi. 18. Feb. 2026
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Heute am Abend des Aschermittwochs denken wir über Menschlichkeit nach, hier im Gottesdienst, später in der Akademie. Für manche Beobachterinnen und Beobachter mag dies ein weiterer Beweis dafür sein, dass sich die Kirche einer schwächlichen Gefühligkeit hingibt. Oder, um es neudeutsch zu sagen, dass die Kirche „woke“ ist: politisch korrekt, aber auch naiv und wenig problembewusst. Google nennt Empathie, also Einfühlungsvermögen in andere, als Kennzeichen von Menschlichkeit. Haltungen der Menschlichkeit sind beispielsweise Barmherzigkeit, Rücksicht, Achtsamkeit, Toleranz und Respekt. Und sie gelten allen Menschen gegenüber, weil sie Menschen sind. 

Es gab auch schon andere Beschreibungen des Menschseins. So beschreibt der Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert den Menschen als Wolf: homo homini lupus – der Mensch ist dem anderen Menschen ein Wolf. Demzufolge ist das Verhältnis von Ausbeutung bestimmt und der Mensch benimmt sich von Natur aus feindselig, grausam und rücksichtslos gegenüber anderen. Tatsächlich ruft uns die österliche Bußzeit zur Entscheidung: Willst du Wolf sein oder willst du im Sinne einer gemeinsamen Verantwortung Mensch sein? Es geht um eine Entscheidung, welchem Menschenbild und welcher Haltung du folgen willst. Im Buch Deuteronomium legt Gott seinem Volk genau diese Entscheidung vor:

„Siehe, hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor, nämlich so: Ich selbst verpflichte dich heute, den HERRN, deinen Gott, zu lieben, auf seinen Wegen zu gehen und seine Gebote, Satzungen und Rechtsentscheide zu bewahren, du aber lebst und wirst zahlreich und der HERR, dein Gott, segnet dich in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen.“ (30,15f.)

Im heutigen Evangelium legt Jesus drei Wegmarken der Menschlichkeit vor: Fasten, Beten, Almosen geben. Das christliche Fasten hat nicht allein die eigene Gesundheit und das Wohlbefinden im Blick. Wer fastet, wird dankbarer für die Gaben, die ihm zum Leben geschenkt sind. Wer fastet, wird sensibel dafür, dass andere Menschen in Armut leben und nicht über Dinge verfügen, die für einen selbstverständlich sind. Wer fastet, öffnet sein Herz für die Bedürfnisse anderer. Der Mensch, der verzichten kann, hört auf, seine Bedarfe absolut zu setzen. Abhängigkeiten werden entlarvt und am Ende geht es um die innere Freiheit des Menschen, seinen Blick auf die Welt und andere Menschen zu weiten. Fasten ist ein Beitrag zur Suche nach Menschlichkeit. Ein freier Mensch lässt sich von den Bedürfnissen anderer berühren und versteht sich als Beschenkter, nicht als jemand, der einen Rechtsanspruch auf die Gaben der Schöpfung hat.

Auch das Beten weitet Herz und Verstand. Wenn ich bete, erkenne ich an, dass ich mich einem Größeren verdanke. Ich bin nicht der letzte Maßstab. Ich suche nach den Quellen meines Lebens. Die österliche Bußzeit soll eine besondere Zeit des Betens und der Hinwendung zu Gott sein. Wer recht betet, sieht nicht nur seine eigenen Anliegen. Im Gebet tragen wir die ganze Welt vor Gott, die Not der vielen, den Dank für die Schöpfung, deren Teil ich bin. Im Gebet lebe ich Beziehung, die für mich zur Menschlichkeit gehört. Das Gebet bricht jeden Egoismus und problematischen Selbstbezug auf. Jesus wird mir immer wieder zum Helfer beim Beten. Mit ihm weiß ich mich und die ganze Welt getragen von einer bergenden, großen Liebe.

Das Almosengeben steht dafür, dass Menschlichkeit nicht nur eine schöne Idee bleibt, sondern zur Tat wird. Almosen geben muss nach dem biblischen Zeugnis auch heißen, Strukturen von Ungerechtigkeit anzuschauen und zu verändern. In der biblischen Verkündigung wird auch deutlich, dass Teilen und Zuwendung nicht delegierbar sind. Jeder und jede trägt zur Menschlichkeit bei, indem der Arme vor der Tür eine Zuwendung erfährt. Jesus benennt einfache Wege zur Menschlichkeit, Fasten, Beten und die Zuwendung zum anderen. Dabei gibt es nie wertvollere und weniger wertvolle Menschen, die um Hilfe und Menschlichkeit bitten. Empathie, Barmherzigkeit, Rücksicht, Achtsamkeit, Toleranz und Respekt sind nicht „woke“ oder Zeichen einer schwächlichen politischen Korrektheit, sondern ohne sie gibt es keine Menschlichkeit.

Manchmal scheint das Bild vom Menschen als Wolf realistischer zu sein, und dann braucht es Gewalt, Stärke, Gnadenlosigkeit. Wir sollten uns bewusst gegen dieses Menschenbild entscheiden. Bereits in der antiken Mythologie wusste man um die Gefährdung der Menschlichkeit durch mangelnde Empathie und einen materialistischen Selbstbezug des Menschen. Eine Sage erzählt von König Midas, dem ein Wunsch erfüllt wird: Alles, was er berührt, soll zu Gold werden. Gesagt – getan, alles, was er berührt, verwandelt sich in schönes, glänzendes Gold. Er ist im Glücksrausch. Überglücklich setzt er sich zum Essen hin. Er greift nach dem köstlichen Brot – und es verwandelt sich in Gold. Er greift nach dem herrlichen Wein – und auch dieser verwandelt sich. Das Ende der Geschichte ist, dass der König wegen seiner Gier verhungert. Reichtum, der verhungern lässt, der alles erstarren lässt, ist das Ende aller Menschlichkeit und der eigenen Lebensgrundlagen. Besitzen wollen und haben wollen als letzter Lebenszweck ist das Ende aller Menschlichkeit und dann auch der Verlust des eigenen Lebens. Meine Menschlichkeit lässt mich leben. Wir sind eingeladen, in den kommenden Wochen Menschen zu werden, die Empathie, also Einfühlungsvermögen gegenüber anderen, sowie Barmherzigkeit, Rücksicht, Achtsamkeit, Toleranz und Respekt leben. Sie werden damit Gott ähnlich werden, dessen Wesen selbst Hingabe und Menschenfreundlichkeit, ja Menschlichkeit ist.