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Einmal im Monat schreibt Bischof Kohlgraf die Kolumne „Perspektiven“ für das Magazin „Glaube und Leben“.:Perspektiven| Eingeladen, Gott ähnlich zu werden

Bischof Peter Kohlgraf
Mit dem Thema „Menschlichkeit“ sind wir am Aschermittwoch im Mainzer Dom und in der Akademie in die Fastenzeit 2026 eingestiegen. Befragt man die KI, beschreibt sie Menschlichkeit als Empathie, Rücksichtnahme, Achtsamkeit, Toleranz und Respekt – als eine positive Grundhaltung gegenüber dem Mitmenschen. Diese Definition ist gut und entspricht dem christlichen Menschenbild. Doch an einem entscheidenden Punkt stellt sich eine Frage: Gibt es Abstufungen von Respekt, Empathie und Menschenwürde?
Datum:
Do. 26. Feb. 2026
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Aus biblischer Sicht kann es solche Abstufungen nicht geben. Im Neuen Testament fasst die Goldene Regel die Liebe zum Nächsten zusammen: Behandle alle Menschen so, wie du von ihnen selbst behandelt werden willst. Und doch erleben wir weltweit, dass Menschenwürde abgestuft wird und diese Regel missachtet bleibt. Natürlich muss Recht beachtet werden. Aber Gerechtigkeit ist oft nicht das Leitmotiv des Handelns gegenüber anderen Menschen. Es gibt auch Stimmen, die Empathie als naive Haltung herabwürdigen.

Wende ich die Goldene Regel auf mich selbst an, entsteht ein klares Bild: Ich stelle mir vor, in einer bedrängenden Lage zu sein, in der ich Verständnis und Hilfe brauche. Mein Gegenüber jedoch hält Empathie für widersinnig, schwächlich und naiv. Das Ergebnis ist, dass sich niemand bemüht, meine Situation zu verstehen; die eigene Sicht gilt als allein maßgeblich. Ich werde nicht ernst genommen. Eine solche Haltung zerstört Beziehung. Die Goldene Regel dagegen schafft die Grundlage für Menschlichkeit, Respekt und Wertschätzung. Egoismus, Abwertung und Verachtung sind ihr Gegenteil.

Der Philosoph Thomas Hobbes hat sich im 17. Jahrhundert Gedanken über die Menschlichkeit gemacht: Für ihn besteht kein Zweifel, dass beide Aussagen wahr sind: Der Mensch ist dem Menschen ein Gott – und ein Wolf. Im Zusammenleben der Bürger kann er durch Gerechtigkeit und Nächstenliebe, die Tugenden des Friedens, Gott ähnlich werden. Im Verhältnis der Staaten jedoch herrschen Misstrauen und Machtdenken; dort müssen selbst gute Menschen aus Selbstschutz zu Stärke und List greifen – also zu Verhaltensweisen, die an die Raubgier der Tiere erinnern. Mittlerweile greift es wohl zu kurz, dass der Mensch in der Nähe respektiert werde, und nur auf internationaler Ebene Hass das Miteinander bestimme.

In dieser Fastenzeit lade ich dazu ein, im nächsten Umfeld Gott ähnlich zu werden – indem wir menschlich werden: durch Empathie, Respekt und eine grundsätzlich respektvolle Einstellung zum Nächsten.

// + Peter Kohlgraf