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Einmal im Monat schreibt Bischof Kohlgraf die Kolumne „Perspektiven“ für das Magazin „Glaube und Leben“.:Perspektiven| Hören von Fragen und Sehnsüchten

Bischof Peter Kohlgraf
Natürlich muss die Kirche nach guten Formen der Vermittlung ihres Bekenntnisses suchen, aber genauso muss sie sich um das Kennenlernen und Verstehen der Kultur der Menschen mühen, um ein Hören ihrer Fragen und Sehnsüchte, denn anders kann der Bruch nicht geheilt werden, von dem bereits Papst Paul VI. 1975 im Apostolischen Schreiben „Evangelii Nuntiandi“ spricht.
Datum:
Fr. 6. Feb. 2026
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Nicht erst heute, nachdem wir immer stärker mit dem Thema Kirchenaustritt konfrontiert sind, ist von der Notwendigkeit der Evangelisierung die Rede. Bereits Papst Paul VI. hat die Situation 1975 im Apostolischen Schreiben „Evangelii Nuntiandi“ so beschrieben: „Der Bruch zwischen Evangelium und Kultur ist ohne Zweifel das Drama unserer Zeitepoche, wie es auch das anderer Epochen gewesen ist.“ Evangelisierung war in der gesamten Geschichte der Kirche nie abgeschlossen und wird es auch nie sein. Denn es geht um mehr als um die Vermittlung christlicher Glaubensinhalte, auch wenn diese selbstverständlich zur Evangelisierung gehören. Wenn der Bruch zwischen dem Evangelium und der Kultur der Menschen Wirklichkeit ist, bedeutet Evangelisierung, das Evangelium in Tat und Wort in die Kultur, das heißt, in die Lebenspraxis einer Gesellschaft hineinzutragen, die Menschheit zu erneuern und die Welt von innen her zu verwandeln.

Paul VI. wies 1975 darauf hin, dass Evangelisierung ein vielschichtiger Prozess sein müsse, und man sie nicht auf ein Element reduzieren dürfe. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn wir evangelisieren wollen, müssen wir über angemessene Formen der Katechese nachdenken, aber Evangelisierung ist nicht identisch mit den traditionellen Formen der Katechese allein. Natürlich muss die Kirche nach guten Formen der Vermittlung ihres Bekenntnisses suchen, aber genauso muss sie sich um das Kennenlernen und Verstehen der Kultur der Menschen mühen, um ein Hören ihrer Fragen und Sehnsüchte, denn anders kann der Bruch nicht geheilt werden, von dem der Papst spricht. Die Kirche evangelisiert als Weltkirche, aber der Papst ermahnt auch zum Ernstnehmen der Kultur der Menschen in den verschiedenen Ortskirchen. Sie muss das Evangelium erfahrbar machen als Botschaft der Befreiung und Entfaltung des ganzen Menschen. Zur Evangelisierung gehört das Lebenszeugnis des einzelnen Glaubenden, aber auch eine glaubwürdige Gestalt der Kirche als ganzer. Die Erfahrung einer radikalen Unglaubwürdigkeit benennen viele Menschen heute, wenn sie nach ihrem Verhältnis zu Kirche und Glaube gefragt werden. Wenn der Papst feststellt, dass auch die Kirche immer einer neuen Evangelisierung bedürfe, bevor sie sich auf den Weg zu anderen mache, geht es auch um ein neues Bemühen eines überzeugenden Lebens. Die Kirche versteht sich als Sakrament, als Zeichen und Werkzeug. Ein Zeichen muss aber auch verstanden werden können.  Wenn wir heute nach Wegen der Evangelisierung suchen, stellt uns Papst Paul VI. einen höchst anspruchsvollen Weg vor Augen. In diesen Monaten erinnern wir immer wieder auch an Texte und Gedanken des Zweiten Vatikanischen Konzils, die in den zentralen Themen bis heute nichts an Aktualität verloren haben.