Einmal im Monat schreibt Bischof Kohlgraf die Kolumne „Perspektiven“ für das Magazin „Glaube und Leben“.:Perspektiven | Mitten im Leben

„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ – singen wir in einem mittelalterlichen Lied (Gotteslob 503). Einer Legende zufolge hat der Mönch Notker Balbulus aus Sankt Gallen den Text im 9. Jahrhundert verfasst. Jeden Tag kann den Menschen der Tod ereilen. Das war die geistliche Erkenntnis des Mönchs. Das Lied hat eine lange Wirkungsgeschichte entfaltet, bis hin zur Bearbeitung durch Martin Luther. Für den mittelalterlichen Menschen war der plötzliche Tod eine schreckliche Vorstellung. Man wollte nicht unvorbereitet in das Gericht Gottes gehen. Jahrhundertelang beteten gläubige Menschen um eine gute Sterbestunde, in der man sein Leben bewusst in Gottes Hände geben konnte. Durch den Empfang der Krankensalbung, die Beichte und den Empfang der Eucharistie, die als „Wegzehrung“ bezeichnet wurde, konnten Krankheit und Sterben geistlich begleitet werden.
In meinen Jahren in der Seelsorge konnte ich Schwerkranken und Sterbenden diese Wegbegleitung noch schenken. Ich bin dankbar für jeden Tag, aber für eine gute Sterbestunde zu beten, ist für mich persönlich wichtig. Ich hoffe, dass mich die Sakramente und das Gebet bis zuletzt begleiten werden, sodass ich mein Leben gut in Gottes Hände geben kann. Ich erlebe in den letzten Jahren zunehmend, auch aufgrund meines eigenen Älterwerdens, dass Menschen aus meinem Umfeld sterben. Und es sind nicht nur die Alten, die auf ein erfülltes Leben zurückschauen können. Manchmal trifft der Tod tatsächlich mitten ins Leben. Er beendet Beziehungen und Freundschaften. Ich habe die sogenannten Heilsmittel der Kirche bereits genannt. Natürlich sind auch heute Krankensalbung, Beichte, Gebet und der Empfang der Eucharistie Hilfen mitten im Leben und im Sterben. Sie können helfen, auch in schweren Zeiten des Lebens und Sterbens Sinn und Geborgenheit zu erfahren.
Wir diskutieren heute zum Beispiel über assistierten Suizid, mit dessen Hilfe Menschen selbstbestimmt aus dem Leben scheiden wollen. Ich will für mich persönlich akzeptieren, dass ich nicht selbstbestimmt sterben werde, sondern mein Leben in die Hände meines Gottes lege, der mir das Leben geschenkt hat und in dessen Hände es am Ende zurückkehrt. Sterben heißt für mich nicht, einen autonomen Akt zu setzen, sondern loslassen zu können. Wie es am Ende sein wird, weiß ich nicht. Daher bete ich um Gottes Begleitung bis zum Ende.
Wir sind mitten im Leben vom Tod umfangen –
dieser Gedanke begegnet mir besonders im Monat November. Allerdings kann ich den Text auch wenden: Mitten im Tod bin ich vom Leben umfangen. Diese Hoffnung begleitet mich auch in der dunklen Jahreszeit.
// + Peter Kohlgraf