Das eigene Leben in den Wirkungsbereich Gottes bringen:Predigt im Pontifikalamt zum Gründonnerstag, am 2. April um 19 Uhr im Mainzer Dom

Es ist ein Pessach für den Herrn – das heißt, Vorübergang des Herrn (Ex 12,11). Wir haben die Lesung vom Aufbruch des Gottesvolkes aus Ägypten gehört. Das Volk zieht in eine ungewisse Zukunft, es ist Eile geboten. Schließlich wird das Volk aufbrechen und 40 Jahre durch die Wüste ziehen, bevor es eine Heimat findet. Leben im Glauben hat immer mit einer Situation von Aufbruch, Veränderung, Verwandlung zu tun. Es ist aber eine Verwandlung, ein Übergang, der von Gott begleitet ist. Ich kann diesen Text als eine tröstliche und hoffnungsvolle Botschaft in unsere Zeit hinein lesen. Jede Zeit ist Pessach, ist Übergang, Veränderung und Verwandlung. Jede Zeit macht die Erfahrung des Aufbruchs, der Wüste und des Unterwegsseins. So erlebe ich die Situation der Kirche. Die Menschen, die sich zum Volk Gottes zugehörig fühlen, müssen dieses Pessach, diesen Übergang, erleben und gestalten. Wenn ich die Lesung ernst nehme, ist dies ein von Gott begleiteter Weg. Verwandlung, Übergang ist ein Kernthema des Glaubens, und es ist der zentrale Glaubenssatz, wenn wir in der Folge des Gründonnerstag Eucharistie feiern. Als Jesus das Pessachmahl in der Tradition seines Volkes feiert, vergegenwärtigt er die große Befreiungstat Gottes: Das Volk wird aus der Knechtschaft Ägyptens befreit. Wenn der Fromme das Brot aß und den Wein trank, war er dabei, wurde dieses Ereignis für ihn Gegenwart. Jesus nimmt das Brot: „Das ist mein Leib für euch“, er nimmt den Kelch: „Das ist das Blut des Bundes, das für euch vergossen wird“. Es sind nicht mehr nur Brot und Wein, die in seinen Leib und sein Blut verwandelt werden. Brot und Wein werden verwandelt in ihn, der sich hingibt in Liebe zu uns. Das Brot und der Wein sind nicht mehr nur Brot und Wein, sie werden zum Sakrament, zum Zeichen seiner Gegenwart. Das ist die erste Verwandlung: Das Brot verwandelt er in seinen Leib und den Wein in sein Blut.
Wir begehen eine zweite Verwandlung: Bei der Gabenbereitung bringen wir in Brot und Wein Dinge unserer Welt. Brot und Wein sind Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Die Gabenbereitung ist eine Gelegenheit, in diesen Zeichen unser Leben zu ihm zu bringen. Da gibt es vielleicht manches, was uns Freude bereitet. Unsere Freude können wir ihm hinhalten, Dank sagen. Es gibt aber auch manches, was uns Sorge bereitet, was uns traurig macht, wo wir uns allein fühlen. Das bringen wir zu ihm. Und wir bitten um Verwandlung. In der Eucharistie wird in Brot und Wein ein Stück unserer Schöpfung verwandelt. Es kann uns deutlich werden, dass es keinen gottlosen Raum in unserer Schöpfung gibt, dass er da ist, dass er wirkt, dass er unsere Trauer in Freude verwandeln möchte. Könnte sich unser Leben nicht verändern, wenn wir daran glauben, dass er in unser Leben hineinkommt? Wo er ist, soll Leben sein, soll Freude sein. Das ist die zweite Verwandlung, der Übergang, das Pessach: Unsere Schöpfung wird zum Raum seiner Gegenwart verändert.
Im Gedächtnis an das letzte Abendmahl, in der Feier von Tod und Auferstehung vollzieht sich eine dritte Verwandlung: Nach der Bitte um die Wandlung der Gaben bittet der Priester auch um den Geist, der die Gemeinde zum Leib Christi umgestaltet: „Schenke uns deinen heiligen Geist, damit wir alle ein Leib und ein Geist werden in Christus“. In der Messe geht es nie nur um die eigene Privatfrömmigkeit. Wir werden auf eine Weise zur Gemeinschaft, die wir uns nicht selbst schenken können. Eine Gemeinde ist nie Selbstzweck und ein Gottesdienst wird nicht allein dadurch wertvoll, dass wir uns zur Gemeinschaft erklären. Christus verwandelt uns in seinen Leib. „Du sollst das werden, was du empfängst, nämlich Leib Christi“, sagte der Kirchenvater Augustinus. Vor allen Aktivitäten in der Gemeinde, so wichtig sie auch sind, macht uns Christus zu einer Gemeinschaft, die Menschen so nie schaffen könnten. Der und die andere gehört zu mir wie ein Teil an einem Leib, weil Christus uns zu einer Gemeinschaft im Geist umformt. Gemeinsam gehen wir die Wege der Veränderung, des Übergangs, auf den Gott uns ruft.
Schließlich vollziehen wir eine vierte Verwandlung: Wir essen seinen Leib und trinken sein Blut. Dadurch werden wir zu einem Tempel Gottes, zu einem Tabernakel, zu einem Zelt, in dem er wohnt. Wir sollen darstellen, was wir feiern und empfangen. Christus gewinnt in uns Gestalt, er bekommt durch uns Hand und Fuß. Bei der Eucharistiefeier geht es nicht nur darum, in den Genuss der Gegenwart Christi zu kommen, sondern auch darum, dass derjenige, der Christus empfängt, ein zweiter Christus wird und Christus in der Welt gegenwärtig setzt. Wir sind alle Monstranzen Christi, denn wir werden mit dem Auftrag gesandt, unseren Glauben öffentlich zu machen. Die Fußwaschung ist ein Sinnbild für das christliche Leben in der Nachfolge Christi. „So sollt auch ihr einander tun“, sagt er.
Das Wichtigste an der Heiligen Messe sind die vielen Wandlungen. Nichts und niemand sollte unverändert bleiben. Dafür steht das Pessach, das wir neu feiern – jeden Sonntag, jeden Tag. Als das Zweite Vatikanische Konzil von der lebendigen Teilnahme aller Gläubigen sprach, meinte es nicht, wie es manchmal verstanden wurde, dass möglichst viele etwas Sichtbares tun. Es meinte die innere Teilnahme, die Bereitschaft, sich einzugeben und sich verwandeln zu lassen, das eigene Leben in den Wirkungsbereich Gottes zu bringen. Heute feiern wir das Pessach, den Übergang des Herrn. Wir sind Teil der großen Geschichte, die Gott mit den Menschen schreibt. Wenn wir uns von ihm bewegen lassen, geht es nicht darum, dass alles so bleibt, wie es ist, sondern dass die Welt, dass wir, dass die Kirche verwandelt werden und gleichzeitig die Welt verwandeln. Jesus zeigt uns in der Fußwaschung, worum es geht. Eine derartige Haltung, für andere da zu sein, kann die Welt verwandeln. Wir sind gerufen, Wege der Verwandlung und Veränderung zu beschreiten, und Gott wird mit uns gehen.