Predigt in der Feier der Missa chrismatis Hoher Dom zu Mainz, Montag, 30. März 2026, 17 Uhr

Vor einigen Jahren nahm ich an einer Führung in einer mittelalterlichen Kirche in Ostdeutschland teil. Die Ausführungen waren hochinteressant und kenntnisreich. Besonders eindrücklich war der mittelalterliche Taufbrunnen. Dessen acht Ecken stehen für den Glauben an das ewige Leben, den „achten“ Tag. Neben diesem Symbol fanden sich zahlreiche weitere christliche Taufsymbole, die die Kirchenführerin ausführlich erläuterte. Dabei fiel mir jedoch eine Formulierung auf, die sie immer wieder verwendete: „Früher glaubten die Leute…“. Früher glaubten die Menschen also, dass die Taufe wichtig sei. Früher glaubten sie an ein ewiges Leben oder daran, durch Jesus erlöst zu sein – und so weiter. Die Gruppe lauschte aufmerksam und nickte beifällig. Ich rang einen Moment mit mir, meldete mich schließlich aber doch zu Wort und entgegnete, dass ich und auch andere Menschen dies immer noch glauben und diesen Glauben in Kirchen feiern. Der Blick der Kirchenführerin war etwas erstaunt, aber es gab auch jetzt von manchen aus der Gruppe beifälliges Nicken.
Christliche Kirchen sind keine Museen, und liturgische Feiern sind keine kulturell-ästhetischen Rituale aus fernen Zeiten. Es gibt tatsächlich Menschen, die diesen Glauben feiern und ihr Leben nach ihm zu gestalten versuchen.
Am 5. Fastensonntag gab es hier im Dom eine Aufführung der Johannespassion von Johann Sebastian Bach. Die Musik und die Texte haben mich erneut sehr berührt. Denn sowohl Texte als auch Musik sind für mich nicht nur historische Erinnerungen an einen früheren Glauben des Komponisten und der Menschen in der Kirche. Sie sind Ausdruck meines Glaubens. Eines Glaubens, der mich besonders in diesen Kar- und Ostertagen begleitet und der das Fundament meines Lebens ist. Kurzum: Ich glaube tatsächlich, was wir heute und in den kommenden Tagen feiern, und es ermutigt mich, dass viele Menschen in den kommenden Tagen ebenfalls ihren lebendigen Glauben feiern und leben.
Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie sich einander tragen und stärken in diesem Glauben. Wir feiern das, was wir glauben. Natürlich tasten wir uns auch manchmal an diesen Glauben heran. Aber die Liturgie hilft uns auch glauben. Wir dürfen uns in den kommenden Tagen tragen lassen von einem gefeierten Glauben, der immer größer ist als der je individuelle Zugang zu ihm.
Ich glaube, was ich feiere: Das gilt für alle Sakramente, besonders aber für die Feier der Eucharistie. Dabei ist ein erster Gedanke für mich wichtig geworden: Ich mache nicht Liturgie. Auch Gemeinden und Gruppen machen nicht Liturgie, sondern wir treten hinzu zur Feier der Kirche. Das Messbuch bietet zahlreiche Möglichkeiten der Gestaltung, welche die Situation und die feiernde Gruppe in den Blick nimmt. Ihre Situation verbindet sich mit dem Glauben der Kirche. Diese Möglichkeiten gilt es auszuschöpfen. Aber genauso muss deutlich bleiben, dass jede Liturgie Ausdruck eines größeren Glaubens bleibt, der alle Christinnen und Christen dieser Welt im Glauben und Feiern verbindet. Die Liturgie der Kirche ist daher nicht museal, sondern immer Ausdruck eines lebendigen Glaubens. Und deswegen muss sie verwurzelt bleiben in dem großen Glauben der Kirche, deren lebendige Glieder wir sind. Liturgie ist dann authentisch, wenn sie sich einreiht in das Glaubensbekenntnis auch der Menschen vor uns, auf deren Glauben und Glaubensleben wir stehen. Seit Jahren schwelt in der Kirche der Konflikt um die vorkonziliare „Alte Messe“. Ich glaube, dass dem Konflikt die Schärfe genommen werden könnte, wenn glaubende Menschen in der Praxis der Liturgie unserer Tage etwas von dem Heiligen spüren würden, das sie im Alltag oft vermissen. Die Gläubigen haben ein Recht auf eine Liturgie, die den lebendigen Glauben erfahrbar werden lässt.
Vor einigen Jahren gab es einen Bericht in einer Zeitschrift, in der ein Journalist seine Eindrücke von katholischen Gottesdiensten beschrieb. Darunter war auch sein Kommentar zum Osterhochamt im Mainzer Dom. Eine Wahrnehmung gipfelte sinngemäß in einer Wahrnehmung: Der Bischof hüllte sich in Weihrauch ein. Wenn das so wahrgenommen wird, ist das Wesentliche nicht herübergekommen. Einen zweiten Gedanken will ich daher anschließen. Rituale können als Ausdruck von Selbstdarstellung missdeutet werden. Und manchmal lese ich davon, dass Gläubige den Eindruck haben, leitende Liturgen zelebrieren mehr sich selbst als den Inhalt des Glaubens. Es geht in der Liturgie nicht um den Weihrauch, der den Bischof einhüllt, noch geht es darum, aufgrund meiner Originalität bewundert zu werden. Manchmal werden Liturgien zu Selbstinszenierungen, und dann feiert der Mensch sich selbst. Es ist eine wirkliche Kunst des liturgischen Feierns, das eigene Leben, die eigene Welt zu verbinden mit der Welt Gottes.
Gottesdienst ist zuerst Gottes Dienst an uns. Wir werden beschenkt. Gerade in den Kar- und Ostertagen, die vor uns liegen, werden wir dies in jeder Feier erfahren können. Christus schenkt sich uns in den Gaben von Brot und Wein, sie sind Zeichen seiner Hingabe an uns, die sich in jeder Eucharistiefeier erneuert. Er wäscht uns die Füße, ein Zeichen seiner Liebe zu jedem Menschen. Wir gehen seinen Kreuzweg mit, den er für uns und die ganze Welt gegangen ist. Am Karsamstag halten wir die Trauer und die Stille aus, bevor wir Ostern feiern. Die Osternacht ist unser Geburtstag zum ewigen Leben, den wir feiern. Ostern ist der große Jubel über den Sieg des Lebens über den Tod. Unsere Feiern mit ihren Symbolen, der Musik, den Gebeten und Liedern übersteigen jedes bloße Wort, mit dem wir unseren Glauben beschreiben wollten.
Das Paschageheimnis, das Bekenntnis zu Tod und Auferstehung Jesu, ist der Inhalt jeden Gottesdienstes, besonders aber der Eucharistie. Um nichts anderes geht es in unserer Liturgie. Die Tradition spricht von einer Ars celebrandi. Es müsse in der Art und Weise, wie wir feiern, der lebendige Glaube daran strahlen können. Daher ist Liturgie keine kreative Selbstverwirklichung, aber auch kein stumpfes ritualisiertes Ablesen von Texten. Sie ist eine gemeinsame Feier des tiefsten Geheimnisses unseres Glaubens, an dem wir teilnehmen dürfen.
Wenn wir glauben, was wir feiern, geht es um Verwandlung. Brot und Wein werden gewandelt, wir werden gewandelt zu einer Gemeinschaft des Glaubens. Wir werden befähigt, zu leben, wie Christus gelebt hat. Sakramente bleiben nicht ohne Folgen. In der Taufe werden wir zu Kindern Gottes, sein Geist wird uns in der Firmung geschenkt. Der Chrisam ist Ausdruck unserer Würde als Könige, Priester und Propheten. Im Sakrament der Versöhnung werden wir zu einem neuen Leben ermutigt, in der Krankensalbung gestärkt. Die Weihe sendet Menschen zum Zeugnis, das alle anderen befähigen soll, die eigene Berufung zu leben. In der Ehe verbinden sich Menschen zum Bund, der die Liebe Gottes darstellen kann. In der Eucharistie erhalten wir die Nahrung für unsren Weg.
All das glaubten nicht nur die Menschen früher. Sondern diese Zeichen der Nähe Gottes sind Ausdruck des lebendigen Glaubens auch heute. Wenn wir jetzt in die Karwoche und die Feier von Ostern eintreten, schauen wir nicht in eine museale Vergangenheit, sondern wir sind eingeladen, zu leben, was wir glauben, und zu glauben, was wir feiern. So wünsche ich uns allen eine gesegnete heilige Woche.