Predigt von Bischof Peter Kohlgraf zum Anlass von „500 Jahre Reformation in Darmstadt“ in der ev. Stadtkirche Darmstadt, Sonntag, 18. Oktober 2026, 10.00 Uhr:Reformation und Ökumene heute

Das II. Vatikanische Konzil hat in seinem Ökumenismusdekret (Nr. 5) an die Aufgabe aller Gläubigen erinnert, an der Einheit der Kirche mitzuwirken.
„Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht einen jeden an, je nach seiner Fähigkeit, sowohl in seinem täglichen christlichen Leben wie auch bei theologischen und historischen Untersuchungen. Diese Sorge macht schon einigermaßen deutlich, dass eine brüderliche Verbindung zwischen allen Christen schon vorhanden ist; sie ist es, die schließlich nach dem gnädigen Willen Gottes zur vollen und vollkommenen Einheit hinführt.“
Im folgenden Abschnitt wird die Kirche zu einer ständigen Reform aufgefordert. Die ständige Erneuerung gehört zum Wesen der Kirche Jesu Christi. Tatsächlich wurde in den letzten Jahrzehnten viel erreicht, gerade im Hinblick auf die theologischen und historischen Untersuchungen, von denen das katholische Konzil spricht. Ich denke zum Beispiel an die Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Auch mit Blick auf Abendmahl/Eucharistie und das kirchliche Amt wird diskutiert, ob hier wirklich noch Anlass zur Kirchentrennung besteht. Ebenso wird die Frage nach einem möglichen Einheitsideal im Sinne einer versöhnten Verschiedenheit heute positiver gesehen als noch vor Jahren und Jahrzehnten. In der katholischen Kirche in Deutschland haben wir die Handreichung „Mit Christus gehen – der Einheit auf der Spur“ veröffentlicht. Sie behandelt konfessionsverbindende Ehen und die gemeinsame Teilnahme an der Eucharistie. Auch erschien das Votum des ökumenischen Arbeitskreises „Gemeinsam am Tisch des Herrn“.
Theologisch ist viel geschehen. Das ist die eine Ebene der Ökumene: die Ebene der Theologie und der Kirchenleitungen. Tatsächlich erlebe ich das Miteinander hier als sehr fruchtbar, geschwisterlich und lösungsorientiert. Vor wenigen Wochen haben wir uns auf unserer Diözesanversammlung mit der Charta Oecumenica befasst. Kirchen der ACK haben sich im November 2025 europaweit verpflichtet, konkrete Schritte auf dem Weg der Ökumene weiterzugehen. Christinnen und Christen verpflichten sich, ihren Glauben zu leben, ihn in der Welt zu bezeugen, den Dialog zu fördern, sich für Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen und sich für die Menschenrechte aller Menschen, insbesondere der Menschen auf der Flucht, einzusetzen. Der Blick auf dieses europäische Dokument weitet den Blick unserer Ökumene auf die Kirchen des Ostens und zahlreiche andere Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die nicht immer im Blick sind. Die Begegnung mit Kirchen, etwa aus dem orthodoxen oder altorientalischen Raum, prägt meine Wirklichkeit als römisch-katholischer Bischof zunehmend. Ökumene hat viel mit theologischer Arbeit und manchmal auch mit Ringen zu tun.
Manchmal nehme ich in Debatten ein Raunen wahr, das in etwa so lautet: „Alles schön, aber die Basis interessiert sich dafür nicht wirklich. Die Basis ist weiter.“ Dann hätte ich bisher über eine Ebene gesprochen, die für den kirchlichen Alltag irrelevant bleibt. Tatsächlich gibt es eine Ökumene des Lebens, die sich nicht nach Papieren und theologischen Reformbemühungen richtet. Bestimmte Seelsorgeangebote fragen nicht mehr vorrangig nach einem spezifisch konfessionellen Profil: Beispielhaft nenne ich Notfall- oder Telefonseelsorge, auch in manchen Pflegeeinrichtungen ist jeweils eine Kirche vertreten. Paare leben oft schon jahrzehntelang Ökumene, ohne dass es größere Probleme gibt, die es vielleicht zu Beginn der Partnerschaft noch gab. Vor einiger Zeit haben die evangelische und die katholische Kirche gemeinsam auf die Ergebnisse der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung geschaut. Da sitzen beide Kirchen in einem Boot. Zahlenmäßig werden wir kleiner, wir merken es an vergleichbaren Strukturprozessen, Ressourcenfragen und auch der Frage nach gesellschaftlicher Relevanz. Beide Kirchen haben einen massiven Vertrauensverlust zu verarbeiten, und dennoch erwarten die Menschen in unserer Gesellschaft etwas von uns. Sie erwarten gesellschaftliches Engagement und die Sorge um ein gutes Miteinander. Sie erwarten Seelsorge, Bildung und Spiritualität. Oft können sie die konfessionellen Unterschiede gar nicht mehr benennen. Das ist die andere Ebene der Wirklichkeit. Ich werbe dafür, beide Ebenen nicht zu vernachlässigen. Oft folgt die Theologie dem Leben und der Praxis, aber manchmal ist für die Praxis eine theologische Reflexion, ein Gespräch oder Nachdenken unverzichtbar.
In der katholischen Kirche haben wir in den letzten Jahren die Synodalität neu entdeckt, die lange Zeit vor allem mit Bischofsversammlungen und synodalen Gremien verbunden wurde. Mittlerweile laufen Prozesse weltweit, die alle Gläubigen in die Beratungen und Beschlussfassungen einbeziehen wollen. In Deutschland sind wir dabei, unsere synodalen Bemühungen in ein gutes Miteinander mit der Weltkirche zu überführen. Der sogenannte Synodale Weg in Deutschland wurde über Jahre eher misstrauisch beäugt. Es ging um die Bearbeitung der systemischen Ursachen des Missbrauchs, insbesondere um die Frage von Macht und Machtkontrolle sowie die Rolle des Bischofsamtes. In Deutschland wurden zudem Fragen zur Lebensform des meist ehelosen Priesters, zur Sexualmoral und zur Rolle der Frauen in der Kirche gestellt. Der Hinweis von Papst Franziskus, in Deutschland gebe es schon eine gute evangelische Kirche und es bräuchte keine zweite, war ja eher ein vergiftetes Kompliment. Es wurde immer wieder kritisch angemerkt, die Katholikinnen und Katholiken befassten sich mit Äußerlichkeiten und Strukturen und vergäßen ihren eigentlichen Auftrag.
Ich stehe weiterhin zu meiner Aussage zu Beginn des Synodalen Weges, dass ich darin keinen Widerspruch sehe. Unglaubwürdige Strukturen verhindern eine überzeugende Weitergabe des Glaubens. Ob alle Lösungen richtig waren, darf diskutiert werden. Ich hoffe, dass es uns in der katholischen Kirche – und dann auch ökumenisch – gelingt, unseren Glauben zu leben und zu bezeugen und dafür tragfähige Strukturen zu entwickeln.
Ökumene heute: Ich betrachte die fünf reformatorischen Prinzipien.
Solus Christus – Christus allein, ist das erste der reformatorischen Prinzipien. Als 2017 das Reformationsgedenken anstand, wurde es bewusst als Christusfest gefeiert. Die KMU-Studie belegt wohl, dass viele Menschen die Frage nach Gott nicht mehr stellen. Als Christ kann ich dem keine großen Theorien entgegensetzen. Ich kann aber erzählen, was mich an Christus fasziniert. Seine Liebe zum Vater, seine Konsequenz der Liebe, die er jeden Tag lebt. Ich lebe in seiner Freundschaft. Durch die Taufe sind wir Brüder geworden – er für mich und ich für ihn. Ich schaue auf sein Leben, das am Kreuz endet. So weit geht seine Liebe zu mir und zu allen Menschen. Am Kreuz öffnet er seine Arme, um alle an sich zu ziehen. Er ist für mich die Hoffnung auf ewiges Leben. Wenn ich an ihn nicht mehr glauben könnte, würde mein Fundament wegbrechen.
Vor wenigen Monaten war ich mit einer Kommission der Bischöfe in Paris. Wir wollten uns das Phänomen näher anschauen, dass immer mehr junge Erwachsene in den letzten Jahren um das Sakrament der Taufe bitten. Im Jahr 2025 waren es in Frankreich über 30.000 Jugendliche und Erwachsene, die sich taufen und firmen lassen wollten. Neben vielen anderen Gründen spielen wohl zwei Erfahrungen eine Rolle: Menschen erleben in den Gottesdiensten die Nähe Christi im Wort und im Sakrament. Und sie begegnen Menschen, die von ihrer Faszination von Jesus erzählen, ohne fanatisch und aufdringlich zu sein. Gemeinden werden als offene Orte des Willkommens gestaltet – so die Vision. Die Taufe neu als Grundlage von Glauben und Hoffnung, von Freundschaft und Beziehung zu erfahren in einer Gemeinde, wo jeder und jede willkommen ist, heißt für mich heute „Solus Christus“.
Sola gratia – allein durch die Gnade bin ich, sind wir gerettet. Mein Heil kann ich mir nicht verdienen, ich kann versuchen, die Gnade zu leben und weiter zu schenken. Das biblische Prinzip, auf die Gnade zu vertrauen, entbindet den Menschen ja nicht von seiner Verantwortung. In unserer Zeit ist es ein starkes Bekenntnis: Die Würde des Menschen beruht nicht auf Leistung, nicht auf Kraft, nicht auf Verdiensten jeglicher Art. Vor einigen Tagen wurde der südafrikanischen Juristin Navi Pillay der Friedensnobelpreis zugesprochen. Sie steht für einen jahrzehntelangen Einsatz für das Völkerrecht, dass nicht die Starken Recht behalten, sondern die Stärke des Rechts Geltung bekommt. Die Würde des Menschen steht heute infrage. Kein Mensch hat sich seine Würde verdient. Vieles gäbe es zu sagen, Gnade aber ist ein Kernwort meines Glaubens.
Sola fide – allein durch den Glauben werde ich gerettet. Nicht durch Taten, die Ausdruck meines Glaubens sind. Heute stellt sich mir eine neue Frage: Was ist mit den Menschen, die nicht glauben können, glauben wollen, denen sich die Frage gar nicht mehr stellt? Es gibt das biblische Motiv der Stellvertretung. Vielleicht ist es heute Aufgabe der christlichen Gemeinden, stellvertretend zu glauben, die anderen mitzunehmen im Gebet, sie in Gottes Hände zu legen. Und damit die Welt, die so kompliziert geworden ist. Jeden Tag bete ich Psalmen der Bibel. Nicht immer treffen sie meine aktuelle Gemütslage, wenn geklagt und auch geschrien wird, wenn Gott angefragt ist. Ich verstehe mein Gebet immer mehr als ein stellvertretendes Gebet für alle, die nicht beten, deren Leben aber eine Stimme braucht.
Sola scriptura – allein die Schrift. Heute gehe ich als Katholik entspannt mit diesem Prinzip um. Die Schrift geht mit der Kirche durch die Geschichte. Sie wird interpretiert, diskutiert, gefeiert und betrachtet und findet Eingang in Theologie und Bekenntnis. Auch als Katholik werde ich meine Tradition immer an die Heilige Schrift rückbinden. Sie ist aber mehr als Buchstabe. Sie ist lebensspendender Geist, sie wird zu jeder Zeit gelebt und bezeugt, vom Einzelnen, von der Gemeinde, von der Kirche. In der Schrift spricht mich der lebendige Gott an, in seinem Sohn, in seinem Geist. Er fordert mich zur Stellungnahme auf, zum Zeugnis, zum Handeln.
Soli Deo gloria – Gott allein die Ehre. In jedem Sonntagsgottesdienst singe ich: Ehre Gott in der Höhe – Friede den Menschen auf Erden.
Als Katholik kann ich mich mit den fünf reformatorischen Prinzipien identifizieren. „Einheit in Vielfalt” würde bedeuten, dass es unterschiedliche Akzentsetzungen geben kann. Wofür stehen die Kirchen? Dass Gott Gott ist und der Mensch Mensch bleiben kann. Wir können mutiger und froher diesen Glauben bezeugen. In manchen Themen werden wir weiter ringen, denn in einigen ethischen Fragen sind wir nicht einer Meinung. Das muss ausgehalten und diskutiert werden. Aber die Kirchen sollten einen Stil der Debatte und der Auseinandersetzung leben, der eine Gesellschaft, die sich in Polarisierung und Hetze gefällt, nachdenklich macht.
Es macht Freude, Ökumene auf verschiedenen Ebenen zu gestalten: in theologischen Gesprächen, in Beziehungen und Gemeinden sowie in der persönlichen Frömmigkeit und in der Gottes- und Christusbeziehung. Das wichtigste Fundament bleibt das Gebet, miteinander, füreinander und stellvertretend für die vielen.