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Predigt von Bischof Peter Kohlgraf im ev. Gottesdienst zum Thema „Sehnsuchtsorte“ Alter Dom St. Johannis, Mainz, Sonntag, 27. September 2026, 11.00 Uhr:Sehnssuchtsort Assisi, Geburts- und Wirkungsort des heiligen Franz von Assisi und der heiligen Clara

Sehnsuchtsort Assisi
Liebe Geschwister im Glauben, gerne stelle ich Ihnen einen meiner Sehnsuchtsorte vor, die für meinen Glauben und mein Leben sehr wichtig geworden sind.
Datum:
So. 27. Sept. 2026
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

In meinem Leben gibt es sicher nicht nur einen dieser Orte. Wenn ich etwa in meine Geburtsstadt Köln komme, verbinde ich mit vielen Orten in der Stadt Erinnerungen an Kindheit und Jugend; in mir werden Gefühle von Geborgenheit und Heimat wach. Allerdings stelle ich auch fest, dass diese Sehnsucht im Wesentlichen auf Erinnerung und vielleicht auch etwas sentimentalen Gefühlen basiert. Deshalb will ich lieber von einem Sehnsuchtsort sprechen, der nicht meine direkte Heimat ist, der mich aber an wichtigen Punkten im Leben immer wieder auf neue Gedanken und auf neue Spuren gebracht hat.

Einer meiner Sehnsuchtsorte ist in diesem Sinne Assisi in Umbrien in Italien. Es ist der Geburts- und Wirkungsort des heiligen Franz von Assisi und der heiligen Clara. Faszinierend fand ich diese beiden Persönlichkeiten des Mittelalters schon als Jugendlicher. Durch die Vermittlung einer Ordensschwester hatte ich Gelegenheit, mit 16 Jahren einen Kurs zur Einführung in die geistliche Welt des heiligen Franziskus mitzumachen. Seit damals fasziniert mich diese Persönlichkeit und die Vielfalt seines geistlichen Lebens. Er ist kaum mit einem Stichwort zu beschreiben. Franziskus wird 1181 oder 1182 in Assisi in eine Welt hineingeboren, die von Bürgerkriegen zwischen den Städten geprägt ist. Nach einer Verwundung und Gefangenschaft entschließt er sich zur Nachfolge Christi in vollkommener Armut. In allen seinen Lebensvollzügen wollte er so etwas sein wie ein zweiter Christus. Das zeigt sich in vielen Facetten: in seiner Liebe zu den Armen, in seiner Liebe zur Schöpfung, in seinem Bemühen, die Kirche zu reformieren, in seinem permanenten Unterwegssein bis hin zu seinen letzten Lebensjahren, in denen er der Überlieferung zufolge an Händen und Füßen die Wundmale Jesu trägt. Es gibt viele Legenden und Geschichten zu seinem Leben. Sie alle zeugen von seiner Liebe zu den Menschen und zu den Geschöpfen. Und sie bezeugen seine Liebe zu Gott.

Er ist in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Eines Tages legt er vor seinem Vater alle seine Kleider nieder und bekennt sich dazu, dass in Zukunft Gott sein Vater sein werde. Menschen in einer radikalen Christusnachfolge sollte man nicht romantisieren; sie haben immer auch etwas Provozierendes. Franziskus wird als Friedensstifter und vorbildlicher Mensch in der Nachfolge Christi verehrt. Wir wissen von Franziskus etwa, dass er die mühsame Reise nach Ägypten unternommen hat, um den Krieg zwischen Kreuzzüglern und Muslimen zu verhindern. Hätte man auf ihn gehört, wären viele Tausend Tote zu verhindern gewesen. Aber auch damals hat man ihn wohl als naiv und als Narren belächelt. Nach und nach schließen sich ihm viele Menschen an. Im heutigen Assisi und weltweit leben Brüder und Schwestern in seinem Geist das, was sie vom Evangelium verstanden haben. In seine Zeit gehört auch die heilige Clara, die in Assisi ebenfalls verehrt wird. Sie ist begeistert von der Predigt des Franziskus, und auch sie verlässt in Assisi ihre Familie, um in Armut zu leben. Bis heute leben in Mainz Ordensschwestern aus dem Orden der Klarissen-Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung, die das geistliche Leben unserer Stadt mitprägen.

Warum ist Assisi für mich ein Sehnsuchtsort? Vor genau 40 Jahren war ich dort das erste Mal mit einem guten Freund. Nach dem Besuch einiger großer Städte Italiens haben wir dort eine Woche verbracht. Erlauben Sie mir einen kurzen Blick in meine Biografie. Als Kind und Jugendlicher hatte ich wenig Gelegenheit, weite Auslandsreisen zu unternehmen. Vor dem Abitur waren wir mit der Schule in Neapel und Florenz, und auf dieser Reise entstand die Idee, mit diesem Freund nach dem Abitur einmal privat nach Italien loszuziehen. Dabei kamen wir auch nach Assisi. Ich war bereits im Priesterseminar als Priesterkandidat angemeldet, sodass ein Wendepunkt in meinem Leben bevorstand. Kurz zuvor war auch meine Mutter gestorben, sodass diese Reise in gewisser Weise auch einer Trauerbewältigung diente. Vor mir lag viel Zukunft, aber eben auch eine im Augenblick traurige Vergangenheit, mit der ich klarkommen musste. Mit diesen Gefühlen kam ich in Assisi an. Die Eindrücke waren überwältigend. Wer die Stadt kennt, kann das vielleicht nachvollziehen. Demjenigen, der sie nicht kennt, muss man vielleicht kurz schildern, was diese Stadt und die Gegend auszeichnet. Die Stadt selbst liegt auf einem Berg und ist heute geprägt von vielen Kirchen und einem mittelalterlichen Stadtbild. Hinter ihr erhebt sich eine große Berglandschaft, unterhalb der Stadt liegt eine Ebene, die ebenfalls für das Leben des heiligen Franz und der heiligen Clara entscheidend ist. Die Stadt ist für mich deswegen zum Sehnsuchtsort geworden, weil ich in ihr in den wenigen Tagen damals und bei späteren Besuchen immer wieder Impulse für meine persönliche Berufung erfahren habe, aber daneben auch österliche Hoffnung spüren und erfahren durfte.

In diesem Sommer 2026 habe ich dort noch einmal mit Freunden einen Urlaub verbracht. Einige inhaltliche Themen sind mir in diesen sommerlichen Wochen noch einmal durch den Kopf gegangen. Als der junge Franziskus eines Tages vor dem bekannten Kreuz von San Damiano betet, hört er der Überlieferung nach eine Stimme, die ihn anspricht: Franziskus, bau meine Kirche wieder auf. San Damiano ist eine kleine Kapelle unterhalb von Assisi in der Ebene. Damals war sie verfallen, und Franziskus fängt an, San Damiano wieder aufzubauen. Erst nach und nach versteht er, dass es nicht darum geht, eine kleine Kapelle aufzubauen, sondern einer reichen Kirche den Geist des Evangeliums wieder in Erinnerung zu bringen. Wir wissen, dass er bei Papst Innozenz vorstellig geworden ist, der zu den mächtigsten und reichsten Päpsten des Mittelalters gehört. Offensichtlich hat sich dieser Papst von diesem kleinen Bettelmönch ansprechen lassen. Heute suchen wir nach Wegen, meine, unsere Kirche zu erneuern, die auch oft resigniert und mutlos geworden ist. Wir lernen heute wohl in allen Kirchen, dass das Leben und die Lebendigkeit nicht vom Geld abhängen, auch wenn es uns viele gute Aktivitäten ermöglicht. Der Sehnsuchtsort Assisi bringt mich immer wieder zum Nachdenken darüber, welchen Wert heute die auch von Jesus immer wieder angesprochene Armut hat. In Deutschland sind weder die evangelische noch die katholische Kirche arm, vergleicht man sie mit christlichen Gemeinden weltweit. Und dennoch lassen unsere Ressourcen nach. Ich glaube, dass wir alle erleben, welch schmerzliche und manchmal auch emotionale Diskussionen mit diesem Thema verbunden sind. Aber das Heil kann weder vom Geld noch von Gebäuden noch von anderen materiellen Ressourcen der Kirche kommen. Ich erlebe als Bischof von Mainz die Schwierigkeit, mit unseren Gläubigen nach dem eigentlichen Kern unseres christlichen Auftrags zu suchen. Wenn ich in Assisi bin, muss ich oft darüber nachdenken, wie ich die heutige Situation unserer Kirchen auch geistlich mit Gottes Hilfe in eine gute Richtung bringen könnte.

„Wo dein Schatz ist, ist auch dein Herz“, sagt Jesus einmal. Selbstkritisch schaue ich auf meinen Dienst als Bischof, und ich frage mich, an welchen Themen mein Herz und mein Verstand so oft hängen. Der Sehnsuchtsort Assisi stellt immer wieder Fragen an mich und an meine Schwerpunkte als Christ und Bischof. Und dennoch: Wenn ich heute nach Assisi komme, sehe ich die große Basilika, in der sich das Grab des Franziskus befindet. Welche Pracht ist aus diesem kleinen armen Mann aus Assisi geworden? Über seinem Grab wölbt sich eine doppelstöckige Basilika. Viele Menschen kommen dort zum Beten und zum Gottesdienst. Sie besuchen das Grab des Franziskus, das sich in der Unterkirche befindet. Bei einer Führung in diesem Jahr habe ich neu gelernt, dass das Grab des Heiligen ursprünglich nicht zugänglich war. Es lag unter dem Altar der Kirche. Auf diesem Altar wurde die Eucharistie gefeiert. So wurde deutlich, dass es um Christus geht, auch wenn man den Heiligen verehrt und sich seiner erinnert. Erst durch einen späteren Umbau ist das Grab des Heiligen in den Mittelpunkt gerückt.

Wie würde der Heilige selbst das heute kommentieren? Es sind viele Gedanken, die mich mit dem Sehnsuchtsort Assisi verbinden. Wie können wir heute, wie kann ich selbst als Christ so leben, dass Christus durchstrahlt? Wie kann ich als Bischof und Verantwortlicher in der Kirche so sprechen, dass bei allen Ressourcenfragen das Wesentliche nicht aus dem Blick gerät, besser: dass der nicht aus dem Blick gerät, um den es in der Kirche geht? In diesem Sommer habe ich noch einmal die Gelegenheit gehabt, mit einem der franziskanischen Brüder in Assisi zu sprechen. Wir standen oben auf dem Berg im Außengelände der Basilika. Und wir konnten in die Ebene schauen, wo Franziskus wesentliche Berufungserfahrungen machen konnte. Damals waren dort in der Ebene unter anderem die Aussätzigen angesiedelt. Nicht nur das Gebet vor dem Kreuz, das Franziskus zur Erneuerung der Kirche ruft, gehört zu den entscheidenden Berufungsgeschichten im Leben des heiligen Franziskus. Wohl im Jahr 1206 reitet Franziskus durch die Ebene und begegnet einem Aussätzigen. Er überwindet seinen natürlichen Ekel und steigt vom Pferd. Er berührt den Aussätzigen und küsst ihn. Franziskus selbst schildert in seinem späteren Testament, dass dieser Augenblick seine eigentliche Bekehrung war. In den Schwestern und Brüdern, gerade den Armen und Kranken, erkannte er seitdem Christus selbst. Diese Berufungserfahrung begründete den Bruch mit seinem früheren Leben. Wenn Christus in diesen Armen unter den Menschen ist, konnte er nicht in seinem behüteten Umfeld bleiben. Ich habe bei der Führung gelernt, dass sich die wesentlichen Berufungserfahrungen des Franziskus in der Ebene abspielen, nicht auf dem Berg, wo die Stadt und die großen Kirchen sind.

Auch dieses Thema macht mich ein wenig unruhig. Wir sind uns ökumenisch sicher darin einig, dass wir eine Kirche für die Armen sein sollen. Und beide großen Kirchen haben gute caritative und diakonische Einrichtungen. Viele Ehrenamtliche engagieren sich für bedürftige Menschen in unserer Gesellschaft. Der Sehnsuchtsort Assisi mit dem heiligen Franz zeigt mir jedoch auch eine Kirche, die nicht nur eine Kirche für die Armen ist, sondern eine Kirche, welche die Armen in ihre Mitte holt. Alle Milieustudien der letzten Jahrzehnte zeigen, dass es nicht die Armen sind, die den kirchlichen Alltag prägen. Es ist für mich noch nie ein Trost gewesen, dass dies wohl noch nie wirklich funktioniert hat. Zwar haben sich christliche Gemeinden von Anfang an der Armen angenommen, aber oft genug waren sie Almosenempfänger und nicht die treibenden Motoren christlichen Lebens.

Am Sehnsuchtsort Assisi ist auch der sogenannte Sonnengesang entstanden. Es ist wohl das bekannteste Gebet des Heiligen. Er singt ein Loblied auf die Schöpfung. Mit allen Geschöpfen lobt er Gott, mit der Sonne, dem Mond und den Sternen, dem Wind, der Luft und den Wolken, dem Wasser, dem Feuer, der Erde und den Menschen. Er sieht sich als Bruder der Schöpfung. Und am Ende singt er das Lob Gottes auch angesichts des leiblichen Todes. Das Lied entsteht in der letzten Lebensphase des Franziskus. Es ist keine Naturromantik, die er uns überliefert. Der Sonnengesang entsteht zwei Jahre vor seinem Tod. Franziskus ist mittlerweile schwer erkrankt, das Leben ist fast unerträglich. In dieser Krankheit erlebt er allerdings die Zuversicht, dass er auf eine ewige Heimat zugeht. Diese Hoffnung und Zuversicht ist der Grund, dieses Loblied zu dichten. Als er stirbt, lässt er sich nackt wie ein neugeborenes Kind auf die Erde legen. Es ist der Augenblick einer neuen Geburt. Der Sehnsuchtsort Assisi liegt in einer wunderbaren Landschaft. Vom Berg hat man einen Blick in eine große Weite, und man kann verstehen, dass der heilige Franz nur zu verstehen ist, wenn man ihn als Wanderer in dieser großartigen Landschaft und Natur sieht.

Wie aktuell heute sein Blick auf die Schöpfung ist, muss man wohl nicht vertiefen. Alles hängt miteinander zusammen. Wer einem Menschen die Würde nimmt, zerstört die Schöpfung und die Umwelt. Wer die Schöpfung zerstört, zerstört das Lebensumfeld der Menschen. Wir erleben heute in politischen Debatten, wie gefährdet diese Zusammenhänge sind und wie notwendig es ist, als Christinnen und Christen die Geschöpfe neu als Geschwister zu entdecken.

Ich darf heute an den verstorbenen Papst Franziskus erinnern; vielleicht war sein Sehnsuchtsort auch Assisi. In seiner Enzyklika, die den Titel des Sonnengesangs trägt, schreibt er:

„Wie es uns geht, wenn wir uns in einen Menschen verlieben, so war jedes Mal, wenn er die Sonne, den Mond oder die kleinsten Tiere bewunderte, seine Reaktion die, zu singen und die anderen Geschöpfe in sein Lob einzubeziehen. (…) Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen. Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen. Die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus waren keine bloß äußerliche Askese, sondern etwas viel Radikaleres: ein Verzicht darauf, die Wirklichkeit in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln.“

Assisi ist ein Sehnsuchtsort, nicht allein, weil er mich an schöne Reisen und Erfahrungen erinnert. Der Sehnsuchtsort hält auch eine Sehnsucht nach einer besseren Welt wach. Er hält die Sehnsucht wach nach einer erneuerten Kirche, die Christus erfahrbar werden lässt. Er hält die Sehnsucht wach nach einer Kirche, die für eine gerechte Welt einsteht. Er hält die Sehnsucht wach nach einer Welt, in der Menschen sich als Teil einer guten Schöpfung verstehen, nicht als Herrscher und Ausbeuter. Und Assisi ist eine Stadt der Sehnsucht nach Frieden. Schließlich hält dieser Ort auch die Sehnsucht wach nach einer anderen Heimat, die ich nach diesem irdischen Leben erhoffe. Wenn ich diesen Ort verlasse, bleibt die Sehnsucht. Das macht diesen Ort so wertvoll.