Predigt im Pontifikalamt zu Allerheiligen Hoher Dom zu Mainz:Was heißt es, wahrhaft Mensch zu sein?

Vor einigen Wochen durfte ich in Bürstadt einen Vortrag über Alfred Delp halten. Delp war Jesuit. 1945 wurde er für seinen Einsatz für Gott und die Menschen von den Nationalsozialisten hingerichtet. Er formulierte einst sein Lebensziel so: dem Menschen zu helfen, wieder wahrhaft Mensch zu sein, und zugleich Gott die Ehre zu geben. So würde ich persönlich auch den Auftrag der Kirche insgesamt kurz beschreiben. Gott die Ehre geben, dem Menschen zur Menschlichkeit verhelfen.
Was heißt es, wahrhaft Mensch zu sein? In unserer Sprache nennen wir das eigentliche Kennzeichen des Menschen: Er kann menschlich sein. Man soll die sogenannte Künstliche Intelligenz nicht die Predigt schreiben lassen, aber man kann sie punktuell befragen. Interessanterweise nennt die KI als das erste Kennzeichen der Menschlichkeit: Mitgefühl und Empathie. Dazu ist keine Maschine fähig. Es macht den Menschen menschlich, Mitgefühl und Empathie, d.h. Einfühlungsvermögen zeigen zu können.
Und dann lese ich ein Zitat von Elon Musk, einem der zweifellos einflussreichsten und vermögendsten Männer der Welt. In einem Interview äußert er den bemerkenswerten Satz: Empathie ist die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation. Das heißt, das, was den Menschen menschlich macht, ist auch seine größte Schwäche. Elon Musk bezieht dies auf politische Systeme. Nationen, die das Wohl des Einzelnen in den Mittelpunkt stellen, zerstören sich selbst. Man müsse also das große Ganze sehen, das Wohl des Ganzen, der Einzelne und sein Schicksal sind dem unterzuordnen. Westeuropa ist schwach, weil es zu empathisch ist, weil der Einzelne und sein Leben zu viel zählen. „Make me great again“ kann ein Motto jedes Menschen sein, ich will, dass ich groß dastehe. Was macht stark, was macht schwach? Diese Frage scheint mir eine der derzeitigen Hauptthemen in dieser Welt zu sein.
Auch hierzulande wollen viele die Empathie und das Mitgefühl nicht. „Wir können uns nicht um jeden sorgen, was geht mich das Schicksal des Einzelnen an? Ich habe genug mit mir zu tun!“ Das ist oft genug der Zungenschlag in gesellschaftlichen Debatten. Ich stelle mir vor, dass ich eines Tages vor Gott stehe und die Gelegenheit habe, mit ihm zu sprechen. Dann könnte ich ihm die Geschichte der Welt und der Menschheit vorhalten. Ich könnte ihm sagen: „Du warst zu sehr am Leben eines jeden einzelnen interessiert, du hattest zu viel Mitgefühl und Empathie mit dem einzelnen Menschen und seinem Leben, seinem Leid und seinen Fragen; schau dir die Welt an. Einst hast du sie gut geschaffen, dann hast du dem Menschen die Freiheit gegeben, entstanden sind Mord und Totschlag. Am Straßenrand liegen die Millionen Opfer, und statt dich um das große Ganze zu kümmern, hast du doch tatsächlich jeden einzelnen Menschen geliebt, hast dich jedem einzelnen zugewandt, hast nicht mit Stärke zugeschlagen und regiert, sondern hast die Wunden des Menschen versorgt. Am Ende, Gott, war das deine Schwäche; dein Mitgefühl und deine Empathie für die Schwachen haben dich schwach gemacht. Durch deine Liebe zu jedem Menschen hast du insgesamt versagt.“ Ins Theologische gewendet könnte ich den Satz von Elon Musk so lesen. Der Gute ist der Schwache, der Dumme, derjenige, der es nicht hinbekommt.
Heute am Fest Allerheiligen schauen wir in der langen Geschichte, auf die Menschen, die versucht haben, ihre Antwort auf die Frage zu geben: Was macht den Menschen menschlicher und wie kann ich Gott die Ehre geben? Zunächst war ihre Motivation, ihre Stärke darin zu sahen, einem scheinbar ohnmächtigen Gott zu folgen. Ihr Leitbild war Christus, der Gekreuzigte. Ich höre auch die Stimmen unter Jesu Kreuz, die sagen: „Deine Schwäche ist dein Mitgefühl und deine Empathie für jeden einzelnen Menschen. Was hat es dir gebracht?“
Was zeichnete Jesu Umgang mit den Menschen aus? Er hatte keine große Theorie. Er zog nicht mit großen Plänen los. Offenbar hatte er vielmehr einen Blick dafür, was dieser oder jener Mensch in diesem Moment brauchte. Und dann half er konkret. Vor allem aber: Er gab umsonst. Er begegnete Menschen nicht berechnend und maß ihren Wert weder an Geld noch an Leistung oder Arbeitskraft. Wer auf ihn schaut, soll Mitleid lernen und sensibel bleiben für die Not anderer. In Jesus begegnen wir dem leidenden Menschen. Wer auf Jesus, den Gekreuzigten, schaut, sieht nicht weg. Er stellt sich dem Leidenden – besonders den Menschen am Rand der Gesellschaft – und schaut ihnen ins Gesicht.
In einem Buch von Tomáš Halík bin ich auf eine jüdische Legende gestoßen: Ein Rabbi schickt seine Schüler zu den Verwundeten und Aussätzigen vor den Toren der Stadt. Dort sollen sie den Messias suchen und finden. Denn dieser will erkannt werden. Aber woran kann man ihn erkennen? „Das Zeichen, an dem sie ihn erkennen sollen, ist dieses: Alle anderen umwickeln ihre eigenen Wunden, nur ein einziger umwickelt zuerst die Wunden der anderen. Das ist er, das ist der Messias.“[1]
Ich schaue hoffnungsvoll in die Welt und in die Zukunft. Viele Menschen engagieren sich, sie verbinden die Wunden anderer, sie sehen Not und Bedürfnisse, sie fragen nicht in erster Linie, was sie selbst davon haben. Damit sind sie Hände, Füße und Herz des Gekreuzigten. Sie sind die Heiligen auch unserer Tage. Ja, Jesus, der Sohn Gottes hätte anders leben können. Er hatte die Möglichkeit, sich zu entscheiden, als der Teufel ihn auf den hohen Berg führte und ihm sagte, alle die großen Reiche könnten ihm gehören, wenn er sich von Gott, seinem Vater löst. Er hätte den Weg der Stärke wählen können. Jesus hat sich für seinen Weg des Mitgefühls für jeden einzelnen Menschen entschieden. Seine Stärke lag in der Menschlichkeit, und damit hat er Gott groß gemacht.
Die Heiligen der Jahrhunderte bis heute belegen, dass Mitgefühl und Empathie nicht Schwäche sind, sondern der einzige Weg, die Menschlichkeit nicht zu verlieren. Einer der Kernsätze des Apostels Paulus ist das Bekenntnis: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2 Kor 12,9). Dieser Apostel hatte bereits am Anfang des Christentums die Erfahrung gemacht, dass sich Menschen über diesen schwachen Erlöser am Kreuz lustig machen, ihn verachten oder verspotten. Die Kirche hat in ihrer langen Geschichte immer dann versagt, wenn sie Menschlichkeit und Empathie vergaß. Dann verriet sie auch den armen und gekreuzigten Christus, dann diente sie nicht der Ehre Gottes, der sich durch die Liebe zu jedem einzelnen Menschen auszeichnet. Es mag nicht mehr besonders im Trend zu sein, dafür Sorge zu tragen, dass der Mensch Mensch sein kann und Gott die Ehre gegeben wird, aber das ist der starke Weg.
Heilige in der Nachfolge Jesu wird es noch geben, wenn von der selbsterklärten Stärke mächtiger Menschen nichts mehr übrig ist. Stark ist der, der den Blick für den anderen nicht verliert. Stark ist der Mensch, der Mitleid und Empathie nicht verliert. Stark ist derjenige, der menschlich bleibt. Das sind die Heiligen, die wir heute verehren. Heute reden wir viel über Chancen und Grenzen künstlicher Intelligenz. Eines muss man sagen: Sie wird Menschlichkeit nie ersetzen. Zur Menschlichkeit gehören Freiheit, Verantwortung, Freundschaft und Liebe, Vergebung, und auch die Weisheit, dass man nicht perfekt sein muss. Das werden Maschinen nie ersetzen können. Heilige sind starke Menschen, gerade auch in menschlicher Schwäche, nicht in der Perfektion. Heilige haben ihr Lebensziel gelebt: dem Menschen zu helfen, wahrhaft Mensch sein zu können, und so Gott das Loblied ihres Lebens zu singen.
[1] T. Halik, Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens, Freiburg, Basel, Wien 2021, 135.