Schmuckband Kreuzgang

Klangfülle

Domorganist aus Fulda zu Gast in St. Bonifatius

Domorganist Prof. Hans-Jürgen Kaiser begeisterte als virtuoser Improvisator (c) Prof. Kaiser privat
So 13. Okt 2019
Henning Stahl

Am Sonntag, dem 13. Oktober, konnten die Konzertbesucher in der Bad Nauheimer St. Bonifatius-Kirche wieder einmal erleben, welche Klangfülle in ihrer Orgel steckt: Prof. Hans-Jürgen Kaiser hatte sein Gastspiel unter das Motto „Veni Creator“ gestellt und dafür Werke ausgewählt, die wie gemacht für die Bad Nauheimer Link-Orgel erschienen. Hingerissen vom ebenso rasanten wie einfühlsamen Spiel des Organisten vom Hohen Dom zu Fulda spendeten die Zuhörer lang anhaltenden Beifall.

„Veni creator spiritus“ - ein Hymnus beeinflusst die Geschichte der Kirchenmusik

Fulda war im frühen Mittelalter eine Kirchenmetropole von europäischer Bedeutung. Hier hatte Hrabanus Maurus als Mönch und Abt des Klosters gewirkt und zum Konzil in Aachen im Jahre 809 den Hymnus „Veni Creator Spiritus“ (Komm Schöpfer Geist) verfasst, der seither vielfach vertont wurde. Diese bedeutsame Orgelhistorie legte Prof. Kaiser seiner Werkauswahl für sein Nauheimer Konzert zu Grunde und wählte Kompositionen der französischen Komponisten Jehan Titelouze, Nicolas de Grigny und Maurice Duruflé aus, welche diesen berühmten Hymnus mit den jeweiligen stilistischen Mitteln ihrer Zeit bearbeitet hatten. In diesen Werken konnte der Domorganist die ganze Bandbreite der Bad Nauheimer Link-Orgel mit ihrer französischen Disposition entfalten: Flötende Kantilenen wechselten mit dröhnenden Posaunenklängen, getragene Melodien mit rasend schnell eilenden Läufen. Durch den Einsatz des Schwellwerks erzielte der Vir­tuose variable Echo-Effekte und brachte so jedes dieser Orgelwerke als überraschend abwechslungsreiche Kompositionsfolge zu Gehör.

Und er ließ es sich nicht nehmen, Johann Sebastian Bach in die Mitte seines Konzertes zu stellen, hatte dieser doch mit „Komm Gott Schöpfer, Heilger Geist“ ebenfalls den Hymnus vertont. Der Solist schloss daran Bachs bekannte „Toccata und Fuge d-Moll“ an - zur großen Freude und Begeisterung der Zuhörer!

In der Improvisation zeigt sich der wahre Meister

Hans Jürgen Kaiser ist Professor für Orgel-Improvisation an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität - und so konnte sich etwas im Rahmen der „Konzerte an St. Bonifatius“ noch nie Dagewesenes ereignen: Die Zuhörer durften dem Organisten Themen für eine Improvisation vorgeben! Zwei Pfingstchoräle und ein Osterchoral standen auf der Wunschliste, die der Meister dann grandios zu einem umfangreichen Spontan-Werk zusammenfügte. Dabei zeigte sich Kaiser in allen nur denkbaren Techniken bewandert und auf der Höhe seiner Zeit. Besonders in seiner Improvisation über „Christ ist erstanden“ wurde dies geradezu erschütternd deutlich, als sich nach einem impressionistischen Klangszenario über die Martern Christi aus hingeschleuderten Klangfetzen, eruptiven Staccati und schrillen Clustern schließlich das strahlende Thema erhob. Die atemberaubende Technik und feine Subtilität des Domorganisten sind an sich schon außergewöhnlich genug - doch verbunden mit seiner bewundernswerten Hingabe an die Musik gelang es ihm bei dieser Improvisation, die Orgel zum Raum füllenden Schwingen zu bringen und seine innere Vorstellung von Musik Klang werden zu lassen.

„Standing ovations“ für eine Sternstunde der Bad Nauheimer Konzertszene

Prof. Kaiser hatte als Konzertabschluss Maurice Duruflés „Adagio et Choral varié sur le thème du veni creator“ gewählt, und dessen sechs Variationen ließen noch einmal alle Klangmöglichkeiten vom zart flötenden Pianissimo über den gelungenen Einsatz des Schwellwerks bis zu posaunenartigen Pedalklängen aufblühen.

Das begeisterte Publikum brachte dem Domorganisten „standing ovations“, und dieser spielte als Zugabe einen Satz aus Mendelssohns Orgelsonate Nr. 4.

Dass Regionalkantorin Eva Maria Anton den berühmten Kollegen vom Hohen Dom zu Fulda für das Gastspiel in St. Bonifatius hatte gewinnen können, kommentierte ein Zuhörer nach dem Konzert so: „Heute war ein großer Tag für Bad Nauheim!“.