„Der empfindsame Titan“

Beim Aschermittwoch der Künstler stand Ludwig van Beethoven im Mittelpunkt

Mainz, 27.2.2020: Beim Aschermittwoch der Künstler brachte Elizaveta Fediukova gemeinsam mit den „Mainzer Virtuosi“ den ersten Satz aus Ludwig van Beethovens Violinkonzert zu Gehör. (c) Bistum Mainz / Matschak
Do 27. Feb 2020
am (MBN)

Mainz. Ganz im Zeichen der Musik Ludwig van Beethovens stand der diesjährige Aschermittwoch der Künstler und Publizisten am Mittwoch, 26. Februar, in Mainz. In diesem Jahr wird der 250. Geburtstag des in Bonn geborenen Komponisten gefeiert – die Veranstaltung in der Bistumsakademie und im Mainzer Dom stand unter der Überschrift „Der empfindsame Titan – Ludwig van Beethoven zum 250. Geburtstag“.

In seiner Predigt zum Aschermittwochsgottesdienst im Mainzer Dom zeichnete der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf das Porträt eines „genialen Menschen, mit vielen Brüchen und Wunden“, der eine zerrissene Persönlichkeit gehabt habe. „Er ist ein Genie, er verfolgt mit seiner Musik eine Mission, er reißt die Menschen mit in eine Bewegung der Freiheit. Der Mensch soll frei werden von Zwängen, so wie auch Beethoven sich befreit von bestimmten Vorgaben der musikalischen Traditionen. Die Genialität seiner Musik begeistert und verstört die Menschen gleichermaßen. Er kann humorvoll, gewinnend und charmant sein, und von Kind an ist er tatsächlich sehr empfindsam; daneben gibt es aber auch eine andere Seite seiner Persönlichkeit. Er wird als unangepasst, als unbequem empfunden. Sein Charakter wird als zerklüftet erlebt, er neigt zu Wutausbrüchen, Misstrauen und Selbstzerstörung durch den Alkohol“, heißt es in der Predigt des Mainzer Bischofs. Die Predigt wurde von Domdekan Prälat Heinz Heckwolf verlesen, da Kohlgraf erkrankt war und alle Termine für diesen Tag abgesagt hatte.

Die österliche Bußzeit wolle an die große Begabung der Menschen erinnern, „dass wir gottähnlich sind, Kinder Gottes, seine Ebenbilder“, heißt es in der Predigt weiter: „Sie will uns gleichzeitig mit unserer alltäglichen Versuchbarkeit, unseren Brüchen, unseren Seelenklüften konfrontieren. Mit ihnen werden wir, werde ich, ein Leben lang zu kämpfen haben. Aber in den Schwächen verliere ich meine Würde nicht, bleibe ich Kind Gottes, sein Ebenbild, nur wenig geringer als er selbst. Es lohnt sich, in diesen Tagen beiden Seiten des eigenen Lebens auf die Spur zu kommen. Jeder und jede trägt auch die eigenen Seelenwunden mit sich. Es bleibt wohl ein lebenslanger Weg, sich mit ihnen auszusöhnen, sie als Narben zu akzeptieren, und sich immer mehr als freier Mensch und Kind Gottes herauszubilden.“

Beethoven werde oft als ein „Titan“ überhöht: „Hinter dem Titan steckt ein sensibler, verwundeter und verwundbarer Mensch. Gott schaut immer hinter die Fassade und hinter die Masken, die wir uns aufsetzen. Wir haben die Fastnachtsmasken abgelegt. Wer bin ich eigentlich? Die österliche Bußzeit will mich enttarnen. Aber nicht, um mich bloßzustellen, sondern um mir zu helfen, echt zu werden. Vor Gott muss und kann ich mich nicht verstecken. Nehmen wir die Einladung an, uns unserer Wirklichkeit zu stellen. Uns sind Heilung, Barmherzigkeit und Vergebung verheißen“, heißt es in der Predigt von Bischof Kohlgraf. (Zum ganzen Text der Predigt)

Domdekan Heckwolf feierte den Gottesdienst, in dem auch das Aschenkreuz ausgeteilt wurde, gemeinsam mit Domkapitular Prälat Jürgen Nabbefeld und Dompräbendat Dr. Alexander Nawar. Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst durch den Mainzer Domchor und Leitung von Domkapellmeister Karsten Storck und Domorganist Professor Daniel Beckmann an der Mainzer Domorgel.

Begegnung im Erbacher Hof

Dem Gottesdienst im Mainzer Dom schloss sich eine Begegnung im Erbacher Hof an. Der Musikwissenschaftler Professor Dr. Birger Petersen analysierte in seinem Vortrag ein Porträt Ludwig van Beethovens von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1820 und gab anhand der Skizzenbücher Beethovens einen Einblick „in die Werkstatt eines Komponisten“. Im Rahmen des Abends spielte Professor Thomas Hell, Leiter der Klavierbildung der Musikhochschule Mainz der Johannes Gutenberg-Universität, unter anderem die Klaviersonate Nr. 30 in E-Dur op. 109 von Beethoven. Zudem brachten die „Mainzer Virtuosi“ mit der Solistin Elizaveta Fediukova den ersten Satz aus Beethovens Konzert für Violine und Orchester in D-Dur op. 61 zu Gehör. Zu Beginn hatte Akademiedirektor Professor Dr. Peter Reifenberg die Gäste im Erbacher Hof begrüßt.