Die Fastenzeit will uns alle an die große Begabung erinnern, ... und sie will uns gleichzeitig mit unserer alltäglichen Versuchbarkeit, unseren Brüchen, unseren Seelenklüften konfrontieren.

Bischof Peter Kohlgraf zum Aschermittwoch der Künstler am 26. Februar 2020

Mi 26. Feb 2020
Bischof Peter Kohlgraf

Ludwig van Beethoven (1770-1827) als Begleiter in die diesjährige österliche Bußzeit, ein nicht ganz einfaches, aber spannendes Unterfangen. Vor 250 Jahren wurde er in Bonn geboren, spätestens seit meinem Studium in Bonn ist er mir immer wieder begegnet, seine Musik war ebenfalls stete Begleiterin.

Ein genialer Mensch, mit vielen Brüchen und Wunden.

Das gilt nicht nur für die großen symphonischen Werke, die Messen und die Oper, sondern insbesondere auch für die Klaviermusik, angefangen von den kleinen Stücken bis hin zu den großen Sonaten. Die Beschäftigung mit ihm in den vergangenen Wochen[1] hat mir neue Zugänge auch zu seiner Musik eröffnet. Christine Eichel nennt ihn den „empfindsamen Titan“, so auch das Motto des heutigen Abends im Anschluss an den Gottesdienst. Tatsächlich deutet sich hierin die Zerrissenheit seiner Persönlichkeit an. Er ist ein Genie, er verfolgt mit seiner Musik eine Mission, er reißt die Menschen mit in eine Bewegung der Freiheit. Der Mensch soll frei werden von Zwängen, so wie auch Beethoven sich befreit von bestimmten Vorgaben der musikalischen Traditionen. Die Genialität seiner Musik begeistert und verstört die Menschen gleichermaßen. Er kann humorvoll, gewinnend und charmant sein, und von Kind an ist er tatsächlich sehr empfindsam; daneben gibt es aber auch eine andere Seite seiner Persönlichkeit. Er wird als unangepasst, als unbequem empfunden. Sein Charakter wird als „zerklüftet“ erlebt, er neigt zu Wutausbrüchen, Misstrauen und Selbstzerstörung durch den Alkohol. Noch in den letzten Tagen, im Sterben begriffen, äußert er den Ausspruch: „Schade, schade“, was wohl die Feststellung beinhaltet, die gerade eingetroffene Weinlieferung nicht mehr selbst trinken zu können. Seine Sehnsucht nach menschlicher Liebe lässt sich nur schwer erfüllen. Sein Leben lang plagen ihn Geldnöte und der Versuch der Flucht vor dem Alltäglichen. Er schwankt immer zwischen Demut und Überheblichkeit. Sieht man sich die Erfahrungen seiner Kindheit an, ahnt man, woher diese seelischen Klüfte herrühren: Misshandlungen durch den Vater prägen seine Kindheit, seine Mutter ist überfordert, sie vernachlässigt die Kinder. Ziel des Vaters war, den Willen des genialen Kindes für seine Zwecke zu brechen. Zeitlebens wird Beethoven versuchen, sich aus allen Zwängen zu befreien. Erschütternd ist die Schilderung der Uraufführung seiner 9. Symphonie, die er gehörlos und fast erblindet selbst dirigiert. Den Erfolg kann er wohl nur noch ahnen.

Ein genialer Mensch, mit vielen Brüchen und Wunden. Bei der Beschäftigung mit ihm ging mir die Aussage des Psalms 8 durch den Sinn: „Gott, was ist der Mensch, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott“ (Ps 8,5f.). Beethoven hätte wohl keine Schwierigkeit gehabt, für sich diesen Satz zu unterstreichen. Wie groß ist der Mensch, und wie gespalten. In Beethoven erkenne ich sehr viel von den Erfahrungen der biblischen Tradition. Besonders die großen und genialen Menschen schildert die Bibel als zerklüftete Seelen. Ich denke an König David: ein begabter Mensch, er kann die Herzen gewinnen, er findet Freundschaften, ist ein begnadeter Sänger, ein König, wie er im Buche steht – bis er seinen Offizier in den Tod schickt, um dessen Frau gewaltsam zu nehmen und sie zu seiner Frau zu gewinnen (2 Sam 11,1-27). Die Macht korrumpiert ihn. Das gilt auch für Salomon, den großen weisen König, den Sohn Davids. Anfangs betet er noch um die Gabe der Weisheit und des Hörens (1 Kön 3,1-15), später wird er den Götzen nachlaufen, um die eigene Macht zu sichern. Wir sehen an ihnen beispielhaft die große Berufung des Menschen und die oft schäbige Versuchbarkeit, die geniale Berufung und die alltägliche Zerrissenheit. Damit bin ich bei der österlichen Bußzeit. Sie will uns alle an die große Begabung erinnern, dass wir gottähnlich sind, Kinder Gottes, seine Ebenbilder. Und sie will uns gleichzeitig mit unserer alltäglichen Versuchbarkeit, unseren Brüchen, unseren Seelenklüften konfrontieren. Mit ihnen werden wir, werde ich, ein Leben lang zu kämpfen haben. Aber in den Schwächen verliere ich meine Würde nicht, bleibe ich Kind Gottes, sein Ebenbild, nur wenig geringer als er selbst. Es lohnt sich, in diesen Tagen beiden Seiten des eigenen Lebens auf die Spur zu kommen. Jeder und jede trägt auch die eigenen Seelenwunden mit sich. Es bleibt wohl ein lebenslanger Weg, sich mit ihnen auszusöhnen, sie als Narben zu akzeptieren, und sich immer mehr als freier Mensch und Kind Gottes herauszubilden.

Hätte Beethoven einen wirklich barmherzigen Vater im Himmel kennen gelernt, hätte er vielleicht auch Hilfe bei ihm und seinem Wort gefunden. Er sucht Gott eher in der Natur, und der Glaube dient ihm als Hilfe zur Befreiung von Leidenschaften und Zwängen. Die Fernstenliebe steht ihm näher als die Liebe zum Nächsten. Angesichts seiner Biographie wundert man sich nicht, dass seine tiefste Sehnsucht die Erlösung aus dem irdischen Jammertal ist, und nicht die Begegnung mit einem liebenden Vater-Gott. So wie er seinen irdischen Vater erlebt hat, findet er keinen Zugang zum liebenden Gott und Vater Jesu Christi. Den strafenden Gott seiner Kindheit verflucht er immer wieder, er sucht die Befreiung von diesem Gott. Denn er verhindert einen aufgeklärten, freien Menschen. Ich denke an manche Menschen, die heute sagen, dass sie nicht glauben können. Ich frage ehrlich: lösen sie sich nicht eher von bestimmten Bildern dieses Gottes als von Gott selbst? Vielleicht muss man manches Gottesbild hinter sich lassen, um den einen Gott, der sich in Christus offenbart, entdecken zu können. Gottesbilder, die der Stärkung der eigenen Position dienen, Gottesbilder, die Machtverhältnisse unter Menschen zementieren, Gottesbilder, die Gewalt hervorbringen – sie sind wohl tatsächlich nicht mehr als menschliche Projektionen. Den wahren Gott und Vater Jesu neu zu entdecken, dem dient die österliche Bußzeit.

 

[1] Besonders: Christine Eichel, Der empfindsame Titan. Ludwig van Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke, München ²2019; Kirsten Jüngling, Beethoven. Der Mensch hinter dem Mythos, Berlin² 2019.

Gott schaut immer hinter die Fassade und hinter die Masken, die wir uns aufsetzen.

Wer bin ich? Der, für den mich die anderen halten? Dieser Frage geht nicht zuletzt auch Dietrich Bonhoeffer in seiner letzten Zeit im Gefängnis in einem berühmt gewordenen Gedicht nach. Bonhoeffer treibt die Frage um, wie er es zusammenbekommt, einerseits so stark zu wirken, andererseits innerlich furchtsam und ängstlich zu sein. Wer bin ich? Nach seinem Tod spätestens werden die Musik Beethovens und seine Person geradezu mythisch überhöht und nicht selten politisch instrumentalisiert. Damit wurde ein Mythos Beethoven konstruiert, in dem er zur Festigung der eigenen Position herhalten musste. Hinter dem Titan steckt ein sensibler, verwundeter und verwundbarer Mensch. Gott schaut immer hinter die Fassade und hinter die Masken, die wir uns aufsetzen. Wir haben die Fastnachtsmasken abgelegt. Wer bin ich eigentlich? Die österliche Bußzeit will mich enttarnen. Aber nicht, um mich bloßzustellen, sondern um mir zu helfen, echt zu werden. Vor Gott muss und kann ich mich nicht verstecken. Nehmen wir die Einladung an, uns unserer Wirklichkeit zu stellen. Uns sind Heilung, Barmherzigkeit und Vergebung verheißen.

Wir stellen uns heute unter das Zeichen des Aschenkreuzes. Es spricht zu uns von unserer Würde und unserer Vergänglichkeit, von Erlösung und Befreiung. Es verheißt uns den liebenden Vater und den Erlöser, der sich hingibt für uns. Lassen wir uns die kommende Zeit schenken, entdecken wir Gott und uns neu.