Kohlgraf: Die Grundfarbe des christlichen ‚Jenseits’ ist hell

Gottesdienst an Allerseelen im Mainzer Dom mit Gang zu den Bischofsgräbern

Mainz, 2. November 2019: Bischof Peter Kohlgraf besprengte an Allerseelen die Gräber der Mainzer Bischöfe im Dom mit Weihwasser. Auf dem Bild steht er in der Laurentiuskapelle, dem Ausweichquartier für die Schöne Mainzerin während der Orgelbauarbeiten. Dort ist Bischof Damian Hartard von der Leyen (1675-1678) begraben.
Sa 2. Nov 2019
tob (MBN)

Mainz. „Das Bewusstsein dafür, dass unsere Verstorbenen unseres Gebetes bedürfen, ist weitgehend verschwunden. Allerdings gehören die Vorstellung einer Läuterung nach dem Tod und der Glaube an ein persönliches Gericht über das Leben durch Christus weiterhin zu den zentralen Inhalten unseres christlichen Glaubens.“

Mainz, 2. November 2019: Auch der Mitglieder des Mainzer Domstiftes, die auf dem Domfriedhof bestattet sind, gedachte Bischof Peter Kohlgraf.. (c) Bistum Mainz / Blum

Das sagte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf beim Allerseelen-Gottesdienst am Samstagmorgen, 2. November. Weiter betonte Kohlgraf: „Christus ist nicht gekommen, um zu richten, sondern um zu retten. Die Grundfarbe des christlichen ‚Jenseits’ ist hell. Das berechtigt uns, auch für unsere Toten nicht in Angst zu beten, sondern in dem Vertrauen, dass sie gerettet sind.“  

Der Glaube an ein Gericht sei „unverzichtbar, wenn wir an eine letztgültige Liebe glauben, die den Armen und den Opfern der Geschichte, sowie auch den Tätern von Unrecht und Verbrechen Gerechtigkeit und Recht verschaffen wird“, sagte der Bischof. Und weiter: „Der Mensch ist verantwortlich für sein Tun, im Letzten kann er weder die Gesellschaft noch die äußeren Umstände, noch seine Gene für sein Tun verantwortlich machen. Gott richtet die Gedanken und Regungen der Herzen. Nur wenn der Mensch frei ist, wenn er verantwortlich ist, ist die Rede von einem letzten Gericht sinnvoll. Ja, ich bin jemandem verantwortlich. Allerdings jemandem, der mich retten, nicht richten will.“  

Neuere Ansätze in der Theologie zum Gericht

Mainz, 2. November 2019: Auf den Gräbern im Mittelgang des Mainzer Domes stehen an Allerseelen Kerzen auf jedem Grab. (c) Bistum Mainz / Blum

Bischof Kohlgraf verwies auf neuere Ansätze in der Theologie zum Gericht: „Im Tod begegne ich Christus, ich erkenne ihn, wie er ist: ganz Liebe und Zuwendung. Das wird eine unbeschreibliche Erfahrung sein. Wer aber auf eine solche Liebe trifft, der erkennt in einem Augenblick, wie wenig oder wie viel er oder sie selbst dieser Liebe in seinem Leben entsprochen hat. Gericht ist also Selbsterkenntnis des Menschen, die sehr schmerzlich sein kann. Das hilft mir, die Rede vom Gericht ernst zu nehmen, aber mir nicht Christus als einen Richter vorzustellen, der über mir thront, und mich und mein Leben von oben herab behandelt.“

Weiter sagte Kohlgraf: „Diese Begegnung mit dem liebenden Gott ist auch Läuterung. Selbsterkenntnis kann wehtun. Fegefeuer, Läuterung ist kein Ort, den Gott erfunden hat, um Menschen zu quälen, sondern es ist eine Begegnung, ein Akt der Selbsterkenntnis und Veränderung. Wenn wir für Verstorbene beten, begleiten wir sie in diesem Geschehen. Unser Gebet wird schon ankommen, aber es muss nicht einen zornigen Richter gnädig stimmen, sondern wir tragen den Menschen, der uns voraus gegangen ist, mit unserem Gebet, wir stärken ihn, und bleiben ihm verbunden. Niemand geht allein in diese Begegnung mit Christus, wir begleiten unsere Verstorbenen.“

Mit dem Gottesdienst im Mainzer Dom wurde der verstorbenen Mainzer Bischöfe und Mitglieder des Domstiftes gedacht. Nach der Eucharistiefeier ging Kohlgraf gemeinsam mit den Konzelebranten und den Gläubigen zu den Gräbern der Bischöfe im Mainzer Dom. Dabei besprengte Bischof Kohlgraf jedes Grab mit Weihwasser. An jedem Grabstein war außerdem eine Kerze aufgestellt. Die Prozession führte vom Westchor über den Mittelgang des Domes auf den Domfriedhof, in die Memorie, in die Bischofsgruft unter dem Hauptaltar und die Gotthard-Kapelle. Die Gräber im nördlichen Seitenschiff sind aktuell wegen der Baustelle für die neue Domorgel nicht zugänglich. Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst durch die Männerstimmen der Chöre am Dom unter Leitung von Domkapellmeister Professor Karsten Storck sowie Domorganist Professor Daniel Beckmann an der Orgel.

An Allerheiligen (1. November) ehrt die Kirche nicht nur alle offiziell heiliggesprochenen Menschen, sondern auch die Menschen, die ein christliches Leben geführt haben, ohne dass ihre Lebensführung einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Allerheiligen ist zunächst kein Tag des Totengedächtnisses, sondern feiert das neue Leben, das die Heiligen führen und das allen Christen verheißen ist. Vielfach ist der Tag durch den Gang zu den Gräbern von Angehörigen geprägt. Der Allerseelentag am 2. November gilt dem Gedächtnis der Verstorbenen.