Schätze entdecken, die manchmal verborgen sind und gehoben werden wollen

Predigt der Bevollmächtigten des Generalvikars, Stephanie Rieth, zum Gründungsgottesdienst St. Clara in Mainz-Bretzenheim

Die Bevollmächtigte des Generalvikars, Ordinariatsdirektorin Stephanie Rieth (Mitte), im Gottesdienst zur Pfarreigründung St. Clara in Mainz. Links von ihr: Pfarrer Ignatius Löckemann, rechts von ihr: Koordinatorin Dunja Puschmann (c) Bistum Mainz/Hoffmann
Datum:
So. 25. Jan. 2026
Von:
Stephanie Rieth

Wir feiern heute ein Gründungsfest: Eine neue Pfarrei, ein neuer Name, neue Strukturen. Da kann schnell der Eindruck entstehen: Jetzt müssen wir strahlen. Jetzt müssen wir alles richtig machen. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir Kirche können. Die Monstranz widerspricht auf eine sanfte, stille Weise: Nicht wir müssen das Licht erzeugen - wir dürfen und sollen es zeigen. 

Die Ikone der heiligen Clara und die Monstranz, um die es in der Predigt ging (c) Bistum Mainz/Hoffmann

Danke, lieber Ignatius für deinen Gedanken, den ich gerne aufgreifen möchte und für dieses wunderbare und kostbare Stück aus der Geschichte Ihrer Pfarrei St. Clara, liebe Brüder und Schwestern, in der Sie gemeinsam Kirche sind.

Ich möchte meine Predigt – vielleicht etwas ungewöhnlich – mit einem Wunsch für Sie beginnen: Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf Ihrem Weg als Pfarrei noch viele Schätze entdecken, wie diese alte und kostbare Monstranz von Emanuel Drentwett aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Schätze aus der Geschichte der Kirchorte und Gemeinden, die nun gemeinsam die neue Geschichte der Pfarrei St. Clara in Mainz begründen. Schätze, die in den Menschen liegen, die diesen Kirchorten ein Gesicht geben. Schätze, die manchmal verborgen sind und gehoben werden wollen.

Heute feiern wir den formalen Akt der Gründung von St. Clara als neuer Pfarrei. Ihr gemeinsamer Weg aber hat längst begonnen und wird weitergehen müssen, wenn Sie wirklich eine Pfarrei sein wollen, die ein Netzwerk lebendiger Kirchorte ist. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dies nicht geschichtsvergessen tun, denn die Geschichte der früheren Pfarreien gehört zu Ihnen. Zugleich wünsche ich Ihnen, dass Sie dies ohne lähmende Nostalgie tun, sondern mutig und ausgerichtet auf das gemeinsame Ziel, das Jesus Christus ist. Vielleicht kann uns diese Monstranz dabei ein Wegweiser sein.

Diese Monstranz hat eine besondere Form: Sie ist nicht flach und strahlenförmig, sondern hochgezogen wie ein kleiner gotischer Kirchturm. In der Mitte ein konzentrierter Strahlenkranz – noch ist diese Mitte leer. Oben das Kreuz, nicht als Schmuck, sondern als Richtungszeichen. Der Fuß ist breit und massiv. Diese Monstranz ist kein Museumsstück. Sie will getragen werden – mitten hinein ins Leben der Menschen.

Warum die Monstranz? Weil sie mit Clara von Assisi verbunden ist, Ihrer Patronin. Sie ist mehr als ein liturgisches Gerät: eine Glaubenszeugin aus Metall, eine stille Predigerin. Sie hilft uns zu verstehen, wer wir als Kirche heute sein können und wer Sie als neue Pfarrei sein können. Sie ist prophetisch, so wie es die biblischen Texte sind, die für diesen Tag heute vorgesehen sind und so wirken, als seien sie eigens passend für diesen Tag heute ausgewählt worden.

Der Text von Jesaja steht in einer Spannung zwischen Hoffnung und Gericht. Wir befinden uns im 8. Jahrhundert vor Christus. Das Land Israel ist geteilt, in das Nordreich Israel und das Südreich Juda. König Ahas regiert im Südreich. Im Hintergrund steht drohend die Assyrische Großmacht. Ahas denkt, wenn er einen Pakt mit den Assyrern schließt, hat er sie im Griff. Er vertraut lieber seinem eigenen Verhandlungsgeschick, seiner eigenen Einschätzung als Gott. Und so wird Assyrien vom vermeintlichen Retter zum Unterdrücker.

Jesaja beschreibt diese Situation als Finsternis und Todesschatten: Angst, politisches Chaos, falsche Propheten und gottlose Führer. Wie so oft können wir, wie auch hier durchaus Themen unserer Zeit heute erkennen. Aber in diese Situation hinein spricht Jesaja seine Verheißung: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf.“ Bemerkenswert ist die Formulierung in der Vergangenheit. So, als wollte Jesaja sagen: es ist schon geschehen, weil es für Gott schon entschieden ist, auch wenn das Volk sich noch in der Finsternis befindet. Das Licht ist schon da, die Menschen müssen nur den Blick nach ihm ausrichten, nach dem wahren Licht, nicht nach den funkelnden, täuschenden Irrlichtern.

Matthäus - 900 Jahre später, greift diese Verheißung von Jesaja auf und verbindet sie mit Jesu Ruf zur Umkehr. Dieses Licht ist Jesus Christus – aber um es zu erkennen, braucht es echte Umkehr, ein Neu-Ausrichten des ganzen Lebens.

Auch die Monstranz glänzt und zieht Blicke an – und doch geht es nicht um sie. Sie ist nicht selbst das Licht. Sie hält das Licht und tritt dahinter zurück. Darin liegt ihre Schönheit.

Clara von Assisi hat das verstanden. Sie wollte nicht glänzen, sondern durchlässig sein für Christus. Ihr Leben war wie eine lebendige Monstranz: still, klar und radikal auf Jesus ausgerichtet. Sie wusste: Wenn Christus im Zentrum ist, dann findet das Licht seinen Weg – auch durch Risse hindurch, auch durch Schwachheit und auch in der Dunkelheit.

Wir feiern heute ein Gründungsfest: Eine neue Pfarrei, ein neuer Name, neue Strukturen. Da kann schnell der Eindruck entstehen: Jetzt müssen wir strahlen. Jetzt müssen wir alles richtig machen. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir Kirche können.

Die Monstranz widerspricht auf eine sanfte, stille Weise: Nicht wir müssen das Licht erzeugen - wir dürfen und sollen es zeigen. Unser Auftrag als Christinnen und Christen, Ihr Auftrag als neue Pfarrei besteht darin, Jesus Christus immer wieder ins Zentrum zu stellen, gerade dann, wenn Konflikte, echte oder sprichwörtliche Baustellen oder Uneinigkeit auftreten. Dann braucht es Umkehr und neue Ausrichtung an ihm.

Paulus schreibt an seine Gemeinde in Korinth, diese wunderbare, sympathische, ganz realistische und ganz menschliche Gemeinde von damals: „Ich ermahne euch, Schwestern und Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung.“ Ich finde das irgendwie tröstlich und auch beruhigend. Offenbar ging es in einer der ersten christlichen Gemeinden so zu, wie bei uns heute in der Katholischen Kirche, im Großen, wie im Kleinen: Streit und Auseinandersetzung darum, wer den richtigen Glauben hat, was der richtige Weg, die richtigen Entscheidungen sind. Und obwohl das so ist, gibt es die Kirche zweitausend Jahre später immer noch.

Ich denke: Vielleicht gibt es sie immer noch, weil das so ist. Weil sich Menschen immer wieder mit großem, auch emotionalem Einsatz für die Kirche engagieren. Und Streit und Auseinandersetzung sind ja oft Zeichen für eine ganz hohe Identifikation. Das ist normal, das ist menschlich in solchen Situationen.

Das, was für die junge christliche Gemeinde in Korinth gilt, gilt auch für die junge Pfarrei St. Clara. Sie alle kommen aus unterschiedlichen Gemeinden, Traditionen und Prägungen. Manche von Ihnen sind voller Tatendrang, andere müde und erschöpft. Manche trauern dem Vertrauten nach, andere freuen sich auf Neues. Das ist normal. Das ist menschlich in solchen Situationen.

Warum mahnt Paulus also? Es geht ihm sicher nicht um Gleichförmigkeit oder die Vermeidung von Auseinandersetzungen. Aber er weiß auch: Eine gespaltene Gemeinde, ist eine schwache Gemeinde und auf Dauer in ihrer Existenz bedroht. Die christliche Gemeinde kann nur bestehen, wenn sie immer wieder zu Jesus Christus zurückkehrt, sich immer wieder auf ihn konzentriert, sich immer wieder nach ihm ausrichtet. Darin braucht es Einmütigkeit. Eine Einmütigkeit, die das Verschiedene nicht gleichmacht oder leugnet sondern es integriert, es miteinander verbindet und eben immer wieder im Licht Jesu Christi betrachtet. Paulus erinnert uns und die Monstranz zeigt es uns: Einheit heißt nicht Gleichförmigkeit, Einheit heißt: gleiche Mitte.

Dafür steht auch die Heilige Clara. In ihrer Gemeinschaft sollte es darum gehen, was trägt. Nicht um Macht und Rechthaben, sondern um Vertrauen und um die gemeinsame Mitte.

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist harte Arbeit für Sie als Gemeinde! Und vielleicht braucht es neben der Ermahnung noch viel mehr die Ermutigung. Seid einmütig!, sagt Paulus. In dem Wort steckt Mut drin. Ja, auch, wenn das Wort von seiner Herkunft das Gemüt meint. Ich möchte hier das Wort Mut hören und es Ihnen zusprechen, für all die Herausforderungen, die da sind und noch kommen werden.

Im Evangelium hören wir: Jesus bleibt nicht stehen. Er verkündet, heilt und geht zu den Menschen. Eine Monstranz ist kein Tresor und kein Schaukasten – sie ist gemacht, um zu zeigen und das Licht, das sie hält zu den Menschen zu bringen.

Auch die neue Pfarrei St. Clara ist nicht gegründet worden, um sich selbst zu verwalten, sondern um ein Zeichen zu sein: für Hoffnung, für Heilung, für die Nähe Gottes mitten im Alltag. Und wenn wir gleich Eucharistie feiern, Danksagung für das Geschenk seiner Nähe, dann wird dies in besonderer Weise deutlich, gegenwärtig und soll auch in unserer Monstranz sichtbar werden.

Zum Schluss noch einmal Clara: Clara war zutiefst kontemplativ – und gerade deshalb offen für die Welt. Ihre Spiritualität bestand nicht im Rückzug, sondern in der kompromisslosen Nähe zu Christus. Und aus dieser Nähe wuchs eine ungeheure geistliche Strahlkraft.

Das wünsche ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder der Pfarrei St. Clara: Dass Sie sich immer wieder neu an Jesus Christus ausrichten und so eine Strahlkraft entwickeln, die Ihnen und den anderen Hoffnung, Heimat und Zukunft im Glauben schenkt.

So wird Ihre neue Pfarrei mehr sein als eine Struktur. Dann wird sie - wie eine Monstranz - ein Raum, in dem Jesus Christus sichtbar wird. Amen.