Predigt von Bischof Peter Kohlgraf zum Festgottesdienst zum Tag der Ehejubiläen im Hohen Dom zu Mainz, Samstag, 26.09. und Sonntag 27.09., jeweils 14 Uhr:Der Blick der Liebe macht einen Menschen einmalig.

Die Lesungen sprechen von Liebe – wen würde es verwundern? Liebe hat mit Treue zu tun, mit Vertrauen, mit Tragen und Ertragen, mit Höhen und Tiefen, die Menschen gemeinsam gestalten. Vor Jahren haben Sie sich diese Liebe und Treue geschworen, und Sie haben sie gelebt. So sind Sie heute hier. Hier können wir danken, bitten, hoffen, auch vergeben und neu vertrauen lernen auf einen Gott, der selbst die Liebe ist. Sie erneuern Ihr Versprechen und nehmen noch einmal neu den Blick der Liebe ein. Wir maßen uns kein Urteil über die Menschen an, deren Partnerschaften zerbrochen sind und die neu angefangen haben. Gott wird jede menschliche Liebe mit seinen Augen sehen und begleiten. Heute geht es um Sie, die beieinandergeblieben sind. Vielleicht erleben Sie das als besonderes Geschenk und nicht nur als eigene Leistung. Der Blick der Liebe macht einen Menschen einmalig. Das ist der Grund, warum Sie heute hier sind. „Du bist zeitlebens für den Menschen verantwortlich, den du dir vertraut gemacht hast“, so heißt es im „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry.
Der persönlichste Augenblick in diesem Gottesdienst ist der, in dem Sie sich anschauen und sich das Eheversprechen erneuern. „Es geht mir um dich“, sagen Sie beide. Manchmal geht es im Leben nicht um ein Du, sondern um irgendwelche Dinge: Nahrung, Kleidung, Schätze, die aber doch vergehen. Ihnen geht es in dieser Stunde um den anderen, der einmalig und unverwechselbar ist. Und Sie wollen der Partnerin, dem Partner nicht etwas geben, sondern sich selbst. Das geht nur, weil Sie sich vertraut gemacht haben, weil Sie Ihren Partner, Ihre Partnerin mit dem Blick der Liebe als einen einmaligen Menschen erkannt haben, für den Sie Verantwortung getragen haben und weiter tragen wollen, dem Sie sich schenken wollen. Eine christliche Ehe beruht auf der Grundlage, dass Sie ohne Vorbehalt sagen können: Ich will mich dir schenken. Am Ende des Gottesdienstes wird Ihre Beziehung neu unter Gottes Segen gestellt.
Irgendwann wurde das erste Du zwischen Ihnen gesprochen. Vielleicht erinnern Sie sich daran. Dann begann der Weg des Vertrautwerdens. Ihre Freunde und Verwandten haben dies sicher mit Interesse und Sympathie verfolgt. Das geht nicht von heute auf morgen. Es ist ein langer Weg, ja sogar eine Lebensaufgabe. Sich vertraut zu machen, endet auch nicht irgendwann. Sich vertrauen zu können, ist ein wunderbares Geschenk, aber auch eine lebenslange Aufgabe. Sich vertrauen, sich trauen – das hat wesentlich mit Treue zu tun. Vertrauen und Treue: Nur so kann eine christliche Ehe lebendig bleiben. Das haben Sie sich versprochen, und Sie sind diesem Versprechen treu geblieben, in Höhen und Tiefen.
Christliche Ehe geht nicht auf Zeit, sondern zeitlebens. „Man kann nicht auf Probe lieben“, hat Papst Johannes Paul II. bei seinem ersten Besuch in Deutschland gesagt: nicht auf Zeit, sondern auf Dauer, ein Leben lang. Heute wird deutlich, dass es zum Menschen gehört, sich entscheiden zu müssen, sich nicht ein Leben lang alle Türen offenhalten zu können. Man kann nicht auf Probe lieben, so wie man nicht auf Probe leben kann. Damals haben viele gejubelt. Ob sie ihn verstanden haben, sei dahingestellt. Sie haben es wohl verstanden, sonst wären Sie nicht hier. Einen Menschen, den man liebt, kann man nicht beliebig auswechseln. Der andere ist nicht austauschbar, weil er oder sie derjenige Mensch ist, den Sie sich vertraut gemacht haben und für den Sie Verantwortung tragen. „Ich will bei dir bleiben ein Leben lang, in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit“ – das haben Sie sich versprochen.
Vielleicht haben Sie auch nüchtern und manchmal ein wenig ängstlich überlegt: Geht das? Geht das weiter? Sie tragen den Ehering. Der Ring ist Zeichen der Ewigkeit und des Zusammengehörens, auch der menschlichen Würde und der Bindung an einen anderen Menschen. Manche empfinden jede Form der Bindung und der Verbindlichkeit als einen Verzicht auf Freiheit. Wir wissen, dass die Annahme einer völlig unverbindlichen Freiheit eine Illusion ist und den Menschen letztlich seiner Würde beraubt. Im schlimmsten Fall wird er hin und her getrieben, ohne Ziel und Orientierung. Wenn Sie sich in Liebe gebunden haben, dann haben Sie keine Freiheit aufgegeben, sondern nehmen Ihre Würde wahr, die darin besteht, Verantwortung zu übernehmen und Liebe zu schenken. „Trage diesen Ring als Zeichen der Liebe und Treue“, haben Sie einander gesagt.
Bisher war von Gott noch nicht die Rede, oder doch? Die Bibel nennt die menschliche Liebe sinngemäß einen Gottesbeweis. Die Liebe zwischen Menschen sagt beinahe alles über unseren Gott aus, an den wir glauben und den wir heute um seinen Segen bitten. Von ihm kann man Treue lernen, das Interesse am anderen, auch das Beieinanderbleiben, wenn vielleicht Schuld und menschliche Schwäche die Beziehung infrage stellen. Er verspricht uns, Ihnen, Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, alle Tage Ihres Lebens.
Im Vertrauen auf ihn können Sie sich heute neu segnen lassen. Und wir alle wünschen Ihnen, dass Ihre weiteren Wege gesegnet sind. Wir wünschen Ihnen, dass Sie ein Segen für andere werden und dass andere an Ihrer Seite stehen.