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hr2 Morgenfeier mit dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf am Pfingstsonntag (24. Mai 2026):Der Geist, der beseelt

Mosaik in leuchtenden Farben
Datum:
So. 24. Mai 2026
Von:
Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz

Was wird eigentlich an Pfingsten gefeiert?

Diese scheinbar einfache Frage bringt Bischof Kohlgraf dazu, neu über den Heiligen Geist nachzudenken. Für ihn ist es das Fest, das der Welt ihre Seele zurückgeben will.

Vor einigen Jahren habe ich an einer Volkshochschule einen Sprachkurs gemacht, die Leute wussten, dass ich katholischer Priester bin. In der Woche vor Pfingsten war der Kurs zu Ende, und wir sind als Gruppe in ein Lokal gegangen, um ihn bei einem Glas Wein ausklingen zu lassen. Irgendwann kam die Frage auf: „Worum geht es eigentlich beim Pfingstfest?“ Ich habe festgestellt: Das ist gar nicht so leicht zu erklären. Ohne gleich komplizierte und komplexe Theologie zu benutzen. Daher überrascht es mich nicht, dass meine Antwort eher für Ratlosigkeit gesorgt hat: An Pfingsten geht es um den Heiligen Geist, den Gott in die Welt sendet. Weihnachten als Geburtsfest Jesu ist konkreter, Ostern als Tag der Auferstehung für viele ebenfalls. Aber Pfingsten – das Fest des Heiligen Geistes?

Für mich als Bischof spielt der Heilige Geist an vielen Sonntagen eine wichtige Rolle. In den Gemeinden spende ich meist jungen Menschen das Sakrament der Firmung – sie sollen die Stärkung durch den Geist Gottes erfahren. Allein im Bistum Mainz entscheiden sich jedes Jahr rund 3000 Jugendliche dafür. Pfingsten ist mir persönlich deshalb ein besonders wichtiges Fest. Und ich bin froh, dass es bislang weitgehend von Konsum und Geschäftemacherei verschont geblieben ist.


Musik 1 aus:
Johann Eccard: Der Heilig Geist vom Himmel kam (CD: Dolcissima via vita, Dresdner Kreuzchor, Ltg.: Roderich Kreile, Track 10, bis 1:23).

Wenn vom Heiligen Geist, vom Geist Gottes oder eben Pfingsten die Rede ist, meint das nicht eine exakte Beschreibung einer Sache. Es ist vielmehr der Versuch, das, was Menschen erleben, in Worte zu fassen.

Dabei greift die biblische und christliche Tradition auf eine große Bandbreite bildhafter Vorstellungen zurück. Der entscheidende Bibeltext zum Pfingstfest findet sich im 2. Kapitel der Apostelgeschichte: Am jüdischen Wochenfest Schawuot, 50 Tage nach Pessach, versammeln sich damals Menschen aus aller Welt in Jerusalem. Sie feiern ein Erntedankfest und danken Gott zugleich für die Gabe der Tora – also für die göttliche Weisung zum guten Leben, die Mose empfangen hat. Die Apostel treten nun auf und verkünden den Glauben an Jesus Christus. Während sie sprechen, kommt der Heilige Geist im Bild von Sturm und Feuerzungen über sie. Die Menschen werden Zeugen eines Wunders: Menschen aus vielen verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Sprachen verstehen die Botschaft der Apostel. Im Glauben an Jesus Christus werden Menschen aller Sprachen zu einer großen Gemeinschaft. Pfingsten ist, christlich verstanden, auch der Geburtstag der einen, weltweiten Kirche, die alle Grenzen überwindet.

Diese Geschichte lässt schon ahnen, wofür der Geist Gottes steht. Er will eine Welt des Friedens, er stiftet Gemeinschaft, er begeistert und verändert die Menschen und die Welt, wofür Feuer und Sturm symbolisch stehen. Wenn ich mit jungen Menschen ihre Firmung feiere, dann wünsche ich ihnen solche Erfahrungen, und wir können feiern, dass Gott jungen Menschen zutraut, in diesem guten Geist Gesellschaft und Kirche mitzubauen. Christinnen und Christen sind in diesem Sinne von Gottes Geist berührte Menschen, die für diese Welt Verantwortung übernehmen.


Musik 2:
Der Geist des Herrn (CD: Mensch auf Erden, Schola Kleine Kirche Osnabrück, Ltg.: Ansgar Schönecker, Track 17, 2:18).

Den Heiligen Geist kennen manche auch von Krankenhäusern, Hospizen oder Altenheimen: Seit dem 14. Jahrhundert sind in Deutschland über 85 Hospitäler und Hospize entstanden, die den Namen „Heilig Geist“ tragen. Diese lagen meist an der Stadtmauer an einer wichtigen Handelsstraße. Sie wurden oft durch Spenden und Stiftungen finanziert und boten Armen, Kranken und Reisenden ein Obdach. Seit dem 16. Jahrhundert entwickelten sie sich zu Kranken- und Armenhäusern. Bis heute tragen manche Krankenhäuser oder Seniorenheime das Patronat des Heiligen Geistes. In Frankfurt gibt es zum Beispiel das „Hospital zum Heiligen Geist“, das ein Lehrkrankenhaus der Universität ist.

Der Heilige Geist sollte gerade in der Liebe und Zuwendung zu den Armen, Kranken und Fremden konkret werden. Diese Praxis gehörte sozusagen zum guten Geist einer Stadt, dass diese Menschen Teil der Stadtgesellschaft bleiben konnten. Wenn sich heute auch Pfarreien unter das Patronat des Heiligen Geistes stellen, verstehen sie sich bewusst als Orte einer solchen Zuwendung, sie wollen Leben und Begeisterung vermitteln, sie wollen Grenzen sprengen und Gemeinschaft gestalten. Auch christliche Gemeinden und die Menschen in ihnen wollen Orte eines solchen guten Geistes sein, der im Handeln konkret wird. Es ist eine große Aufgabe für glaubende Menschen, unsere Dörfer und Städte zu Orten eines guten Geistes mitzugestalten. Auch wenn die Zahl der Kirchenmitglieder weniger wird, bleibt doch die Verantwortung, den Heiligen Geist konkret werden zu lassen. Gastfreundschaft, die Aufmerksamkeit für Menschen am Rande, der Blick für Kranke und einsame Menschen, eine einladende Gemeinschaft sind einige konkrete Möglichkeiten, den Geist Gottes lebendig werden zu lassen.

Dass der Geist Gottes etwas mit einem guten Leben, mit Lebendigkeit und Lebensfreude zu tun hat, bildet sich auch in unserer Sprache ab. Wer „den Geist aushaucht“, der stirbt, in ihm ist kein Leben mehr. Andererseits gibt es Möglichkeiten, die „Lebensgeister zu wecken.“ Begeisterung ist ein Ausdruck dafür, dass Menschen für etwas oder jemanden „brennen“. Selbst im Wort „Spirituose“ steckt Geist, und in Maßen genossen können sie Lebensfreude wecken. Wenn Menschen ein Gespräch auf einem „geistigen Niveau“ führen, ereignen sich Begegnung und Verstehen. Geist Gottes ist ein anderes Wort für Leben, für Beziehung und Gemeinschaft.


Musik 3:
Enjott Schneider: Gott hat uns nicht gegeben (CD: Enjott Schneider – sacred music Vol. 9, Neuer Kammerchor der HfKM Regensburg, Orgel: Roman Emilius, Ltg.: Kunibert Schäfer, Track 4, 1:35).

Die Bibel findet viele Bilder für die Lebendigkeit, die vom Geist Gottes ausgeht. Ein schönes Bild, das den Bezug zum Leben herstellt, ist die Vorstellung vom Geist als Atem Gottes. Der Heilige Geist ist der Atem Gottes in mir. Dieses Bild findet sich schon in den jahrtausendealten Psalmen der Bibel. Wie wir den Atem brauchen, den wir nicht sehen, der uns aber doch am Leben erhält, so ist es auch mit dem Geist Gottes. Ohne Geist Gottes gibt es keine Seele, kein Leben in mir und um mich herum. (Ps 104, 29-30) Er ist auch die Schöpferkraft Gottes: am Anfang schwebte Gottes Geist über den Wassern. Der Geist Gottes ist die Lebenskraft in uns.  (Gen 1,1. 2,7) Auch der Apostel Paulus spricht immer wieder vom Geist, der in uns Menschen ist, der in uns wohnt (z. B.1 Kor 3,16; 2,11, Röm 8,9-11). Unser Leben ist mehr als das biologische Funktionieren. Menschliches Leben in Fülle gibt es erst, wenn es Liebe, Freundschaft und Beziehung gibt. Der Geist Gottes in uns macht uns beziehungsfähig, er öffnet uns für andere, er öffnet uns auch für Gott. So verstehe ich auch besser, was Beten sein kann. Beten ist nichts anderes als atmen, den Geist Gottes in mich hineinlassen. Eine wichtige Bitte an den Heiligen Geist lautet für mich: Schenke uns Leben, Leben in Fülle, Beziehung und die Kraft zur Liebe. Wenn eine Gemeinde darum bittet, bittet sie darum, dass sie zu einem Ort der Beziehung, der Freundschaft und des Miteinanders werden kann. Wenn Menschen in der Kirche darum beten, dann wollen sie ihren Beitrag dazu leisten.

Ein Gebet zum Heiligen Geist stammt von Hrabanus Maurus. Er war Bischof von Mainz in der Mitte des 9. Jahrhunderts.  Bis heute wird ein Hymnus in den Gottesdiensten gesungen, der auf ihn zurückgeht. Veni Creator Spiritus – „Komm, Heiliger Geist“ beginnt dieses Lied. Das Lied bittet um den Geist, der so viel Gutes bewirken kann. Er wärmt, was erkaltet ist. Er schenkt Orientierung, Mut und Kraft. Der Geist Gottes bricht alles auf, was hart und starr geworden ist. Härte und Kälte gibt es in der Kirche, in der Gesellschaft, überall, wo Menschen am Werk sind. In diesem Zusammenhang denke ich an einen Text aus dem Prophetenbuch Ezechiel. (Ez 36, 26-27) Dort findet eine „geistliche Herztransplantation“ statt: Gott nimmt das Herz von Stein aus dem Menschen und gibt ihm ein Herz aus Fleisch. Dabei haucht er ihm seinen Geist ein. Der Mensch wird so wieder lebendig, er hat Atem und Seele. Immer wieder komme ich mit Menschen zusammen, die erschrocken darüber sind, wie kalt diese Welt in vielerlei Hinsicht geworden ist. Für mich ist diese Zeit eine Herausforderung für meinen Glauben.  Aber ich will auch auf eine göttliche Herztransplantation hoffen und vertrauen, die unserer Welt ein neues Herz aus Fleisch schenken kann.


Musik 4:
aus Carl Orff: Veni creator spiritus (CD: ante – post – Carl Orff, Niederaltaicher Scholaren, Ltg: Konrad Ruhland, Track 7, bis 1:45).

Der Heilige Geist gibt dem Menschen seine Seele zurück. In einem alten Film wird ein Märchenmotiv aufgegriffen. Dort wird von zwei armen Männern erzählt, die aufgrund ihrer Gutmütigkeit im Leben nicht weiterkommen. Immer wieder geben sie weg, was sie haben. Selbst gehen sie leer aus. Das ist eine Erfahrung, die viele machen: der Gute ist der Dumme. Wenn ich an andere denke, gehe ich selbst leer aus. Der eine von den beiden kommt nun eines Tages auf den Gedanken, seine Seele zu verkaufen. Von diesem Tag an gelingt ihm alles. Er steigt auf, wird reicher und reicher, kommt zu hohen Ehren und stirbt als Konsul, reichlich mit Geld und Gut ausgestattet. Als er seine Seele verkauft hatte, gab es keine Rücksicht mehr, keine Menschlichkeit, keinen Skrupel. Alles wird dem Gewinn, dem Erfolg untergeordnet. Der Mensch zählt nicht mehr. Wer keine Seele mehr hat, ist in den Augen der Welt oft ein Großer, aber im Grunde nur noch eine Fassade. Menschen geben ihre Seele hin, wenn sie nur noch auf Kosten anderer leben. In dieser Versuchung steht wohl jeder Mensch einmal. Der Heilige Geist gibt mir dann meine Seele zurück. Er lässt mich wieder menschlich werden, er zeigt mir, was in meinem Leben wirklich wichtig ist. Dass es möglicherweise besser ist, klein zu bleiben, aber ehrlich und menschlich. Der Heilige Geist gibt unserer Welt die Seele zurück. Wo diese Welt seelenlos geworden ist, zählt die Menschlichkeit nicht. Da ist Trennung, Abgrenzung, Gewinnstreben, am Ende Krieg und Gewalt. Unsere Welt hat tatsächlich in vielen Fällen ihre Seele verloren.


Musik 5:
aus. J.S. Bach: Ihr aber seid nicht fleischlich (CD: Bach Motets Gardiner, Monteverdi Choir, Ltg.: John Eliot Gardiner, Track 9, bis 2:06).

Auch die Kirche kann seelenlos werden, und ich selbst stehe auch in dieser Gefahr. Der Apostel Paulus hat sich im Brief an die Gemeinde in Rom damit auseinandergesetzt, wie ein Leben mit Seele, ein Leben im Geist Gottes, aussehen kann (Röm 8,1-17). Dem stellt er das „Leben aus dem Fleisch“ gegenüber – ein Leben, das an die Figur des Mannes aus dem Märchenfilm erinnert. Das Fleisch steht hier für das Vergängliche, Oberflächliche. Paulus kritisiert eine Haltung, die nur davon lebt, den eigenen Willen zu verwirklichen, nur die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse zu suchen. Dann macht der Mensch den anderen zum Mittel für seine eigenen Zwecke. Wer dem Fleisch folgt, sieht nur sich, er allein steht im Mittelpunkt. Meistens sind es vergängliche Werte, die ihm lebensnotwendig erscheinen: alles wird dem Geld, der Karriere, der Macht untergeordnet. Hauptsache, es geht ihm gut. Selbst Gott wird möglicherweise für die eigenen Zwecke eingesetzt. Eigentlich kann Gott froh sein, dass ich mich für ihn interessiere, dann muss er mir aber auch geben, was ich will, denkt mancher.  Menschen sind stolz auf ihre Leistung, auch im Bereich der Frömmigkeit. All das gehört zum Leben nach dem Fleisch. Der Mensch glaubt, frei zu sein, ist in Wahrheit jedoch Sklavin oder Sklave der eigenen Bedürfnisse. Alles Denken kreist um sich selbst.

Der Mensch kann aber auch dem guten Geist Gottes folgen. Das Gesetz des Geistes ist die Liebe, sagt Paulus. Wer dem Geist folgt, sucht das Glück auch der anderen. Er kann keine Selbstverwirklichung finden, ohne nicht auch dem anderen dienen zu wollen. Er weiß: Das wahre Glück liegt nicht im Geld, in der Karriere und der eigenen Macht, sondern in einem Leben, das dem anderen Menschen Raum gibt. Wer dem Geist folgt, hat eine innere Orientierung. Er kann zwischen Gut und Böse unterscheiden. Er hat auch Maßstäbe, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Er denkt nicht von sich her, sondern er möchte das Gute auch für andere. Hier geht es im Glauben nicht darum, Gesetze äußerlich zu erfüllen, sondern darum, aus der Beziehung zu Gott echte Freiheit zu finden. Solch ein Leben ist reich, und es wird nur selten zur oberflächlichen Routine. Der Geist hält den Menschen lebendig.

Der Geist Gottes wird dort erfahrbar, wo Menschen der Welt ihre Seele zurückgeben wollen. Er wirkt nicht nur in glaubenden Christinnen und Christen. Der Geist weht, wo er will.

Der Glaube an den Heiligen Geist zeigt mir deutlich, dass wir nicht den geistlosen und menschenfeindlichen Kräften dieser Welt ausgeliefert sind. Der Geist ist nicht eine schöne Idee, er will konkret werden. Er ist für mich gleichzeitig Motivation, etwas verändern zu wollen, er ist Mutmacher und Hoffnung. Das Pfingstfest ist wie ein großes Mosaik, mit vielen Farben, vielen Vorstellungen und Bildern. Wenn ich an die 3000 jungen Menschen denke, die sich im Bistum Mainz jedes Jahr für die Firmung und für den Heiligen Geist entscheiden, machen sie mir Mut. Denn sie entscheiden sich für Gemeinschaft, für Orientierung, für ein echtes Leben, für Wahrhaftigkeit und für einen Gott, der nahe ist. Sie wollen Menschen mit Herz und Seele sein. Pfingsten ist für mich das Fest, das die vielfältigen Seiten Gottes sichtbar macht. Es lässt mich ahnen und hoffen, welche guten und schönen Möglichkeiten jedem Menschen offenstehen, wenn er den guten Geist wirken lässt.


Musik 6:
Ruben Sturm: Veni creator spiritus (CD: Kirchenfenster, Ruben Sturm, Track 26, 1:07).

 

(Musikauswahl: Kantorin Mechthild Bitsch-Molitor, Mainz)