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Predigt am Pfingstsonntag, Hoher Dom zu Mainz, 24. Mai 2026, 10:00 Uhr :Die mitreißende Kraft Gottes

Wolken und Sonnenstrahlen an stürmischem Himmel
Gott gibt uns den Geist der Kraft. Gott gibt uns gegen die Verzagtheit den Geist der Liebe. Wer auf den Geist und seine Kraft vertraut, versinkt nicht im Selbstmitleid. Er wird sich anderen Menschen zuwenden.
Datum:
So. 24. Mai 2026
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

„Der Geist weht, wo er will. Du hörst ihn zwar, aber du kannst nicht sagen, woher er kommt und wohin er geht.“ (Joh 3,8). Der Geist ist Sturm, Atem, Geist, er ist Leben und Bewegung, er ist die „mitreißende Kraft Gottes.“[1] Der Geist bleibt wie der Wind geheimnisvoll und ist doch real. Er ist unberechenbar, aber man kann seine Wirkung und die Früchte wahrnehmen, die Menschen hervorbringen, die sich von ihm leiten lassen. Jesus spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die Glaubenden aus dem Geist geboren sind, dass dieser Geist Gottes die eigentliche Lebensgrundlage eines Menschen wird, der an Christus glaubt, und der wiedergeboren ist aus dem Wasser der Taufe. Wer getauft ist, ist ein geistlicher Mensch, ein vom Geist erfüllter Mensch. Wenn aber der Geist weht, wo er will, lässt er sich nicht auf bestimmte Menschengruppen festlegen. Er lässt sich nicht zähmen und begrenzen. Immer wieder darf man dem Geist Gottes Überraschungen zutrauen.

Gerade in diesen Zeiten freue ich mich auf diesen Pfingsttag, die Feier der Kraft des Geistes Gottes. Er bricht jede Hoffnungslosigkeit auf, er hilft aus der Resignation, aus der Angst vor der Zukunft, er ermutigt, aufzustehen und auf die Kraft des Glaubens und der Liebe zu setzen, die die Welt verändern kann. Wenn ich mir gesellschaftliche Trends anschaue, dann sind dies oft Verzagtheit und Mutlosigkeit, die bei manchem umschlagen in Hass, Wut und Verachtung anderer. Wer geisterfüllt ist, wird für seine Positionen streiten können, aber er wird nicht verachten und hassen. In eine vergleichbare Situation spricht der Verfasser des 1. Timotheusbriefes im Neuen Testament „Ihr habt nicht einen Geist der Verzagtheit bekommen, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Das Heilmittel gegen den Frust und die Angst kann man sich nicht herbeireden und lässt sich auch nicht in noch so guten Konzepten entwickeln. So wie der Frust, die Verzagtheit, ein wirklich zutiefst geistliches Problem ist, ist auch die Heilung ein Werk des Heiligen Geistes. Gott gibt uns den Geist der Kraft. Gott gibt uns gegen die Verzagtheit den Geist der Liebe. Wer auf den Geist und seine Kraft vertraut, versinkt nicht im Selbstmitleid. Er wird sich anderen Menschen zuwenden. Die Bibel hält es für das eigentliche Heilmittel gegen Angst und jede Form von Selbstbezogenheit, nicht vorrangig die eigenen Wunden zu lecken, sondern sich den Wunden anderer zuzuwenden. Gott gibt uns gegen die Verzagtheit den Geist der Besonnenheit. Zu dieser Haltung ließe sich sehr viel sagen. Ich möchte es zunächst als Warnung vor hektischem Aktionismus interpretieren. Ich kann in einer schwierigen Situation anfangen, irgendetwas zu tun, um mich zu schlagen, erreichen werde ich nichts. Zum geisterfüllten Menschen muss immer auch ein nüchterner Geist und Sachverstand gehören. Die Besonnenheit schützt vor religiösen und auch politischen Traumwelten, aus denen ich immer sehr unsanft erwache. Christlicher Glaube lebt in der Regel nicht von mystischen Entrückungen, sondern von Treue, Zuverlässigkeit, und einem ehrlichen, nüchternen Urteil über sich selbst und die Welt, in der wir leben. Ehrlichkeit und Besonnenheit als Mittel gegen den Frust – eigentlich erstaunlich. Frust entsteht aber nicht selten auch dadurch, dass die Wirklichkeit einer selbstgestrickten Traumwelt nicht entspricht, dass die Menschen nicht so sind, wie ich sie gerne hätte. Wer besonnen ist, lässt sich nicht von selbsternannten Heilspropheten dieser Welt täuschen, die einfache Lösungen für alle Probleme anbieten und aus der Situation der anderen selbst Kapital schlagen wollen. Der Geist will eine oft geistlose Welt konkret verändern.

In diesem Zusammenhang denke ich an einen Text aus dem Prophetenbuch Ezechiel. (Ez 36, 26-27) Dort findet eine „geistliche Herztransplantation“[2] statt: Gott nimmt das Herz von Stein aus dem Menschen und gibt ihm ein Herz aus Fleisch. Dabei haucht er ihm seinen Geist ein. Der Mensch wird so wieder lebendig, er hat Atem und Seele. Immer wieder komme ich mit Menschen zusammen, die erschrocken darüber sind, wie kalt diese Welt in vielerlei Hinsicht geworden ist. Für mich ist diese Zeit eine Herausforderung für meinen Glauben.  Aber ich will auch auf eine göttliche Herztransplantation hoffen und vertrauen, die unserer Welt ein neues Herz aus Fleisch schenken kann. Auch die Kirche hat den Geist nicht gepachtet. Er weht eben, wo er will.

Nachdem der westlichen Frömmigkeit lange der Vorwurf der Geistvergessenheit gemacht werden konnte, führen heute viele den Heiligen Geist im Munde. Von „Neuen geistlichen Bewegungen“ und „Neuer geistlicher Musik“, von verstärkten Bemühungen um ein „geistliches Leben“ und „geistlichen Begleitern“ ist die Rede; Kirchentage gelten als neue pfingstliche Ereignisse, ebenso wie synodale Prozesse. Von der Quantität der Rede über den Geist her müsste es um uns herum nur so stürmen und brausen. Angesichts dieses Phänomens hat bereits 1971 Hans Urs von Balthasar in seinem Buch „Klarstellungen. Zur Prüfung der Geister“ eine kritische Anmerkung formuliert:

„Dieser (heilige Geist) ist ein scharfer, schneidender Wind (…) Und wer wird sich vermessen zu behaupten, er habe den Geist? Fronten pachten ihn nicht, er fegt durch Spruch und Widerspruch. Vertreter der Tradition können geistlos vertrocknet sein; Vertreter der Progression können ins Leere voranmarschieren. Keine kirchliche Partei fängt die himmlische Taube für sich ein.“

Gerne erinnere ich die verschiedenen Gruppen auch in der Kirche unserer Tage an diesen Gedanken. Niemand kann den Geist für sich beanspruchen, und niemand darf anderen diesen Geist einfach absprechen. Zunächst gilt dies immer für den Einzelnen, in einem zweiten Schritt aber auch für die Gruppen, Richtungen und Parteien in der Kirche. Wer nur sein eigenes Wohlbefinden und seine Selbstbestätigung sucht, kann fast sicher sein, dass er „die himmlische Taube“ nicht eingefangen hat. Jeder, der nach der Zukunft der Kirche fragt und sich für sie engagiert, darf sich wohl erst dann als „geistlich“ betrachten, wenn ihm das Gespür für das eigene Versagen und die eigene Hilfsbedürftigkeit nicht abhandengekommen ist. Ein Gebet zum Heiligen Geist stammt von Hrabanus Maurus. Er war Bischof von Mainz in der Mitte des 9. Jahrhunderts.  Bis heute wird ein Hymnus in den Gottesdiensten gesungen, der auf ihn zurückgeht. Veni Creator Spiritus – „Komm, Heiliger Geist“ beginnt dieses Lied. Das Lied bittet um den Geist, der so viel Gutes bewirken kann. Er wärmt, was erkaltet ist. Er schenkt Orientierung, Mut und Kraft. Der Geist Gottes bricht alles auf, was hart und starr geworden ist. Härte und Kälte gibt es in der Kirche, in der Gesellschaft, überall, wo Menschen am Werk sind. Ich lade heute ein, immer wieder mit Hrabanus Maurus zu beten. Wir brauchen die Kraft des Geistes Gottes und Hoffnung, wir brauchen seine Kraft, Liebe und Besonnenheit in dieser Zeit. Wir brauchen immer wieder ein neues Herz aus Fleisch, das die Not anderer wahrnehmen kann. Wir brauchen den Geist der Unterscheidung, der uns hilft, Falsches vom Wahren zu unterscheiden. Der Geist möge alles verändern, was uns von anderen Menschen und von Gott trennt.

[1] Anregungen aus Theodor Schneider, Was wir glauben, Ostfildern²2017, 322ff.

[2] Diesen Ausdruck verdanke ich Theodor Schneider, Was wir glauben, Ostfildern²2017, 335.