Predigt am Vorabend zum Tag der Arbeit:Eine Gesellschaft und auch das Arbeitsleben können nicht ohne Werthaltungen, Respekt vor jedem Menschen und gelebte Tugenden funktionieren

Im nächsten Jahr werden wir den 150. Todestag des Mainzer Bischofs Wilhelm Emmanuel von Ketteler begehen. Man nennt ihn gerne den „Arbeiterbischof“, weil er sich seinerzeit mit den politischen Fragen von Arbeit und Gerechtigkeit auseinandergesetzt hat. Er ist einer der Väter der Katholischen Soziallehre. Im Bistum Mainz hat er viele Einrichtungen und Gemeinschaften ins Leben gerufen, die sich konkret der sozialen Frage stellten. Seine Einrichtungen gibt es bis heute und sie leisten eine wichtige Arbeit. Sie halten die Frage wach, wie Glaube, christliches Leben und die Sorge um Menschen zusammengehören. Ketteler war kein Theoretiker, er suchte Verbündete, die sich konkret einsetzten. Und ihm war bewusst, dass soziale Gerechtigkeit etwas anderes ist als eine schöne Idee. Ihre Verwirklichung braucht Überzeugte, sie braucht Struktur und sie braucht Institutionen und Verbindlichkeit. Das kann nicht nur Aufgabe der Kirche sein, auch wenn sie diese Vorstellungen selbst leben muss.
Die Ideen des Bischofs von Ketteler sind bis heute bedenkenswert. Er war Bischof in einer für die Kirche schwierigen Zeit. Auch heute stellt sich die Frage, wie die Kirche auf die zahlreichen Herausforderungen reagieren muss. In diesem Jahr wird in verschiedenen Bundesländern gewählt und es gibt durchaus Stimmen aus einer bestimmten Richtung, die die Kirche aus allen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen herausdrängen wollen: Am besten kümmere sich die Kirche um die jenseitigen Belange. Ketteler hat es vorbildlich geschafft, spirituelle und politische Anliegen zu verbinden. Als Christinnen und Christen dürfen wir uns nicht in die Sakristeien und hinter die Kirchenmauern zurückziehen. Ich bin dankbar dafür, dass wir dies im Bistum heute unter anderen strukturellen Bedingungen auch nicht tun. Es gibt viele Beispiele, bei denen die Kirche mitten unter den Menschen ist und ihre Anliegen vertritt.
Heute danke ich besonders den Menschen in der Betriebsseelsorge, die diese Aufgabe wahrnehmen. Ketteler erinnert uns daran, dass Wirtschaft und Politik nicht ohne Wertvorstellungen auskommen können. Das Christentum steht für ein bestimmtes Menschenbild. Es steht gegen einen rein ichbezogenen Individualismus, genauso wie gegen einen Kollektivismus, in dem der Mensch nur ein unpersönliches Rädchen im Getriebe ist. Der Mensch, so auch der Mensch in Arbeit, ist Person, mit Würde, mit Rechten und Pflichten gegenüber der Gemeinschaft. Wer Arbeit anbietet, muss diese Würde achten und die einzelne Person wertschätzen. Jeder Mensch hat hier auch eine soziale Verantwortung. Kettler erinnert an die Prinzipien der katholischen Soziallehre: die Bedeutung jeder einzelnen Person, die Verpflichtung zur Solidarität und das sogenannte Subsidiaritätsprinzip. Die oberen Ebenen unterstützen die unteren, niemand ist in einem Kontext machtlos, sondern ist beteiligt an sozialen und gerechten Strukturen. Eine Gesellschaft und auch das Arbeitsleben können nicht ohne Werthaltungen, Respekt vor jedem Menschen und gelebte Tugenden funktionieren.
Wir reden heute in der katholischen Kirche viel über Synodalität. Was zu tun ist, muss von allen beraten werden. Von Ketteler fordert dies bereits damals für das Arbeitsleben. An wichtigen Entscheidungen müssen Menschen beteiligt werden. Konkrete Handlungen müssen im Dialog entwickelt werden. Bischof von Ketteler ist seiner Zeit weit voraus, indem er an die Menschenwürde und die Menschenrechte erinnert. Eine Gesellschaft wird den Menschenrechten gerecht, wenn sie den einzelnen Menschen die Verantwortung und die Mitsprache nicht abnimmt, sondern ermöglicht. Der Staat wie auch der Arbeitgeber muss die Eigenverantwortung der Menschen stärken und einbinden, so der Bischof. Für die Kirche wird es durchaus kritisch, wenn Ketteler betont, dass sie nur glaubwürdig fordern kann, was sie selbst lebt. Ein Volk von Egoistinnen und Egoisten kann keine menschenwürdige Gesellschaft gestalten. Eine solcher Anspruch ist heute hochaktuell. Es braucht den Sozialstaat, es braucht genauso Eigenverantwortung und eine Gesellschaft, die sich einem Menschenbild verpflichtet weiß, das die Würde eines jeden Menschen betont. Ohne Werte und Moral, ohne die Anerkennung der Würde jeder Person, ohne Solidarität und Förderung des einzelnen kann es keinen funktionierenden Staat geben.
Ich darf aber auch sagen, dass ich da als Bischof heute nicht mutlos bin. Immer wieder begegne ich Menschen, die in diesem Sinne, auch als Arbeitgebende, Verantwortung übernehmen und gleichzeitig Verantwortung teilen. Sie nehmen Menschen ernst. Solche Beispiele kann ich nur dankbar unterstützen. Die Arbeitswelt verändert sich, auch durch die Künstliche Intelligenz. Menschliche Verantwortung aber und eine verantwortungsvolle Gestaltung des Miteinanders kann durch sie nicht ersetzt werden. Wir haben heute viele andere Möglichkeiten als zu Zeiten Bischof Kettelers. Die Würde des Menschen und seine Verantwortung haben sich grundsätzlich nicht verändert. In einem Gottesdienst muss ich auch an die Verantwortung vor Gott erinnern. Besitz ist immer Verantwortung und Auftrag. Heute bin ich für meinen bischöflichen Vorgänger dankbar. Er steht für den Zusammenhang zwischen Glauben und Leben, zwischen Christentum und gesellschaftlicher Verantwortung. Wir werden in den kommenden Monaten immer wieder an ihn erinnern. Er ermutigt uns heute zu einem tiefen Gottesglauben, der nicht ohne Liebe zu den Menschen unserer Zeit gelebt werden kann.
