Zum Inhalt springen

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf zum Hildegardisfest Pfarrei Heilig Kreuz Rheingau, Eibingen, Donnerstag, 17. September 2026: Einfachheit, Nächstenliebe und Gastfreundschaft

Hildegardisfest in Rüdesheim
Hildegard war nun wirklich eine Mystikerin, die vom Glauben aus tiefer Gotteserfahrung heraus sprechen konnte. Diese Art der Erfahrung ist ein Geschenk, sie kann nicht hergestellt werden. Vielleicht ist sie auch eine Last. So tief in Gottes Geheimnis eingeweiht zu werden wie Hildegard, ist wohl auch erschreckend. Hildegard fasziniert aber bis heute, weil sie aus Erfahrung spricht.
Datum:
Fr. 18. Sept. 2026
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Eine Predigt genügt nicht, um die Vielfalt der Themen und das Lebenswerk der hl. Hildegard von Bingen zu würdigen. Sie ist eine Heilige unserer Region. Hildegard hat diese Region geprägt und beeinflusst, und die vielen Schwestern nach ihr ebenfalls. Einige vorbildliche Eigenschaften und Botschaften der Heiligen will ich in Erinnerung rufen.

Papst Benedikt XVI. hat in seinem Apostolischen Schreiben zur Erhebung der hl. Hildegard als Kirchenlehrerin im Jahr 2012 auf wesentliche Themen aufmerksam gemacht. Ein wichtiger Punkt ist die Übereinstimmung von Lehre und Leben der Heiligen. Gott hat Hildegard viele Charismen geschenkt, nicht zuletzt die Visionen von Gottes Gegenwart in der Schöpfung, vom Geheimnis Gottes und der Würde des Menschen. Gott ließ sie tief in sein Inneres schauen. Es wäre nicht erstaunlich, wenn sie sich daraus eine besondere Stellung abgeleitet hätte, die sie von alltäglichen Aufgaben befreit hätte. Das ist gerade nicht der Fall. Gott offenbart ihr seine Liebe in so vielfältiger und manchmal erschütternder Weise, und sie reagiert im Alltag mit Einfachheit, Nächstenliebe und Gastfreundschaft.

In diesem Zusammenhang musste ich mich an das sogenannte Hohelied der Liebe aus dem Korintherbrief des Apostels Paulus erinnern: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts. Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf.“ (1 Kor 13, 1-4)

Ich verweile beim Begriff der Einfachheit der Heiligen. Sie ist eine Meisterin der Erkenntnis und eine Meisterin der Sprache. Hildegard vermittelt begeisternd die Einsichten in die Tiefen Gottes. Und sie bleibt einfach im Miteinander, in der Begegnung mit anderen. Sie bildet sich nichts darauf ein, besonders begnadet zu sein. Diese Einfachheit und Bescheidenheit wünsche ich allen, die in der Nachfolge Christi stehen in den unterschiedlichen Berufungen und Stufen

Hätte ich die Liebe nicht, wäre alles andere nichts. Die Liebe sucht das Wohl des anderen, nicht die Selbsterhöhung. Die Liebe sucht nach einer Möglichkeit, dem anderen Menschen neue Erkenntnisse und Hilfen zu geben, sie dient nicht der Selbstdarstellung der eigenen Qualitäten. Die heilige Hildegard war wohl davon überzeugt, dass das Leben die beste Verkündigung ist, nicht das Wort allein. Wir sind das Evangelium, das die Menschen heute lesen, und Hildegard steht für die Einfachheit. Es geht nicht um geistliche Heldentaten, sondern um die Bewährung in den alltäglichen Aufgaben, ob wir diese in Liebe tun.

Der Theologe Karl Rahner schrieb einmal sinngemäß diese prophetischen und berühmt gewordenen Worte: Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein, oder er wird gar nicht mehr sein. Er wird jemand sein, der Gott erfahren hat, oder er wird aufhören, Christ zu sein.

Jemand muss Erfahrungen im Glauben machen, er muss erfahren, wie schön es sein kann, an Gott zu glauben, wie gut es ist, zu einer Glaubensgemeinschaft zu gehören, dann wird er sich für den Glauben interessieren, dann wird er Christ bleiben. Wenn das Christentum nur noch Institution ist, ein Sammelbecken großartiger Theorien, dann bleibt es nicht aus, dass Menschen der Kirche und dem Christentum den Rücken kehren, dass es nach und nach uninteressant wird.

Hildegard war nun wirklich eine Mystikerin, die vom Glauben aus tiefer Gotteserfahrung heraus sprechen konnte. Diese Art der Erfahrung ist ein Geschenk, sie kann nicht hergestellt werden. Vielleicht ist sie auch eine Last. So tief in Gottes Geheimnis eingeweiht zu werden wie Hildegard, ist wohl auch erschreckend. Hildegard fasziniert aber bis heute, weil sie aus Erfahrung spricht. Wir werden nicht zur heiligen Hildegard, aber wir werden den Glauben erst dann überzeugend verkünden, wenn wir im Sinne Karl Rahners Mystikerinnen und Mystiker sind, die nicht abstrakt, sondern begeistert und erfahrungsbezogen von Gott und seiner Liebe Zeugnis geben.

In der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung wurde uns gesagt, dass viele Menschen die Frage nach Gott heute nicht mehr stellen. In der Bischofskonferenz und in anderen Zusammenhängen haben wir uns gefragt, wie wir darauf reagieren können. Die beste Antwort ist: Wir müssen bezeugen, was uns Gott persönlich bedeutet, was mir persönlich fehlt, wenn Gott fehlt. Das müssen wir lernen. Es genügt nicht, Theorien zu kennen. Ich bin das lebendige Buch des Evangeliums.

Glaube hat einen Inhalt. Dafür steht Hildegard. Sie sieht, wie alles aus Gottes Liebe kommt: die Schöpfung, der Mensch, die Menschwerdung Gottes in Jesus, die Kirche mit den Sakramenten. Alles ist Zeugnis der Liebe Gottes. Hildegard weiß um das Böse, sie ist nicht naiv. Aber Ursprung der Wirklichkeit ist die Liebe Gottes. Die Schöpfung ist der Spiegel seiner Liebe. Auch hier passt der erste Korintherbrief: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, / dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, / dann aber werde ich durch und durch erkennen, / so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13,12f.)

Die Schöpfung ist ein Spiegel der Wirklichkeit. Im Menschen ist die gesamte Schöpfung enthalten. Es gäbe so viel dazu zu sagen. Aber welche Bedeutung hat die Schöpfung als Zeichen der großen Liebe Gottes, und wie gehen wir mit ihr um? Umweltschutz ist ein zutiefst christliches Anliegen. Vor zwölf Jahren hat Papst Franziskus die Enzyklika „Laudato si“ veröffentlicht, die heute neue Bedeutung bekommt. Demnach ist der Mensch mit anderen Geschöpfen Bewohner eines Hauses. Hildegard ist radikaler: Die Schöpfung ist im Menschen. Und das in jedem einzelnen. Das macht seine Würde aus. Hildegard steht für einen großen Zusammenhang: Wer der Schöpfung schadet, schadet der Würde des Menschen, auch seiner eigenen. Wer die Würde eines anderen Menschen mit Füßen tritt, schadet der Schöpfung, und er schadet sich selbst.

Hildegard hat eine innige Beziehung zur Kirche. Immer wieder wird heute unterschieden zwischen der Amtskirche und der geistlichen, sakramentalen Kirche. Analog dazu polemisiert eine Partei gegen die sogenannte Kirchensteuerkirche und proklamiert den Anspruch, selbst zu definieren, was christlich ist. Hildegard kann dem Klerus gehörig die Leviten lesen, und dennoch hätte sie diese Unterscheidung nicht mitgemacht. Die Kirche mit den Sakramenten und den fehlbaren Gliedern ist das Sakrament, das die Einheit zwischen Gott und Mensch, Mensch und Schöpfung herstellt und in der Liturgie feiert. Kirchenkritik ist Ausdruck der Liebe zur Kirche und der Sorge um ihre Glaubwürdigkeit.

Hildegard sieht den Menschen als Pilger auf einem Weg zu einem großen Ziel. Dieses Ziel gerät manchmal aus dem Blick. Am Ende werden wir nicht mehr Bilder sehen, sondern durch und durch erkennen. Hildegard hatte in ihren Visionen einen Vorgeschmack, und dennoch blieb es beim Vorläufigen. Am Ende wird die große Liebe bleiben. Im Himmel brauchen wir nicht mehr Glauben und Hoffnung, denn wir werden vom Glauben zum Schauen kommen. Hildegard macht uns Geschmack, auf diesem Weg zu bleiben. Diese große Hoffnung macht mir Mut. Und ich wünsche allen, dass Hildegard eine gute Wegbegleiterin ist, an jedem Tag auf Gott zu vertrauen: auf seine Liebe und Nähe, auf seine schöpferische Kraft. Und das in Einfachheit, Nächstenliebe und Gastfreundschaft.