Predigt von Bischof Peter Kohlgraf Abschied der Schwestern in Engelthal Benediktinerinnenabtei Kloster Engelthal, Altenstadt, Sonntag, 23. August 2026, 11.00 Uhr:Engelthal wird auch weiterhin Menschen verbinden

Heute ist ein großer Einschnitt hier in Engelthal, aber auch in der Geschichte unseres Bistums. Seit 758 Jahren steht das Kloster, es hat viele Wirren überstanden. Seit 1962 leben hier Schwestern ursprünglich aus Herstelle ihr benediktinisches Leben. Das Kloster hat sich zu einem geistlichen Zentrum bei uns in der Wetterau entwickelt, zahlreiche Menschen haben hier Heimat gefunden – bis heute. Voll Hochachtung stehe ich hier vor dem Glaubenszeugnis und der Arbeit der Schwestern in diesen Jahrzehnten.
Seit neun Jahren bin ich jetzt Bischof von Mainz und regelmäßig war ich hier, besonders mit dem Priesterrat. Es war immer eine besondere Atmosphäre des Gebets, der Gastfreundschaft und der Sympathie. Ich habe hier Gottesdienste gefeiert, Gespräche geführt und Freundschaft erlebt, für die ich sehr dankbar bin. Die einzelnen Schwestern prägen mit ihrem Charisma die Gemeinschaft und sie wirken, weit über diesen Ort hinaus. Viele Menschen sind den Schwestern verbunden, und viele von ihnen sind heute zugegen. Es geht etwas verloren.
Vor einigen Monaten baten mich die drei Ratsschwestern zu einem Gespräch. Sie gaben mir die Entscheidung kund, aus nachvollziehbaren Gründen Engelthal zu verlassen, und ich ahne, wie schwer eine solche Entscheidung gewesen ist und noch immer sein wird. Sicher war dies ein Ergebnis langen Ringens. Ich bewundere Mutter Elisabeth und ihre Mitschwestern, dass sie sich diesen Gesprächen gestellt haben. Verschiedene Themen und Worte gehen mir durch den Kopf.
- Trauer
Es geht etwas verloren – für viele von Ihnen und auch für mich. Für die Schwestern selbst vielleicht noch viel mehr. Hier war Heimat. Heimat ist mehr als ein Ort, es sind Menschen, es sind Begegnungen, es sind Erinnerungen. Zur Heimat gehört das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. In Engelthal sind die Mitschwestern begraben, sie bleiben hier. Die veränderte Situation der Klöster in unserem Land sagt etwas über die Situation von Glaube und Kirche insgesamt.
Heimat war die Kirche, in der die Schwestern das Gotteslob feierten in Treue und Regelmäßigkeit. Heimat waren die Gäste, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Landschaft. Heimat kann den Herkunftsort oder die Region bezeichnen, aus der jemand stammt, das Vertraute, das Liebgewordene, einen Sehnsuchtsort der Ruhe, einen überschaubaren Ort, der Sicherheit gibt. Heimat wird mit liebgewordenen Menschen verbunden, mit Traditionen, die Sicherheit vermitteln, und die nicht jeden Tag neu zur Diskussion stehen.
Heimat war auch immer Thema der theologischen Überlegung. So formuliert Alfred Delp: „Heimat ist eine menschliche Zuständigkeit, die sich ergibt in einer dauerhaften Begegnung und Verbindung mit Menschen, Landschaft, Dingen, Gebräuchen.“ Delp hält die eigentliche Frage nach Beheimatung für eine metaphysische Frage, die Frage nach einer grundlegenden Ordnung und Verfassung des Menschen.[1] Der Mensch braucht offenkundig Orte, Zeiten und Beziehungen, die ihn nicht permanent in Frage stellen. Er lebt von Erfahrungen, die ihm Ruhe vermitteln und ihm helfen, zu sich selbst zu finden. Das lassen die Schwestern zurück, und wir müssen die Schwestern auch gehen lassen. Dieser Ort wird nicht mehr der sein, der er über Jahrzehnte gewesen ist. Das macht Menschen traurig – mich auch.
- Mut und Realismus
Es beeindruckt mich, dass die Schwestern die Initiative ergriffen haben und mit mir, mit uns nach guten Lösungen gesucht haben. Manchmal wird die Wirklichkeit verdrängt, und am Ende kann man nicht mehr gestalten. Die Schwestern haben die Wirklichkeit angenommen. Die Situation der Kranken, die Zahl der Schwestern im Konvent und die Frage, wie man an einem solchen Ort mit den eigenen Kapazitäten leben kann, haben die Schwestern zu ihrer Entscheidung bewogen. Das Gleichgewicht von Gebet und Arbeit war nicht mehr zu halten. Das anzunehmen, ist ein mutiger Schritt. Als Bistum Mainz sind wir insgesamt in starken Veränderungsprozessen, das gilt für die ganze Kirche in Deutschland. Anders als die Schwestern verdrängen manchmal Gläubige in anderen Situationen und an anderen Orten die Wirklichkeit und bringen den Mut zu neuen Wegen nicht auf. Auch als Bischof würde ich gerne festhalten, was nicht festzuhalten ist. So bin ich den Schwestern dankbar für den Mut zum Realismus.
- Aufbruch und Vision
Die Schwestern gehen nicht, um das Klosterleben abzuwickeln. Das ist mir in den Gesprächen sehr deutlich geworden. Sie wollen an einem neuen Ort leben, beten und arbeiten. Gerne waren und sind wir seitens des Bistums zur Unterstützung und Begleitung bereit. Wir wünschen ihnen, dass sie am Rochusberg neue Heimat finden.
Durch ihren Aufbruch zeigen sie, dass Heimat noch eine andere Dimension als menschliche Orte oder Beziehungen hat. Abraham verlässt mit Sarai seine Heimat, aber er findet eine andere, nämlich die Treue Gottes, die beide trägt. Im Neuen Testament wird es deutlich benannt. Heimat ist das himmlische, das neue Jerusalem. Insbesondere der Hebräerbrief beschreibt die himmlische Stadt als Sehnsuchtsort, der den glaubenden Menschen dazu ermutigt, sich von vertrauten Sicherheiten zu lösen und aufzubrechen:
„Im Glauben sind diese alle gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt, sondern sie nur von fern geschaut und gegrüßt und sie haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind. Und die, die solches sagen, geben zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen. Hätten sie dabei an die Heimat gedacht, aus der sie weggezogen waren, so wäre ihnen Zeit geblieben zurückzukehren; nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, er schämt sich nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.“ (Hebr 11,13-16)
Christinnen und Christen verfügen über „einen sicheren und festen Anker der Seele, der hineinreicht in das Innere hinter dem Vorhang“ (Hebr 6,19), also dorthin, wo Christus als Hoherpriester bereits hineingegangen ist. In dieser Hoffnung und Perspektive finden sie auch hier im Irdischen Heimat und Orientierung. Konkret zeigt sich diese Beheimatung im Lebenswandel und in einer durchaus kritischen Betrachtung staatlicher und weltlicher Werteordnungen.
Sehr prägnant fasst der sog. Diognetbrief aus dem 2. Jahrhundert diese lange nachwirkende christliche Glaubenserfahrung und Haltung zusammen: „Die Christen nämlich sind weder durch Heimat noch durch Sprache noch durch Sitten von den übrigen Menschen unterschieden. Denn sie bewohnen weder irgendwo eigene Städte noch verwenden sie eine abweichende Sprache noch führen sie ein absonderliches Leben. Wahrlich nicht durch irgendeine Einbildung oder Träumerei vorwitziger Menschen ist ihnen diese Lehre ersonnen worden, auch machen sie sich nicht zum Kämpfer einer menschlichen Lehre wie manche andere. Und sie bewohnen griechische und nichtgriechische Städte, wie es ein jeder zugeteilt erhalten hat; dabei folgen sie den einheimischen Bräuchen in Kleidung, Nahrung und der übrigen Lebensweise, befolgen aber dabei die außerordentlichen und paradoxen Gesetze ihres eigenen Staatswesens. Sie bewohnen ihr jeweiliges Vaterland, aber nur wie fremde Ansässige; sie erfüllen alle Aufgaben eines Bürgers und erdulden alle Lasten wie Fremde; jede Fremde ist für sie Vaterland und jede Heimat ist für sie Fremde. Sie heiraten wie alle und zeugen Kinder, jedoch setzen sie die Neugeborenen nicht aus. Sie haben gemeinsamen Tisch, kein gemeinsames Lager. Sie sind im Fleische, aber sie leben nicht nach dem Fleisch. Auf Erden halten sie sich auf, aber im Himmel sind sie Bürger. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten durch ihre eigene Lebensweise die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Sie werden verkannt und verurteilt, sie werden getötet und dadurch gewinnen sie das Leben. Arm sind sie und machen doch viele reich“.
Besonders in der monastischen Spiritualität bleibt der Blick auf diesen Aspekt von Heimat offen. Die Schwestern erinnern uns mit ihrem Glauben an die eigentliche Heimat, die alles Irdische übersteigt.
- Es geht weiter
In Engelthal wird an einer guten Zukunft gearbeitet. Ich bin sehr dankbar für alles Engagement, den Freundinnen und Freunden des Klosters, aber besonders auch den politisch Verantwortlichen, und allen, die nach guten Lösungen suchen. Engelthal, da bin ich sicher, wird auch weiterhin Menschen verbinden, es wird ein strahlkräftiger Ort bleiben. Wir begleiten die Schwestern im Gebet, und die Schwestern werden Engelthal im Herzen behalten. Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott führt, heißt es in einem Lied. Wir danken den Schwestern für ihr Glaubenszeugnis, und wir wollen gemeinsam immer mehr in dieses Vertrauen hineinwachsen.
[1] Zitiert nach Otto Kimmich, Art. Heimat, in: LthK³ 4 (2009) 1364f.