Predigt im Pontifikalamt zu Fronleichnam am 4. Juni 2026, Hoher Dom zu Mainz:Gott steigt nieder in unsere Welt

Papst Leo XIV. hat seine erste Enzyklika „Magnifica Humanitas“ – zu Deutsch: „Über die großartige Menschheit“ oder „Über die großartige Menschlichkeit“ – betitelt. Sein besonderes Interesse gilt der Künstlichen Intelligenz, die für ihn auf verschiedene Art und Weise ein biblisch-christliches Verständnis von der Größe des Menschen und den Chancen der Menschlichkeit infrage stellt. Aber auch andere Themen der aktuellen Weltsituation lässt die Frage nach der Menschlichkeit und der Aufgabe der Menschheit stellen. Es ist ein starkes Bekenntnis: Menschen sind großartig und ihre Möglichkeiten zur wahren Menschlichkeit sind großartig. Und hier darf ich die Frage stellen, welchen Beitrag die Kirche leisten kann. Denn heute am Fronleichnamstag gehen wir als katholische Christinnen und Christen bewusst in die Öffentlichkeit, wir bekennen „Farbe“, wir bekennen den Wert des Glaubens und einer glaubenden Gemeinschaft, wir verstecken uns nicht. Wir bekennen uns zu unserem Auftrag, eine menschliche Gesellschaft zu gestalten. Wir bekennen uns zu einem wahren Frieden und einer menschlichen Gemeinschaft, die wir mitgestalten wollen und immer auch mitgestalten werden. Von niemandem dürfen wir uns das offene Wort und das offene Bekenntnis zu Themen dieser Zeit verbieten lassen.
Heute findet keine politische Demonstration statt. Wir tragen den einen Herrn in die Öffentlichkeit, Christus, der in der Gestalt des Brotes unter uns gegenwärtig bleibt. Zu ihm und seinem Evangelium bekennen wir uns. Letztlich garantiert er allein wahre Menschlichkeit. Jede Form der Politik und des gesellschaftlichen Machtgebrauchs, die sich religiös oder quasireligiös begründen, muss sich relativieren lassen. Als Mensch ist niemand unfehlbar. Christen und Christinnen bekennen sich zu ihrem Auftrag in der Welt, Zeugnis zu geben in Tat und Wort.
Papst Leo stellt in seinem Text zwei Möglichkeiten vor, wie Menschen ihren Platz in dieser Welt gestalten können. Die eine wird im Text vom Turmbau zu Babel beschrieben (vgl. Gen 11). Die Menschen wollen einen großen Turm bauen, dessen Spitze in den Himmel ragt. Macht und Stabilität soll dieser Turm sichern, und am Ende wollen sich die Menschen einen Namen machen. Dazu gehören: die eine Sprache, eine Technik, eine Richtung. Dort soll eine Welt gestaltet werden, ohne Gott, in einer Einheitlichkeit der Menschen, die alle Vielfalt ausschießt. An die Stelle der Gemeinschaft tritt Einheitlichkeit. Stolz und Egoismus beenden die Kommunikation zwischen den Menschen. Als der Turm zusammenstürzt, bleibt ein Chaos, denn die Menschen haben nicht gelernt, in der Vielfalt Gemeinschaft zu gestalten. Es ging nicht mehr um Gemeinschaft, sondern um Zerstreuung und am Ende um Feindschaft zwischen den Menschen. Der einzelne Mensch spielte in dieser Geschichte von Anfang an keine Rolle. Der Turmbau zu Babel steht für eine Diktatur menschlichen und politischen Größenwahns. Menschen werden gleichgeschaltet, sie werden einem Projekt geopfert. Es ist keine Geschichte, die 3000 Jahre alt ist. Es ist eine Geschichte von heute, vom Menschen, der Menschlichkeit zerstört. Diese Geschichte erzählt nicht nur von den großen Diktaturen unserer Zeit, sondern auch von den Anfängen, Gemeinschaft als Uniformität und unterschiedslose Einheitlichkeit zu verstehen.
Papst Leo stellt dieser Menschheitserfahrung eine andere Geschichte aus dem Buch Nehemia (2-6) gegenüber:
„Nach dem babylonischen Exil ist ein Teil des Volkes nach Jerusalem zurückgekehrt, doch die Stadt liegt noch immer in Trümmern, die Mauern sind eingestürzt und die Tore niedergebrannt. Nehemia, ein Jude im Dienst des persischen Königs Artaxerxes, erhält Nachricht vom katastrophalen Zustand seiner Heimatstadt. Bevor er handelt, fastet er und betet für das Volk. Dann bittet er den König um die Erlaubnis, nach Jerusalem zurückzukehren. Nach seiner Ankunft begutachtet er die zerstörten Bereiche still. Er schreibt keine Lösungen von oben vor. Er versammelt die Familien, weist jeder einen Mauerabschnitt zum Wiederaufbau zu, hört sich ihre Ängste an, koordiniert ihre Bemühungen und stellt sich Widerständen entgegen. Die Erzählung zeigt, wie die Stadt nicht durch die Initiative eines Einzelnen wiedergeboren wird, sondern durch die gemeinsame Verantwortung des ganzen Volkes: Priester, Handwerker, Familienoberhäupter, Frauen und junge Menschen. Es ist ein Werk, bei dem Gott im Mittelpunkt steht und das Beziehungen wiederherstellt, noch bevor die Steine wiederaufgeschichtet werden. Das alte Jerusalem findet so wieder zu einer gemeinsamen Sprache, aber nicht zur Sprache der Gleichförmigkeit, sondern zu jener der Gemeinschaft: der Harmonie, die entsteht, wenn jeder seinen Teil beiträgt und das ganze Volk erkennt, dass seine Kraft vom Herrn kommt.“ (MH 8).
Die verschiedenen Gaben der Menschen bilden die Grundlage für den Neuanfang – und der Glaube an den einen Gott, der die Kraft der Menschen ist und sie verbindet. Jeder und jede ist in der ihnen eigenen Art unverzichtbar für die Gestaltung der Gemeinschaft. Vielfalt ist ein Reichtum und die Zukunft eines Volkes, wenn es Gott nicht vergisst. Wir gehen heute mit Christus auf die Straßen, als eine Gemeinschaft der Vielfalt, die in ihm verbunden ist. Das ist ein starkes Zeichen und Bekenntnis in eine Gesellschaft, die oft aggressiv gespalten ist, in der Vielfalt als Bedrohung erlebt wird, in der viele Menschen vereinzelt und einsam sind, in der viele ihre Kraft nicht mehr aus Gott holen, sondern nur auf sich vertrauen. Tragfähig kann das nicht sein. Der Altar, auf dem die Eucharistie gefeiert wird, ist das Gegenbild zum Turm von Babel. Nicht der Mensch baut seinen Turm, um göttlich zu werden, sondern Gott steigt nieder in unsere Welt. Er verbindet Menschen zu einer vielfältigen Gemeinschaft und macht sie zu einem Leib. Wie der Tempel in Jerusalem erinnern unsere Kirchen an die Gegenwart Gottes. Dabei sind es weniger die Steine und Gebäude als vielmehr die Gegenwart Christi im Sakrament der Eucharistie und die Gemeinde als Bau aus lebendigen Steinen, die von dieser Nahrung lebt. So bekennen wir uns heute zur großartigen Menschheit und Menschlichkeit sowie zu Christus, der unsere Nahrung und Quelle ist. Wir haben keinen Grund, uns zu verstecken.