Predigt zur gemeinsamen Sendungsfeier der Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und -referenten am 27. Juni 2026 im Hohen Dom zu Mainz:Je mehr Glaube und Kirche dazu beitragen, Freiheit und Liebe zu verwirklichen, desto besser.

Ihr Motto ist hochaktuell. Im Jahr 2013 veröffentlichte der Philosoph Kurt Flasch ein Buch mit dem Titel: „Warum ich kein Christ bin“. Ein langes Kapitel rechnet mit dem christlichen Wahrheitsanspruch ab. Von Augustinus bis in unsere Tage, so Flasch, bediene sich die Kirche politischer Macht und gesellschaftlichen Einflusses, um der von ihr vertretenen Wahrheit zum Erfolg zu verhelfen. Neben den politischen Einfluss, der zunehmend als Beweis für die Kraft Christi gedeutet werde, trete, modern ausgedrückt, die „Pastoralmacht“: Die Kirche beanspruche die Autorität zu bestimmen, wie Menschen der Wahrheit gemäß zu leben hätten, bis in die persönlichsten Angelegenheiten hinein.
Wo sich die Kirche so definiert, ist Gewalt nur einen Schritt entfernt. Politische, moralische und religiöse Macht gehen jahrhundertelang Hand in Hand. Die Folge ist bereits im 4. Jahrhundert die Zerstörung von Kultstätten Andersgläubiger. Unser Mainzer Erzbischof Bonifatius haut später die Donareiche um, ein Zeichen des Sieges über das Heidentum und die falschen Götter. Ein solcher Anspruch und eine solche Praxis sind weder bescheiden noch freiheitsfreundlich. Die konsequente Schlussfolgerung daraus lautet: je kirchlicher, desto unfreier. Je katholischer, desto totalitärer ist der Anspruch.
Natürlich gab es auch andere Kirchenmodelle in der langen Geschichte der Kirche. Besonders Jesuitenmissionare versuchten die Donareiche nicht umzuhauen, sondern die religiösen Sehnsüchte zu verstehen und christlich zu wenden.
Dennoch lassen sich auch heute in der katholischen Kirche Strömungen beobachten, die das Freiheitsstreben vieler Menschen weiterhin misstrauisch betrachten. Schaut man etwa in kirchenamtliche Texte, finden sich dort mitunter keine vertieften positiven Würdigungen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Pluralität und der Freiheitssehnsucht der Menschen.
Selbst wenn man eine vorschnelle Verbindung des besagten Kirchenmodells mit der Macht- und Gewaltthematik kritisch sieht, funktioniert das klassische Modell nicht: Menschen richten ihr Leben nicht nach einer noch so guten Theorie oder religiösen Lehre aus, zumindest nicht die Mehrheit. Es reicht hier nicht die Zeit, um dem das Kirchenverständnis des II. Vatikanums entgegenzusetzen. Einige Stichworte seien jedoch erlaubt: Gaudium et Spes (GS) als Pastoralkonstitution beschreibt eine Kirche in der Welt, die bei den Fragen und Themen der Menschen ansetzt. Dabei erkennt die Kirche die Suche der Menschen nach Sinn, Freiheit und Wahrheit als gut und wertvoll an. Die Kirche erkennt an, dass sie selbst vieles der heutigen Welt verdankt (GS 44). Der Geist Gottes äußert sich in den unterschiedlichen Sprachen und Kulturen. Die Wahrheit ist nicht einfach aufzuteilen auf Kirche und Welt, sondern gerade im Dialog wird sie erkannt. Wahrheit kommt nicht als Belehrung daher. So hat die Kirche etwa von der freien Welt gelernt, dass Freiheit dem Evangelium entspricht. Und damit auch Pluralität und Individualität. Wenn die Freiheit zur Schöpfungsordnung gehört, muss sie als Ausdruck der Menschenwürde gefördert werden. Auch im Sinne der Kirche falsche Entscheidungen sind Ausdruck dieser Würde.
Natürlich hat die Freiheit ein Ziel und einen Inhalt: Die Suche nach dem Guten, worin sich für den Glaubenden auch die Suche nach Gott selbst zeigt. Das ist pastoral höchst relevant. Kirchliche Verkündigung dient dieser wahren Suche nach Freiheit, nach dem Guten, und sie lebt in der bescheidenen Gelassenheit, dass sich Gott dem Menschen auch außerhalb klar definierter kirchlicher Grenzen zeigen kann. Auch die Kirche hat die Wahrheit nicht im Sinne einer unveränderlichen Verfügungsmasse. Kirche ist „Zeichen und Werkzeug“ (Lumen Gentium 1), nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie verfolgt kein Eigeninteresse in ihrer Pastoral, sondern dient der Verwirklichung der Freiheit zum Guten.
In seinem Buch entwirft Tomáš Halík eine in diesem Sinne wirklich fundierte Pastoraltheologie der Freiheit. Wie schon in mehreren seiner Werke geht es auch in „Gott los werden. Wie Glaube und Unglaube sich umarmen“ um eine Positionsbestimmung des glaubenden Menschen in einer oft Gott entfremdeten Umwelt. Halíks Zugang besteht nicht in Belehrung oder Abgrenzung, sondern im Bewusstsein einer Weggemeinschaft mit den Menschen, die suchen, aber Gott nicht finden. Glaube ist ein Weg, den der Glaubende mit allen Höhen und Tiefen gehen muss. Der Glaubende bleibt ein Sucher, angefochten vom Dunkel der Gottferne, so wie der sogenannte Atheist, wenn er nicht vorschnell abschließt, sich nicht zu schnell mit vordergründigen Antworten zufriedengibt.
Halík wehrt sich gegen jede Religion des Habens: „Es existiert eine Religion, die danach strebt, den Glauben, religiöse Sicherheiten und sogar Gott zu besitzen, den Glauben zu haben. Eine andere Religion versucht, im Glauben zu sein.“ Dieses Sein im Glauben schließt aber das Suchen, den Zweifel, das Ringen ein, das gegenüber dem Nichtglaubenden sehr bescheiden macht. Glaube will frei machen, in dem Sinne, dass jemand seine Verantwortung entdeckt und lebt. Diese Verantwortung wird in der Welt aber auch oft genug von denen gelebt, die auf der Suche nach Gott sind, und den Glauben noch nicht gefunden haben. Dennoch sind sie nahe beim Evangelium. Solche Weggemeinschaft zu leben, nennt Halík den Altar, auf dem wir Gott begegnen. Zu diesem Selbstverständnis eines Glaubenden gehört die Bescheidenheit des Bewusstseins, dass die Kirche nicht das Reich des Lichts, und die Welt nicht das Reich des Dunkels ist, sondern dass in der unübersichtlicher werdenden Welt Glaubende und Nichtglaubende auf einem gemeinsamen Weg sind, das zu suchen, was ihr Leben wirklich freier und liebevoller macht. Suchende sind Glaubende und Nichtglaubende in vielen Bereichen einer Welt, die komplexer ist, als es eine Schwarz-Weiß-Einteilung zulässt. Je mehr Glaube und Kirche dazu beitragen, Freiheit und Liebe zu verwirklichen, desto besser.
Sie, liebe Sendungskandidatinnen und -kandidaten, lassen sich in diese Welt senden, die Papst Leo XIV. eine großartige Menschheit nennt. Sie ist gerade aufgrund ihrer vielfältigen Gaben und Möglichkeiten großartig. In den Gemeinden und Kirchorten unseres Bistums werden Sie solche großartigen Menschen finden. Oft haben sie einen starken eigenen Willen, manchmal auch ein starkes Selbstbewusstsein. Sie suchen Orientierung, aber nicht Bevormundung. Sie suchen gemeinsame Werte, aber nicht einen König oder eine Königin, die ihnen sagen, was zu tun ist. Es gilt, ihnen Orientierung zu geben, besonders durch ein glaubwürdiges Vorbild, durch offene Ohren, einen klugen Verstand, die Gabe der Unterscheidung und die Bereitschaft, von ihnen zu lernen.
Je katholischer, desto unfreier – es ist eine pastorale Aufgabe, dieses Vorurteil zu widerlegen. Freiheit heißt dann nicht, den eigenen Kopf durchzusetzen, sondern einen gemeinsamen Weg in die Zukunft zu suchen, im Hören und Verstehen wollen der Glaubenswege vieler. Es geht nicht darum, die Donareiche umzuhauen, auch wenn falsche Götter benannt werden müssen. Es geht darum, die Sehnsüchte zu verstehen, die sich in den Menschen zeigen. Und dann ins Gespräch zu kommen. „Wo der Geist ist, da ist Freiheit.“
Ich wünsche Ihnen, dass Sie in Ihrem Dienst erfahren, wie großartig die Menschen sind, die Gott Ihnen anvertraut hat, und wie großartig dieser Gott ist, der Sie berufen hat, und Sie heute sendet.