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Einmal im Monat schreibt Bischof Kohlgraf die Kolumne „Perspektiven“ für das Magazin „Glaube und Leben“.:Perspektiven| Eine neue Wirklichkeit

Bischof Peter Kohlgraf
Die Evangelien erklären eigentlich nichts. Sie betonen nur ausdrücklich, dass Jesus real lebt, aber nicht fassbar ist. Erst durch diesen Glauben beginnt das leere Grab zu sprechen. Jesu Auferstehung bedeutet nicht einfach eine Rückkehr ins irdische Leben
Datum:
Fr. 24. Apr. 2026
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

„Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben vom Wort des Lebens – das Leben ist erschienen und wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist.“ So beginnt der erste Johannesbrief. Die Glaubwürdigkeit der ersten Zeuginnen und Zeugen ist bis heute die Grundlage christlichen Glaubens. Bereits in der frühen Kirche wurde wahrgenommen, wie widersprüchlich die Evangelien zum Teil von den Erfahrungen mit dem Auferstandenen sprechen.

Zwischen der Auferstehung und den ersten schriftlichen Berichten liegen Jahrzehnte. Bedenkt man, wie unterschiedlich auch in einfacheren Zusammenhängen Zeugen von demselben Ereignis berichten, verwundert es nicht, dass die Osterberichte von ganz persönlichen Zugängen und Deutungen gefärbt sind. Maria Magdalena wird anders erzählt haben als Petrus und Johannes oder die Emmausjünger.

Das Problem des leeren Grabes beschäftigt Bibelleserinnen und -leser bis heute. Erstaunlicherweise erzählen die Evangelien vom leeren Grab nicht als Beweis für die Auferstehung. Maria sieht das leere Grab und beginnt, nach dem Leichnam Jesu zu suchen. Einige Jünger nehmen das leere Grab zur Kenntnis, halten den Rest aber für Geschwätz. Das Matthäusevangelium erzählt vom Gerücht in Jerusalem, die Jünger Jesu hätten den Leichnam verschwinden lassen, um ihren Osterglauben zu stützen. Selbst die Zweifler und Gegner erkennen das Faktum des leeren Grabes.

Die Evangelien erklären eigentlich nichts. Sie betonen nur ausdrücklich, dass Jesus real lebt, aber nicht fassbar ist. Erst durch diesen Glauben beginnt das leere Grab zu sprechen. Jesu Auferstehung bedeutet nicht einfach eine Rückkehr ins irdische Leben. Erstaunlich ist bei vielen Osterberichten, dass Jesus da ist, aber nicht erkannt wird. Jesus begegnet den Jüngern und den Frauen, aber sie erkennen ihn nicht. Er ist konkret da, er isst und trinkt mit ihnen, aber sie können ihn nicht festhalten. Thomas berührt seine Wunden, aber auch dann ist Jesus ganz eigentümlich plötzlich wieder weg.

Merkwürdige Gegensätze finden sich in diesen Geschichten. Der Auferstandene ist der Gekreuzigte, der Jesus, der mit ihnen gegangen ist. Aber zugleich gehört er einer ganz anderen und neuen Wirklichkeit an. Wo menschliche Sprache versagen muss, erzählen die Jünger ihre Geschichten und Erfahrungen, indem sie diese Gegensätze aushalten und betonen. Den ersten Zeuginnen und Zeugen ist es wichtig, dass nicht ihr Wunsch die Auferstehung beeinflusst hat, sondern ganz auf Gott und seine Macht zurückgeht. Glaube entsteht in der Begegnung mit dem Auferstandenen. Die Glaubwürdigkeit der ersten Zeuginnen und Zeugen kann uns bis heute überzeugen und im Glauben tragen.

 

// + Peter Kohlgraf