Liebe und Hingabe folgen anderen Prinzipien:Predigt in der Feier vom Leiden und Sterben Christi („Karfreitagsliturgie“) Dom zu Mainz, Karfreitag, 03. April 2026, 15.00 Uhr

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn jemand sein Leben gibt für seine Freunde.“ (1 Joh 3,16). Dass Menschen ihr Leben geben für jemand anderen, hat mich immer wieder fasziniert. Einen größeren Beweis innerer Freiheit scheint es für mich nicht zu geben. Ich denke an Pater Maximilian Kolbe, der sich beim Morgenappell im KZ Auschwitz freiwillig dafür meldete, anstelle eines Familienvaters in den Hungerbunker zu gehen und dort einen qualvollen Tod zu sterben. Welche Reaktionen sein Angebot bei den Mördern ausgelöst hat, ist nicht überliefert. Vielleicht haben sie gespürt, dass sein Akt der Hingabe der größte Beweis für eine innere Freiheit war, die weder Tod noch Teufel fürchtet und den Henkersknechten ihre vermeintliche Macht nimmt. Vor gut zwei Jahren war ich mit einer Gruppe in Auschwitz und habe den Raum gesehen, in dem P. Kolbe mit neun anderen den Tod fand. Ein Ort des grausamen Todes hat sich in einen Ort der Freiheit, der Liebe und des Lebens verwandelt. Das nimmt dem Tod zwar nicht seine Grausamkeit, doch die Haltung der Liebe und Hingabe kann Hoffnungslosigkeit überwinden.
In Auschwitz-Birkenau gedachten wir der heiligen Edith Stein, die dort mit ihrer Schwester Rosa und Hunderttausenden anderen den Tod in den Gaskammern gefunden hat. Es wird überliefert, dass sie kurz vor ihrem Tod gesagt habe, sie gehe „für unser Volk“ in den Tod, d. h. für das jüdische Volk, dem sie sich auch nach ihrer Konversion zum Katholizismus zugehörig fühlte. Sie nimmt den Mördern ihre Hoheit und ihre Macht, sie selbst gibt dem Tod einen Sinn, den Sinn der Hingabe für andere. Auch andere Blutzeugen haben derart gehandelt, es gibt tatsächlich viele Belege für eine derartige Haltung. Zum christlichen Selbstverständnis gehörte es jedoch immer, davor zu warnen, ein solches Zeugnis anzustreben. Dazu sind Mut, unerschütterliches Gottvertrauen und starke Liebe erforderlich. Niemand kann sicher sein, diesen Mut und dieses Vertrauen aufzubringen. Im Angesicht des Todes nicht zu verzweifeln, sondern dem Mörder zu sagen: „Du hast nicht die letzte Macht“, ist etwas ganz Großes.
In einem Buch von Klaus Mertes fand ich ein anderes Beispiel dafür, wozu Liebe fähig ist.[1] Dort erinnert der Autor an Nazario Gomez Valverde, einen spanischen Familienvater. Anfang der 2000er Jahre hatte seine Familie die Tochter an das Drogenmilieu in Almería verloren. Sie war für ihn nicht mehr auffindbar. Er wählte einen außergewöhnlichen Weg, um sie zu finden. Er tauchte selbst in das Drogenmilieu ein. Trotz seiner Willensstärke wurde er abhängig und obdachlos. Er ging an die Grenzen seines eigenen Lebens. So fand er nach vielen Monaten seine Tochter, die erschüttert war, als sie den elenden Vater erblickte. Beide schafften es, aus der Drogenszene auszusteigen. Am Ende konnten sie als Zeugen in den Prozessen gegen die Verbrecher auftreten, die andere abhängig gemacht hatten. Die Liebe des Vaters erschütterte die Tochter so sehr, dass sie einen neuen Anfang machen konnte. Der Vater gab auf seine Weise sein Leben für die Tochter. Dass es ein Happy End gab, war nicht vorprogrammiert. Aber eine derartige Liebe und Hingabe folgt anderen Prinzipien.
Es sind radikale Beispiele, die jedoch auch zeigen, wozu Menschen im Positiven fähig sind. Jesus Christus ist für uns heute derjenige, dessen Liebe, dessen Gottvertrauen und dessen innere Freiheit uns von der Angst vor dem Tod und dem Bösen erlöst haben. Er hat sich für uns Menschen hingegeben. Als Erlöste sind wir selbst fähig, Akte der Liebe, der Hingabe und der Freiheit zu setzen, auch wenn diese nicht so radikal sein werden wie die genannten Beispiele.
Zunächst muss ich jedoch akzeptieren, dass ich auf Erlösung angewiesen bin, da ich von der Hingabe Jesu lebe. Und immer wieder bin ich auch auf die Zuwendung und Unterstützung anderer Menschen angewiesen. In dieser Welt nur auf die eigene Stärke zu bauen, wird irgendwann an eine unüberwindbare Grenze führen. Die Hingabe für andere und die Liebe zu ihnen sind der einzige Weg zur Freiheit, der einzige Weg vom Tod zum Leben. Erlösung bedeutet, Hass und Tod durch Liebe überwinden zu können. In Auschwitz gingen wir mit der Gruppe einen langen Kreuzweg. Es ist ein Friedhof mit über 1,5 Millionen Toten. Noch heute gibt die Erde sterbliche Überreste frei. An diesem Ort herrschte unbeschreibliche Hoffnungslosigkeit. Zu diesem Kreuzweg gehörten aber auch die Texte aus dem Lageralltag. Immer wieder gab es hier Menschen, die ihr karges Brot mit anderen teilten. Wo Hass nicht mit Gewalt und Egoismus beantwortet wird, keimen Leben und Freiheit auf.
[1] Klaus Mertes, Wie aus Hülsen Worte werden. Glaube neu buchstabiert, Ostfildern 2018, 63-65.