Mit Stärken und Schwächen zur Ehre Gottes dienen :Predigt zur Diakonenweihe Dom zu Mainz, 18. April 2026, 09.30 Uhr

„Ich will den Namen des HERRN verkünden. Preist die Größe unseres Gottes.“ (Dtn 32,2).
Liebe Weihekandidaten, diesen Aufruf aus dem Buch Deuteronomium haben Sie sich als Leitmotiv für diesen Gottesdienst und Ihren Dienst als Diakone gegeben. Tatsächlich sind Sie dazu berufen, die Gegenwart Gottes in dieser Welt zu bezeugen und gleichsam zu einem lebendigen Lobpreis zu werden – ihn nicht nur mit den Lippen, sondern mit Ihrem ganzen Leben zu loben und zu preisen.
Sie bringen unterschiedliche Lebenswege sowie vielfältige Lebens- und Glaubenserfahrungen in diesen Dienst ein. Das Schöne am Seelsorgeberuf scheint mir zu sein, dass es keine menschliche Begabung gibt, die Sie nicht einbringen können. Jeder von Ihnen bringt seine eigenen Stärken mit in den Beruf des Diakons. Auch Ihre Schwächen und Grenzen gehören zu diesem Zeugnis, denn gerade sie können für andere stärkend sein: Gott sucht keine Superhelden, sondern Menschen aus Fleisch und Blut - mit Hand und Fuß, mit Herz und Verstand. Wer seine Stärken und seine Grenzen kennt, wird auch den anderen Menschen nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung und Unterstützung verstehen.
In diesem Zusammenhang musste ich an einen Satz des hl. Irenäus von Lyon denken: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch.“ (Adv. Haer. IV, 20,7). „Das Leben des Menschen ist die Schau Gottes.“ Das ist ein starker Satz. Der frühere Spiritual des Münsteraner Priesterseminars Johannes Bours hat diesen Satz in einem Text kommentiert: „Ich habe die ungeheuer große Freude, ein Mensch zu sein, einer Gattung von Lebewesen anzugehören, in der Gott selbst Fleisch geworden ist. Zwar könnten mich die Schmerzen und Absurditäten, denen wir Menschen ausgesetzt sind, überwältigen, aber jetzt erkenne ich deutlich, was wir in Wirklichkeit alle sind. Könnte doch nur jeder das erkennen! Aber man kann es nicht erklären. Es gibt einfach keine Möglichkeit, den Menschen zu sagen, dass sie alle berufen sind, wie strahlende Sonnen durch die Welt zu laufen, die Gottes Herrlichkeit widerspiegeln."[1]
Sie, liebe Weihekandidaten, sollen solche Sonnen sein – oder, bescheidener ausgedrückt, solche Lichter. Aber Sie sollen auch anderen möglich machen, zu strahlen. Besonders sollen Sie jene im Blick haben, die den von Bours beschriebenen Schmerzen und Absurditäten dieser Welt ausgeliefert sind. So treten Sie in jene Bewegung ein, die Christus in der Annahme der Menschheit ermöglicht und vorgelebt hat. Gott selbst ist Fleisch geworden, Diener und Sklave aller. In Christi Nachfolge dürfen Sie leben und mit Ihren unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten arbeiten, Ihre Grenzen möge er weiten.
Bereits der Apostel Paulus weiß auch um den geistlichen Wert seiner Schwachheiten und Begrenzungen. Im 2. Korintherbrief schreibt er: „Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (12,9f.) Sie dürfen als lebendige Menschen mit Stärken und Schwächen zur Ehre Gottes dienen – und zum Wohl und Heil der Menschen.
Ihre unterschiedlichen Werdegänge haben Sie auf unserer Bistumshomepage dargestellt. Dabei haben Sie jeweils verschiedene Motivationen und Schwerpunkte benannt. Ich möchte diese für Sie alle zusammenfassen, denn sie ergänzen sich gut.
Freude am Glauben leben und weitergeben ist ein wichtiger Punkt für den kirchlichen Dienst. Dazu muss man nicht naiv sein. Wir alle wissen um die Schwierigkeiten der Kirche, wir wissen um die Situation in Kirche und Gesellschaft. Gerade da brauchen Menschen Quellen des Glaubens, des Vertrauens und der Hoffnung. Sie brauchen heute dringend Vorbilder, die Licht in eine oft dunkle Welt bringen. Papst Franziskus hat uns mit „Evangelii Gaudium“ – „Die Freude am Evangelium“ einen großartigen Text geschenkt, jüngst hat ihn Papst Leo gewürdigt. Papst Franziskus schreibt dort: „Die große Gefahr der Welt von heute mit ihrem vielfältigen und erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem bequemen, begehrlichen Herzen hervorgeht, aus der krankhaften Suche nach oberflächlichen Vergnügungen, aus einer abgeschotteten Geisteshaltung. Wenn das innere Leben sich in den eigenen Interessen verschließt, gibt es keinen Raum mehr für die anderen, finden die Armen keinen Einlass mehr, hört man nicht mehr die Stimme Gottes, genießt man nicht mehr die innige Freude über seine Liebe, regt sich nicht die Begeisterung, das Gute zu tun. Auch die Gläubigen laufen nachweislich und fortwährend diese Gefahr. Viele erliegen ihr und werden zu gereizten, unzufriedenen, empfindungslosen Menschen. Das ist nicht die Wahl eines würdigen und erfüllten Lebens, das ist nicht Gottes Wille für uns, das ist nicht das Leben im Geist, das aus dem Herzen des auferstandenen Christus hervorsprudelt. Ich lade jeden Christen ein, gleich an welchem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen. Es gibt keinen Grund, weshalb jemand meinen könnte, diese Einladung gelte nicht ihm, denn niemand ist von der Freude ausgeschlossen, die der Herr uns bringt.“ (EG 2f.).
Sie nennen zwei Quellen dieser Freude. Die eine ist das Gebet. Ich kann Sie nur ermutigen, dieses Gebet zu pflegen – als etwas ebenso Lebensnotwendiges wie die tägliche Nahrung und die Luft zum Atmen. Da ist einmal die Liturgie der Kirche, in der Sie mitwirken. Das Stundengebet soll Ihr täglicher Begleiter sein, die Eucharistie Nahrung und Quelle des Lebens und der Freude. Aber es braucht auch das persönliche Beten, das Eintauchen in die Gegenwart Gottes, das Schweigen, das Aushalten auch seines Schweigens.
Als weitere Quelle Ihrer Freude wurde von Ihnen die Theologie genannt. Neben der persönlichen Frömmigkeit halte ich das reflektierte Denken in einer Zeit unübersehbarer und häufig aggressiv vorgetragener Meinungen für überlebenswichtig. Wer eine Meinung hat, ist nicht automatisch im Recht. Die Theologie kann gerade in ihrer Komplexität vor allzu einfachen Parolen bewahren.
Sie alle freuen sich auf die Seelsorge und die Begegnung mit Menschen in ihren vielfältigen Lebenssituationen. Ohne Liebe zum Menschen, ohne Achtsamkeit und ohne Empathie kann man nicht Seelsorger sein. Kurz gesagt: Es ist eine schöne Aufgabe, als lebendiger Mensch die Ehre Gottes zu leben. Dazu sind wir aufeinander angewiesen – wir brauchen das Gebet und die Gemeinschaft.
Drei von Ihnen werden Ihren Dienst ohne Ehe und Familie leben. Damit dieser Weg gelingt, bedarf es der genannten Quellen. Die Entscheidung von Dr. Gruber wird von seiner Ehefrau unterstützt und begleitet. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch hier wird spürbar, wie sehr diese Quellen Kraft schenken und stärken.
Ihnen wünsche ich, dass Sie diese gemeinsam tiefer entdecken und Ihren Glauben lebendig gestalten können. „Ich will den Namen des HERRN verkünden. Preist die Größe unseres Gottes.“ Wir freuen uns, dass Sie Ihren Weg weitergehen. Möge es Ihnen gelingen, dieses Lob Gottes in Ihrem Leben zu verwirklichen – wir begleiten Sie dabei gerne im Gebet.
[1] Nehmt Gottes Melodie in euch auf. Worte für das tägliche Leben, Freiburg i. Br. 1985, 132f.