Predigt von Bischof Peter Kohlgraf Wallfahrt Liebfrauenheide u. Treffen Firmlinge Hainburg, Donnerstag, 14. Mai 2026, 10.00 Uhr:Was sind christliche Haltungen auf dem Pilgerweg?

„Wir sind nur Gäste auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.“ Dieses Lied von Georg Thurmair aus dem Jahr 1935 ist unzählige Male auf Begräbnisfeiern gesungen worden. Heute haben wir uns auf einen Pilgerweg hier zur Liebfrauenheide gemacht. Pilgern bedeutet, mit den Füßen zu beten. Pilgern bedeutet, sich auf einen bewusst gestalteten Weg zu machen. Pilgern ist ein alter Brauch, der heute wieder zunehmend modern wird. Gerade die großen Pilgerwege werden von vielen Menschen begangen, unabhängig davon, ob sie an Gott glauben oder nicht. Sie wollen zu sich finden oder Gott näherkommen, ihre Grenzen kennenlernen oder neue Perspektiven gewinnen.
Das Leben des Menschen ist Wanderschaft, oft ruhelos, beschwerlich, wie es auch das Lied beschreibt: „Gar manche Wege führen aus dieser Welt hinaus, o lass uns nicht verlieren, den Weg zum Vaterhaus.“ Das Erscheinungsjahr 1935 ist nicht unwichtig. Es ist die Zeit der großen, lauten Triumphe der Nationalsozialisten in Deutschland. Auch im katholischen Bereich gab es Töne wie […]: „Alles für Deutschland! Deutschland für Christus.“ Man erhoffte sich ein ewiges Reich, das von Christus regiert werden sollte. Auch das waren Töne einer politischen christlich motivierten Opposition. Kein Mensch kann sich als Heilsbringer inszenieren. Weder menschliche Führer noch politische Ziele sind die letzten Dinge. Sie sind immer nur vorläufig und bestenfalls Hilfen auf dem Weg zum ewigen Heil. Damals nahm die Politik religiöse Züge an. Der Führer war der Heilsbringer, es gab die Verheißung ewigen Glücks und Wohlstands. Dagegen setzen Katholiken damals die Vision vom ewigen Reich des Königs Christus, der bereits hier zu herrschen beginnt. Das erinnert an die Frage der Jünger an den Auferstandenen am Tag seiner Himmelfahrt. Bis zuletzt erhoffen sich die Jünger ein irdisches Reich, eine Art Himmel auf Erden: „Wann stellst Du das Reich für Israel wieder her?“ - fragen sie. Und wieder müssen sie lernen, dass Gottes Herrschaft kein Himmelreich auf Erden errichten will, sondern viel mehr sein will.
Heute hören wir ähnliche Töne, wobei Vergleiche mit 1935 immer hinken. Weltweit begründen Politiker unterschiedlicher Ideologien ihre Machtansprüche religiös. Kriege werden religiös begründet, sie sollen der Verwirklichung des Reiches Gottes dienen. Ein Politiker aus den USA sagt, er bete, dass jede abgeschossene Kugel einen Feind töte. Kardinal Marx und andere haben diese Haltung als Gotteslästerung bezeichnet – und damit haben sie recht. Keine irdische Politik, kein irdischer Machtanspruch kann sich als alleinseligmachend verstehen. Irdische Politik ist die Kunst des Kompromisses, des Gesprächs und der Suche nach passenden Wegen zur Förderung des Gemeinwohls, zur Stärkung der Rechte jeder Person sowie von Gerechtigkeit und Frieden.
Hier in der Liebfrauenheide erinnern wir uns besonders an Bischof Ketteler, der die Gerechtigkeit und die Menschenwürde eines jeden Einzelnen zur Grundlage der katholischen Soziallehre machte. Bischof von Ketteler hätte deutliche Worte zur Weltlage zu sagen, in der heute wieder nicht die Stärke des gemeinsamen Rechts gilt, sondern das Recht des Stärkeren, im schlimmsten Fall mit dem Hinweis auf eine göttliche Sendung. Da schlägt das Lied einen anderen Ton an. Weder propagiert es religiöse Machtansprüche, noch akzeptiert es menschliche und politische Allmachtsphantasien. Es erinnert an die Vorläufigkeit alles Irdischen, den Charakter der Pilgerschaft. Weder Glaube noch Politik verheißen verlässliches irdisches Glück, wir sind unterwegs auf dem Weg zum Vaterhaus. Der heutige Tag hier erinnert uns daran.
Dem heutigen Lebensgefühl entspricht der Gedanke eines Lebenswegs als Wanderung ohne Ruhe und mit Beschwerden nicht unbedingt. Das war 1935 nicht anders. Niemand durfte sich einsam und verlassen fühlen, denn die Volksgemeinschaft versprach eine verlässliche Gemeinschaft und Fröhlichkeit. Die Politik war ein guter Ersatz zu Christus, dem Erlöser. „Gar manche Wege führen, aus dieser Welt hinaus“, so dichtet Georg Thurmair. Alle Wege der irdischen Pilgerschaft enden im Tod, aber heute muss ich mich entscheiden, welchen Weg ich gehen will. Man muss sich entscheiden, mit welchen Haltungen man den eigenen Pilgerweg gehen will. Was sind christliche Haltungen auf dem Pilgerweg? Jedes menschliche Heilsangebot muss kritisch gesehen werden. Spätestens, wenn es dem Gebot Jesu zur Gottes- und Nächstenliebe entgegensteht, ist es abzulehnen. Jeder Versuch, den eigenen auch politischen Weg als unfehlbar religiös zu überhöhen, muss kritisch hinterfragt werden dürfen. Jeder Versuch, die Welt in Schwarz und Weiß, in Freund und Feind einzuteilen, verkennt die Vorläufigkeit dieser Welt. Jeder Versuch, Gott und sein Reich für die eigenen Ideen zu instrumentalisieren, läuft Gefahr, zur Gotteslästerung zu werden. Der Weg ins Vaterhaus in der Nachfolge Jesu kann niemals ein Weg des Hasses und der Verachtung anderer sein.
Was bedeutet das heute für mich? Am Himmelfahrtstag kann ich das Bild der irdischen Pilgerschaft gut nachvollziehen. Alles Irdische ist tatsächlich nur vorläufig. Der Glaube an ein himmlisches Ziel lässt mich vieles hier auf Erden lieben, doch mein Erlöser ist allein Christus. Ich bin dankbar für alle, die in Politik und Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Wir sollten mehr für sie beten als sie zu kritisieren. Keine irdische Gemeinschaft kann mir letztes Glück und Heil bieten. Kein Mensch kann Gott abschließend erklären oder ihn für die eigenen Zwecke gebrauchen.
So kann ich Thurmairs Strophe gut mitsprechen: Nur einer gibt auf diesem Weg zum Vaterhaus Geleite, das ist der Herr Christ. Er wandert treu zur Seite. In diesen lauten, oft aggressiven und verstörenden Zeiten sollten wir uns an ihm orientieren, der uns den Weg ins Vaterhaus vorangegangen ist.