Predigt zum Ökumenischen Gottesdienst zur Eröffnung des Landtags von RLP in St. Peter zu Mainz, Montag, 18. Mai 2026, 09:30 Uhr: Wer Angst hat, ist gelähmt

Kontrollieren Angst und Dunkelheit unser Leben, das Leben in der Gesellschaft, das Leben der politisch Verantwortlichen? Tatsächlich gibt es das Wort von der „German Angst“. Offenbar verbinden manche gerade mit den Menschen in unserem Land diese Haltung von Angst und Furchtsamkeit. Befragt man die KI, erhält man Hinweise auf eine Definition dieser „German Angst“: Tendenz zu ausgeprägter Vorsicht, Bedenkenträgerei und Pessimismus, zudem eine generelle Neigung zur Risikoabwehr. Es gibt demnach eine Angst vor Neuem, vor Kontrollverlust. Eine Folge ist eine Perfektion, die alles regeln und kontrollieren will.
In meinen Jahren als Seelsorger gibt es kaum einen Satz, den ich häufiger gehört habe als: „Das hatten wir noch nie, das brauchen wir nicht.“ Darüber kann man schmunzeln. Zugleich gibt es in unserer Gesellschaft Kräfte, die auf der Klaviatur solcher Ängste hervorragend spielen. Ängstliche Menschen sind leichter manipulierbar, weil sie sich selbst wenig zutrauen und oft auch denen misstrauen, die Verantwortung tragen. Diese Angst ist nicht allein genetisch bedingt; Bedenkenträgerei und Pessimismus werden auch gezielt gesät.
In einem Beitrag für die Kirchenzeitung habe ich jüngst Folgendes geschrieben, es passt an diesem Morgen. Ich habe davon berichtet, dass ich gerne die Abenteuer von Asterix und Obelix lese. In den vergangenen Tagen habe ich noch einmal den Band „Streit um Asterix“ herausgeholt. Er ist in den 1970er Jahren erschienen und somit etwa 50 Jahre alt. In diesem Band taucht Tullius Destructivus auf. Er stiftet überall dort, wo er auftaucht, Streit und Misstrauen und zerstört die Gemeinschaft. Cäsar, der immer noch daran arbeitet, das kleine, widerspenstige gallische Dorf zu besiegen, kommt dieser Mann gerade recht. Militärisch haben die Römer gegen die Gallier keine Chance, aber wenn sie das Miteinander durch Misstrauen zerstören können, sind die Gallier besiegt. Tullius Destructivus arbeitet mit unbelegbaren Anschuldigungen, Unterstellungen, Beleidigungen und Gerüchten. So wird er in das gallische Dorf eingeschleust. Tatsächlich scheint das Ende des kleinen Dorfes gekommen, als es ihm gelingt, das gegenseitige Vertrauen zu zerstören. Gerüchte bestimmen den Alltag und die Wirklichkeit wird durch gezielt gestreute Behauptungen geprägt. Alle misstrauen einander. Angst lähmt die Menschen, sie belauern einander. Wer Angst hat, ist gelähmt.
Die christliche Botschaft setzt die Hoffnung dagegen. Während Furcht und Ängstlichkeit lähmen, motiviert die Hoffnung. Denn wer hofft, ist sicher, etwas gestalten und verändern zu können. Während der ängstliche Mensch den Eindruck hat, im Meer der Zeit unterzugehen und sich nur mühsam über Wasser halten kann, ist der hoffnungsvolle Mensch davon überzeugt, dass er erhobenen Hauptes weitergehen kann. Das gelingt, weil es einen Grund gibt, der ihn trägt.
Für mich als Christ ist dies das Fundament der Liebe Gottes, das mich trägt und nicht untergehen lässt. Seinen Segen glaube ich auch über dieser Welt. Doch Segen entfaltet sich nicht von selbst, sondern dort, wo Menschen Frieden, Hoffnung und ein gutes Miteinander leben und weitergeben. Das ist der Grund der Hoffnung auch an diesem Tag eines Neuanfangs im Landtag.
Dabei ist der hoffende Mensch nicht naiv. Er sieht die Probleme und Herausforderungen durchaus. Als Jesus eines Tages schildert, was alles auf die Menschheit zukommt an Krieg, Naturkatastrophen und anderen Dunkelheiten, sagt er seinen Jüngern und Jüngerinnen: „Wenn das alles geschieht, erhebt euer Haupt, denn eure Erlösung ist nahe.“ Gott ist nahe, er trägt euch, ihr seid dem Schlechten nicht schicksalhaft ausgeliefert, ihr könnt Hoffnung haben, denn ihr könnt gemeinsam gestalten, ihr seid auf einem Fundament, dem Segen Gottes, dem Glauben, der euch trägt. Wer hofft, glaubt, dass er mit Gottes Hilfe und in Gemeinschaft mit anderen etwas gestalten kann.
Allen, die in Verantwortung sind, wünsche ich dieses Vertrauen und diese Hoffnung. Ich wünsche, dass nicht Misstrauen, Bedenkenträgerei und Pessimismus den Alltag und die Entscheidungen bestimmen, sondern Zuversicht und Hoffnung. „Erhebt euer Haupt“, sagt Jesus. Gerade ist der Katholikentag zu Ende gegangen. „Habt Mut, steht auf“ war sein Motto. Diesen Mut, diese Hoffnung und das Gottvertrauen wünsche ich allen für die gemeinsame Arbeit in der Regierung und im Parlament. Gottes Segen allen!